Geschichte und Charakter
Der Nu Metal ist eine Fusion aus Alternative Metal, Hip-Hop, Funk, Grunge und Industrial, entstanden Mitte der 90er Jahre mit Korn (Debüt von 1994, produziert von Ross Robinson) und dominant bis in die frühen 2000er mit Deftones, Limp Bizkit, Slipknot, Linkin Park (Hybrid Theory, 2000), System of a Down, Papa Roach, P.O.D., Staind, Disturbed, Static-X. Er gilt als aggressivere Welle des Alternative Metal, der von Helmet (Drop D) und Faith No More tiefergestimmte Riffs und Groove übernimmt.
Die Zutaten: 7-saitige Gitarren oder 6-saitige Gitarren in sehr tiefen Stimmungen (Deftones und Slipknot gehen über Drop D hinaus), einfache und synkopierte Riffs im Palm Mute, Hip-Hop-Groove (geswingte Sechzehntel, synkopierte Bassdrum), 5-saitiger Bass mit perkussivem Sound und Slap (Fieldy), DJs und Sampler (Scratches, Samples, Synths), Stimmen im Wechsel zwischen Rap, melodischem Gesang und Schreien, Texte über persönliche Angst, Wut und Entfremdung. Gitarrensoli fast nicht vorhanden, ersetzt durch Effekte (Whammy, Delay, Geräusche).
Nach dem Niedergang Mitte der 2000er erlebt das Genre in den 2020ern ein Revival (Tallah, Ocean Grove, Kim Dracula, Bad Omens, Spiritbox, Sleep Token, Loathe) mit modernen Produktionen und Trap-Einflüssen.
Tonleitern und Tonarten
Natürliches Moll (Äolisch)
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7. In D (Drop D): D E F G A Bb C.
- Akkorde: i Dm, III F, iv Gm, v Am, VI Bb, VII C.
- Verwendung: melodische Refrains (Linkin Park, Papa Roach), Akkordfolgen i–VI–III–VII.
- Reales Beispiel: Linkin Park — In the End (es-Moll/B, Akkordfolge mit Klavier über vier Akkorde; die Transkriptionen variieren).
Phrygisch
- Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7. In D: D Eb F G A Bb C.
- Charakteristischer Ton: b2 (Eb) auf der leeren Saite.
- Verwendung: „Ein-Ton“-Riffs mit der kleinen Sekunde, der Korn-/Slipknot-Sound.
- Reales Beispiel: Korn — Blind (tiefergestimmtes Riff mit Chromatik).
Chromatik und Dissonanz
- Verwendung: Cluster aus kleinen Sekunden, Riffs mit dissonanten Tönen zwischen den Gitarren (Korn: Munky und Head spielen unterschiedliche Parts im Halbtonabstand), Tritoni.
- Reales Beispiel: Korn — Freak on a Leash (Flageoletts und Dissonanzen auf den hohen Saiten über dem tiefen Riff).
Moll-Pentatonik und Blues
- Formel: 1 b3 4 5 b7 / + b5. In D: D F G A C / D F G Ab A C.
- Verwendung: Groove-Riffs im Stil von Limp Bizkit und RATM, Rap-Flow des Gesangs.
Phrygisch dominant und harmonisches Moll (System of a Down)
- Phrygisch dominant: 1 b2 3 4 5 b6 b7 (in D: D Eb F# G A Bb C). Harmonisches Moll: 1 2 b3 4 5 b6 7.
- Verwendung: armenische und nahöstliche Melodien von System of a Down (Daron Malakian): übermäßige Sekunde, abrupte Wechsel.
- Reales Beispiel: System of a Down — Chop Suey! (Melodien mit Farben aus harmonischem Moll/phrygisch dominant).
Wie wählt man
- Schweres Riff: Phrygisch oder Chromatik auf der tiefsten leeren Saite. Refrain: Äolisch. Rap-Groove: Pentatonik/Blues. Exotik (SOAD): phrygisch dominant und harmonisches Moll.
Harmonik
Funktion
Einfache und repetitive Harmonik: Riff auf einem tiefergestimmten Ton mit Chromatik (i–bII), Schleifen aus 4 Mollakkorden in den melodischen Refrains, Sekunddissonanzen zwischen den Gitarren. Viele Stücke auf zwei Akkorden.
Riffs auf einem Ton
- Tiefe leere Saite im Palm Mute repetiert mit synkopiertem „Hip-Hop“-Rhythmus; die Töne darüber (b2, b3, b5) färben.
Melodische Refrains
- Äolische Progressionen (i–VI–III–VII), offene Akkorde mit der None, manchmal Klavier oder Synth als Stütze.
Stimmungen
- Drop D, Drop C, D Standard und tiefere Stimmungen auf 6 Saiten; 7 Saiten in A Standard (Korn: A D G C F A D, einen Ton unter der 7-Saiter-Standardstimmung: von vielen Quellen berichtete Angabe) oder Drop G.
Voicings
- Tiefergestimmte Powerchords, Dyaden aus kleinen Sekunden, Flageoletts, cleane Akkorde mit Delay in den Strophen.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Drop D | d-Moll | D5 Eb5 | i bII | Schweres, einfaches Riff in Drop-Stimmung. |
| Melodischer Refrain | d-Moll | Dm Bb F C | i VI III VII | Die Progression der Refrains im Stil von Linkin Park. |
| Moll mit V | h-Moll | Bm G A F# | i VI VII V | Das Fis-Dur treibt zum Grundton. |
| Chromatisch | cis-Moll | C#5 D5 C#5 E5 | i bII i III | Hypnotisches und obsessives Riff. |
| Halbtondissonanz | a-Moll | A5 Bb5 A5 G5 | i bII i VII | Zwei Gitarren im Halbtonabstand: Korn-Sound. |
| Exotisch (SOAD) | d-Moll | Dm A Bb A | i V VI V | Harmonisches Moll mit beharrlich wiederholter Dur-Dominante. |
Rhythmus und Groove
Midtempo-4/4 (90–110) mit Hip-Hop-Groove: leicht geswingte Sechzehntel (54–58 %), synkopierte Bassdrum, kräftige Snare auf 2 und 4, Stopps und Stille; überschwere Halbtempo-Parts, „Bounce“-Rhythmen (Limp Bizkit), gerappte Abschnitte auf fast Boom-Bap-Beats. Die Gitarren spielen synkopierte Riffs, die dem Rap Raum lassen. Menschliches, aber „schweres“ Feel.
Schlagzeug
Rolle
Groove-Schlagzeug: Kreuzung aus Metal und Hip-Hop. Vorbilder: David Silveria (Korn), Joey Jordison (Slipknot, auch mit Doppelbassdrum und Blast), Abe Cunningham (Deftones), Rob Bourdon (Linkin Park), John Dolmayan (System of a Down), John Otto (Limp Bizkit).
Bassdrum
- Synkopiert wie im Hip-Hop: z. B. Step 1, 4, 7, 11 (x..x..x...x.....); Unisono mit dem tiefergestimmten Riff in den schweren Passagen; Doppelbassdrum bei Slipknot.
Snare
- 2 und 4 kräftig, manchmal mit einem darübergelegten Hip-Hop-Sample; Ghost Notes und Flams; Halbtempo in den Breakdowns.
Hi-Hat und Becken
- Hi-Hat in Sechzehnteln oder offenen Achteln („trashy“ Sound), China und Crash auf den Akzenten.
Percussion
- Zusätzliche Percussionisten (Slipknot), Loops, Samples.
Interaktion
- Das Schlagzeug lässt dem Rap (leerere Strophen) und dem DJ Raum; im Refrain offene Becken.
Abschnitte
- Intro mit Sample/Scratch → Rap-Strophe mit Groove → Pre mit Stopps → voller gesungener Refrain → Bridge mit Breakdown → Schluss-Refrain.
Fills
- Kurz und funky, manchmal kein Fill, sondern Stopp.
Sounds
- Hohe Snare mit „Crack“ (Korn: kleine, straff gespannte Snare), Bassdrum mit Klick, trashy Becken; gesampelte Drum-Loops.
Typische Fehler
- Zu gerader Groove (der Hip-Hop-Swing fehlt); Breakdown ohne Pausen.
Bass
Sound
5-saitiger Bass (Ibanez, mit locker gespannten Saiten), perkussiver und „klankiger“ Slap-Sound (Fieldy von Korn spielte mit sehr tiefen Saiten und einem hohen, fast perkussiven Sound), oder voller, verzerrter Bass (Chi Cheng, Paul Gray).
Rolle
- Unisono mit den Gitarren oder Funk-/Hip-Hop-Groove; in den Rap-Strophen einfache, schwere Linien.
Verhältnis zur Bassdrum
Synkopiertes Ineinandergreifen; der Slap-Bass belegt die oberen Mitten (2–4 kHz) und lässt den Sub der Bassdrum und den tiefen Gitarren.
Beispiele
- Korn — Blind; Limp Bizkit — Break Stuff; System of a Down — Aerials.
Harmonieinstrumente
Layering der Rhythmusgitarren (moderner Metal)
- Quad Tracking: 4 separate Einspielungen desselben Riffs (niemals Kopien: Die Mikro-Unterschiede sind für die Breite nötig), zwei pro Seite: L100 + L80 und R100 + R80 (oder alle vier bei L100/R100, wenn du maximale Breite willst).
- Unterschiedliche Amps pro Seite oder pro Paar: zum Beispiel Mesa/Boogie Dual Rectifier + Peavey/EVH 5150 (oder deren Simulationen), oder derselbe Amp mit zwei verschiedenen Boxen-IRs (Mesa 4x12 mit V30 + Marshall 1960 mit Greenback). Sound On Sound empfiehlt für live aufgenommene Gitarren zwei Amps mit kontrastierenden/komplementären Klängen, die ganz außen gepannt werden.
- Doppelt vs. vierfach: Das Double Tracking (L100/R100) ist definierter und „enger“; das Quad Tracking ist größer, aber weniger präzise. Thrash und technischer Death bevorzugen 2 sehr präzise Spuren; moderner Metalcore, Deathcore und Djent verwenden oft 4 Spuren oder 2 Spuren + Re-Amp.
- DI immer aufnehmen: ermöglicht das Re-Amping und das Ändern des Sounds im Mix.
- Leads und Harmonien: in der Mitte oder L30/R30 (Terzharmonien, eine pro Seite), mit Delay und Hall; die Rhythmusgitarre bleibt trocken.
Besonderheiten des Nu Metal
- 7-saitige Gitarren (Ibanez Universe und RG7, Korn, Limp Bizkit, Slipknot) oder tiefergestimmte 6-Saiter (Deftones in Drop C/Drop B; Linkin Park in Drop C#/Drop D und D Standard in den einzelnen Stücken), Verstärker Mesa Rectifier, Peavey 5150, Marshall JCM; DigiTech Whammy (Wes Borland, Tom Morello als Einfluss), Delay und Flanger.
- Zwei Gitarren doppeln oft nicht: Die eine spielt das tiefe Riff, die andere Geräusche, Flageoletts oder Dissonanzen (Korn); in den Refrains kehrt man zum Quad Tracking zurück.
- Cleane Parts mit Chorus und Delay in den Strophen (Deftones, Linkin Park).
DJ und Sampler
- Scratches, Samples, Synths und Pads (Joe Hahn, DJ Lethal, Sid Wilson), identitätsstiftendes Element des Genres.
Melodie und Gesang
Gesang
- Wechsel aus Rap, melodischem Gesang und Schreien: Jonathan Davis (klagend, Scat, Schreie), Chester Bennington (kraftvolle Melodie und Scream) + Mike Shinoda (Rap), Chino Moreno (Flüstern und Schrei), Serj Tankian (theatralisch, opernhaft), Fred Durst (aggressiver Rap), Corey Taylor.
- Einfache, „weinerliche“ Melodien, kathartische Refrains.
Chöre
- Doppelungen, Harmonien in den Refrains, gefilterte Stimmen (Telefon-/Megafon-Effekt), Rap-Ad-libs.
Effekte
- Gefilterte (Bandpass), verzerrte, gedoppelte Stimmen; Schreie mit starker Kompression.
Instrumente
- 7-saitige Gitarren oder tiefergestimmte 6-Saiter.
- 5-saitiger Bass.
- Schlagzeug, manchmal zusätzliche Percussion.
- Gesang (Rap, Gesang, Schreie).
- DJ (Plattenspieler), Sampler, Synths.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Prophet-5 V — Pad und Synth: Dunkle Pads und unterstützende Leads (Linkin Park).
- Mellotron V — Streicher und Chöre: Gesampelte und melancholische Atmosphären.
- Augmented Strings — Streicher: Orchestrale Intros und Refrains.
- Emulator II V — Sampler der 80er: Lo-Fi-Samples und „Stabs“ wie die der Nu-Metal-DJs.
- Piano V — Klavier: Die Intros und Klavier-Loops von Linkin Park (In the End).
Songaufbau
Form (3:00–4:00)
| Abschnitt | Takte | Was passiert |
|---|---|---|
| Intro | 4–8 | Sample, Scratch, Riff oder Klavier |
| Strophe 1 | 8–16 | Rap über Groove, synkopierte oder cleane Gitarren |
| Pre-Refrain | 4 | Stopp, gefilterte Stimme |
| Refrain | 8 | Melodischer Gesang/Schreie, Gitarrenwand |
| Strophe 2 + Pre + Refrain | 20–28 | |
| Bridge / Breakdown | 8 | Halbtempo, Schreie, Scratch |
| Schluss-Refrain | 8–16 | |
| Outro | 4 | Riff oder Sample |
Mixing und Mastering
Klangziel
Riesige Bässe und Groove: dicke, breite tiefergestimmte Gitarren, perkussiver Bass, Schlagzeug mit Hip-Hop-Attack, Rap-Stimme vorn und verständlich, DJ-Elemente gut getrennt. Referenzen: Korn — Follow the Leader (1998), Linkin Park — Hybrid Theory (2000, Mix von Andy Wallace), Deftones — White Pony (2000), Slipknot — Iowa (2001).
Bassdrum
- EQ: HP 30 Hz; +4 dB bei 50–60 Hz; −6 dB bei 350 Hz; +4 dB bei 3–5 kHz. Kompression 4:1, 4 dB; Sample.
Snare
- EQ: +2 dB bei 200 Hz; −3 dB bei 700 Hz; +5 dB bei 4–6 kHz (hoher Crack); Kompression 6 dB; kurzer Room.
Hi-Hat und Becken
- HP 400 Hz, −2 dB bei 4 kHz; trashy, aber nicht schrill.
- Schlagzeug-Bus: 4:1, 4 dB.
Bass
- Slap/perkussiv: HP 35 Hz; +3 dB bei 60–80 Hz; −4 dB bei 400 Hz; +4 dB bei 2–4 kHz; Kompression 8 dB. Voll: Bass Split wie im Metal.
Gitarren
- Quad L100/R100 + L80/R80; EQ: HP 60–80 Hz (7 Saiten); −3/−4 dB bei 200–350 Hz; +2 dB bei 1 kHz; −2 dB bei 3 kHz; LP 10 kHz. Dynamische EQ bei 80–150 Hz.
- Geräusch-/Flageolett-Gitarren: L50/R50 mit Delay.
Rap-Stimme
- Kette: EQ (HP 100 Hz, −3 dB 300 Hz, +4 dB 3–4 kHz) → 1176 (8 dB) → LA-2A (3 dB) → De-Esser → Sättigung.
- Trocken, in der Mitte, sehr präsent; Ad-libs L/R.
Gesang/Schreie
- Doppelungen L15/R15, kurzes Plate, Delay Throw; Schreie mit 10 dB Kompression.
DJ und Samples
- Scratch L30 oder R30, HP 200 Hz; Samples mit automatisierten Filtern.
FX
- Bandpass-Filter (Telefonstimme), Delay, kurze Halls.
Busse und Gruppen
- Gitarren-Bus mit dynamischer EQ; „Low-End“-Bus.
Sidechain
- Bass und Gitarren von der Bassdrum (dynamische EQ 50–120 Hz).
Master
- Ziel: −8/−6 LUFS integriert; True Peak −1 dBTP.
Häufige Fehler
- zu viel Bass in den Gitarren, der Bassdrum und Bass überdeckt; vergrabener Rap; Groove ohne Swing.
Referenzstücke für den Mix
- Korn — Freak on a Leash (1998); Limp Bizkit — Break Stuff (1999); Slipknot — Wait and Bleed (1999); Linkin Park — One Step Closer (2000); Deftones — Change (In the House of Flies) (2000); System of a Down — Chop Suey! (2001).
Referenz-Hörbeispiele
- Korn — Blind (1994)
- Deftones — My Own Summer (Shove It) (1997)
- Korn — Freak on a Leash (1998)
- Limp Bizkit — Break Stuff (1999)
- Slipknot — Wait and Bleed (1999)
- Linkin Park — In the End (2000)
- Deftones — Change (In the House of Flies) (2000)
- System of a Down — Chop Suey! (2001)
- Papa Roach — Last Resort (2000)