House118–126 BPM5 Akkordfolgen

French house

Geschichte und Charakter

Französische Variante der House der 90er-Jahre, auch French Touch, Filter House oder Tekfunk genannt; sie ist eine Form von Eurodisco. Der Begriff „French Touch“ zirkuliert in Paris schon seit 1987 und wird 1996 von Martin James im Melody Maker bei der Besprechung von Super Discount von Étienne de Crécy populär gemacht. Zu den frühen Beispielen zählen die Tracks von Thomas Bangalters Roulé, Motorbass — Pansoul (1996), dann Daft Punk — Homework (1997), Cassius, Stardust (Music Sounds Better with You, 1998), Modjo (Lady, 2000), Bob Sinclar, Alan Braxe, Benjamin Diamond, St Germain (Jazz-Seite) und Air (nicht eigentlich House).

Der Sound basiert auf Samples europäischer und amerikanischer Disco der späten 70er und frühen 80er (Cerrone, Sheila & B. Devotion, Space Disco), Funk und P-Funk (Clinton, Bootsy), dem Jack von Chicago und dem französischen Pop der 70er: stark gefilterte Loops (ein Tiefpass, der sich öffnet und schließt), Phaser, Kompression, die mit der Kick „pumpt“, Vocoder und Talk Box. Der kommerzielle Erfolg kommt ab 1997; der Einfluss zeigt sich später bei Madonna (Confessions on a Dance Floor, 2005), in der Nu-Disco und in der zweiten Ed-Banger-Welle (Justice, eher Electro).

Ästhetik: freudig, retro, sinnlich, ironisch; hypnotische Wiederholung eines Samples, das dank des Filters „atmet“.

Tonleitern und Tonarten

Konvention: Die römischen Ziffern beziehen sich auf die Dur-Tonleiter desselben Grundtons (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll, ° vermindert, ø halbvermindert, + übermäßig; b/# = gegenüber Dur erniedrigte/erhöhte Stufe: in a-Moll ist F = bVI, G = bVII). Töne und Akkorde unten sind exakt nach der Formel berechnet.

Dorisch (Disco-Funk)

  • Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7 — Schritte: GT HT GT GT GT HT GT
  • Auf E: E F# G A B C# D (E Fis G A H Cis D)
  • Diatonische Dreiklänge: Em i · F#m ii · G bIII · A IV · Bm v · C#dim vi° · D bVII
  • Vierklänge: Em7 i7 · F#m7 ii7 · Gmaj7 bIIImaj7 · A7 IV7 · Bm7 v7 · C#m7b5 viø7 · Dmaj7 bVIImaj7
  • Charakteristischer Ton: die große Sexte (Cis): die i7–IV7-Vamps (Em7–A7), die der Disco-Funk verwendet und die French Touch sampelt.
  • Einsatz: Loops aus zwei Septakkorden, Bass in Oktaven, Funk-Gitarre.
  • Häufige Fehler: Pads mit natürlichem C über dem A7.

Dur mit Septimen (Disco)

  • Formel: 1 2 3 4 5 6 7 — Schritte: GT GT HT GT GT GT HT
  • Auf C: C D E F G A B (C D E F G A H)
  • Diatonische Dreiklänge: C I · Dm ii · Em iii · F IV · G V · Am vi · Bdim vii°
  • Vierklänge: Cmaj7 Imaj7 · Dm7 ii7 · Em7 iii7 · Fmaj7 IVmaj7 · G7 V7 · Am7 vi7 · Bm7b5 viiø7
  • Charakteristischer Ton: Maj7 und Septakkorde überall (Cmaj7, Dm7, G7): die Farbe der orchestralen Disco.
  • Einsatz: ii7–V7–Imaj7–vi7, IVmaj7–iii7–ii7–V7 (Abwärtsbewegungen aus Disco-Samples), Streicher und Klavier.
  • Häufige Fehler: Dreiklänge ohne Septimen: Der Disco-Geschmack geht sofort verloren.

Mixolydisch

  • Formel: 1 2 3 4 5 6 b7 — Schritte: GT GT HT GT GT HT GT
  • Auf A: A B C# D E F# G (A H Cis D E Fis G)
  • Diatonische Dreiklänge: A I · Bm ii · C#dim iii° · D IV · Em v · F#m vi · G bVII
  • Vierklänge: A7 I7 · Bm7 ii7 · C#m7b5 iiiø7 · Dmaj7 IVmaj7 · Em7 v7 · F#m7 vi7 · Gmaj7 bVIImaj7
  • Charakteristischer Ton: die b7 (G) über einem Dur-Akkord: A7 als Funk-Tonika.
  • Einsatz: Vamp I7–IV7 oder I–bVII, Gitarren-Riffs und Talk Box.
  • Häufige Fehler: den Leitton Gis im Bass einsetzen.

Moll-Pentatonik und Blues

  • Formel: 1 b3 4 5 b7 — Schritte: GT+HT GT GT GT+HT GT
  • Auf E: E G A B D (E G A H D)
  • Charakteristischer Ton: Funk-Klang, keine Halbtöne.
  • Einsatz: Disco-Bass-Riffs, Vocoder- und Talk-Box-Melodien, Gitarrenphrasen.
  • Häufige Fehler: zu dichte Phrasen: Funk lebt von Pausen.

Welche Skala wählen

In der French Touch ist die Skala oft durch das Sample vorgegeben: Man bestimmt Tonart und Skala des Loops (oft Dorisch oder Dur mit Septimen) und stimmt den Rest (Bass, Vocoder) auf das Sample ab. Für eigene Produktionen: Dorisch für den Funk, Dur mit 7 für elegante Disco, Mixolydisch für den P-Funk-Groove.

Harmonik

Funktion

Zyklisch und gesampelt: ein Loop von 1–4 Takten aus Disco oder Funk, über das ganze Stück wiederholt; die Harmonik ist die des Samples. Variationen kommen vom Filter, nicht von den Akkorden.

Techniken

  • Loops aus Septakkorden (ii7–V7–Imaj7–vi7, IVmaj7–iii7–ii7–V7).
  • Vamps aus zwei Akkorden, dorisch oder mixolydisch.
  • Pitch-Shifting des Samples, um die Tonart (und das Tempo) zu ändern.
  • Nachbau der Akkorde des Samples mit Synths zur Verstärkung (Layer aus Rhodes oder Pad unter dem Filter).

Harmonischer Rhythmus

1 Akkord pro Takt oder 2 pro Takt (Disco); Loops von 2 oder 4 Takten.

Beispiele

  • Dm7–G7–Cmaj7–Am7 (ii–V–I–vi) aus einem Disco-Sample.
  • Em7–A7 (i7–IV7) Funk-Vamp.
  • Bbmaj7–Am7–Gm7–C7 (IVmaj7–iii7–ii7–V7 in F) Disco-Abwärtsbewegung.

Typische Akkordfolgen

NameTonartAkkordeStufenSo setzt du es ein
ii–V–I–vi DiscoC-DurDm7 G7 Cmaj7 Am7ii7 V7 Imaj7 vi7Der typische Verlauf von Disco-Samples: elegant und zirkulär; Tiefpassfilter, der sich über 8 Takte öffnet.
Dorischer Funk-Vampe-Moll (dorisch)Em7 A7i7 IV7Zwei Septakkorde: das Herz vieler French-Touch-Loops; Bass in Oktaven und Gitarre in Sechzehnteln.
Disco-AbwärtsbewegungF-DurBbmaj7 Am7 Gm7 C7IVmaj7 iii7 ii7 V7Stufenweise Abwärtsbewegung zur Dominante: Disco-Streicher und -Klavier, in Loops geschnitten.
P-Funk-MixolydischA-Dur (mixolydisch)A7 G/AI7 bVII/IVamp über Orgelpunkt mit dem bVII über dem Grundton: Funk-Groove für Talk Box und Vocoder.
Disco-Mollh-MollBm7 Em7 F#m7 Em7i7 iv7 v7 iv7Moll-Loop ohne Dominante, aus einem nächtlichen Disco-Sample; perfekt zum Filtern.

Rhythmus und Groove

  • Feel: Disco-Groove: leicht geswingte Sechzehntel (52–56 % MPC), durchgehende Hi-Hat in Sechzehnteln, Open Hat im Offbeat.
  • Pumpen: Die Kompression (oder der Sidechain) des Loops mit der Kick erzeugt das typische rhythmische „Atmen“: Das Sample duckt auf dem Downbeat und taucht im Offbeat wieder auf.
  • Akzente: kräftige Kick, Snare/Clap auf 2 und 4, Tambourine im Offbeat.
  • Microtiming: Das Sample bringt das Microtiming der Originalband mit; die programmierten Drums müssen sich anpassen (ähnlicher Swing).

Schlagzeug

Kick

In Vierteln, groß und komprimiert, oft 909 oder Disco-Sample mit viel Körper; Grundton 55–70 Hz.

Snare und Clap

Disco-Snare + Clap auf 2 und 4, manchmal die Originaldrums des Samples mit einer 909 darüber.

Hi-Hat

Durchgehende geschlossene Hats in Sechzehnteln (Disco-Stil), Open Hat im Offbeat, Tambourine im Offbeat.

Percussion

Wenige: Tambourine, Shaker, Congas aus dem Sample; gelegentlich Cowbell.

Dynamik und Groove

Der Groove entsteht durch die Bus-Kompression: Alle Drums + Sample gemeinsam komprimiert, mit tempogerechtem Release, erzeugen das „Pumpen“. Eher konstante Velocities.

Zusammenspiel mit Bass und Stimme

Der Bass (oft aus dem Sample oder gespielt) läuft in Disco-Oktaven; Stimmen und Vocoder über dem Filter.

Abschnitte

Einleitung mit gefiltertem Loop und Kick; Öffnung des Filters; Break mit nur Sample und Vocoder; Drop mit offenem Filter.

Fills und Übergänge

Drum-Fills aus der Original-Disco, plötzlich schließender Filter, Phaser-Sweep, Stop von 1 Takt.

Klangwahl

909, Samples aus Disco-Breaks, Drum Machines der 80er; alles gesättigt und komprimiert.

Typische Fehler

Saubere, moderne Drums, die nicht mit dem Sample verschmelzen; keine Bus-Kompression; Swing, der sich vom Sample unterscheidet.

Bass

  • Sound: funkiger E-Bass (gesampelt), Synth-Bass Moog/Juno, manchmal der gefilterte Bass des Samples darunter.
  • Register: E1–E3.
  • Mit der Kick: Linien in Disco-Oktaven (tiefer Ton auf dem Downbeat, Oktave im Offbeat) oder synkopierter Funk; gemeinsamer Sidechain/gemeinsames Pumpen mit dem Sample.
  • Töne: Grundton und Oktave, Quinte, b7; chromatische Walks zwischen Akkorden.
  • Rhythmus: Sechzehntel mit toten Noten, Oktaven in Achteln.
  • Beispiele: der große, komprimierte Bass von „Around the World“; die Disco-Oktaven von „Music Sounds Better with You“.

Harmonieinstrumente

  • Disco-/Funk-Sample, gefiltert (Streicher, Gitarre, Klavier, Bläser).
  • Rhodes und Clavinet: Funk-Akkorde, Stabs.
  • Funk-Gitarre: gedämpfte Rhythmen in Sechzehnteln.
  • Streicher: aus dem Sample oder synthetisch.
  • Pads: wenige; manchmal ein Pad unter dem Filter für Kontinuität.

Melodie und Gesang

  • Stimme: aus Disco und Soul gesampelt, wiederholt und gefiltert; Vocoder und Talk Box (Daft Punk); männliche und weibliche Disco-Stimmen.
  • Chöre: aus dem Sample.
  • Melodien: einfache Synth-Riffs, Vocoder-Leads, Gitarre.
  • Effekte: Filter, Phaser, Flanger, extreme Kompression, Tape Delay.

Instrumente

Sampler (E-mu SP-1200, Akai S-Serie und MPC, Roland W-30), TR-909, Juno-106, Minimoog, Talk Box, Vocoder (Roland SVC-350, DigiTech Talker), Hardware-Filter (DOD FX25 Envelope Filter, Mutron, Filter des DJ-Mixers), Phaser (MXR Phase 90), Kompressoren (dbx), Gitarre, Bass.

Drum-Patterns

Synthesizer und Sounds

  • Vocoder V — Roboter-Vocoder: Carrier aus obertonreichem Sägezahn (oder ein Pad des Jun-6 V), 16–20 Bänder, leicht verschobene Formanten; Akkorde oder Melodien spielen, während man singt.
  • Clavinet V — Funk-Riff: Clavinet mit hellen Tonabnehmern und Wah/Autofilter für Rhythmen in Sechzehnteln.
  • Jun-6 V — Pad und Bass: Pad mit Chorus II unter dem Sample; runder Bass mit Sub.
  • Mini V — Funk-Bass: Sägezahn + Rechteck, Filter 40 %, moderate Env, kurzer Glide für die Oktavübergänge.
  • Stage-73 V — Rhodes: Septakkorde zur Verstärkung oder zum Ersatz des Samples, mit Phaser.
  • Solina V — Disco-Streicher: Ensemble-Streicher, die wie ein Disco-Sample gefiltert werden.

Songaufbau

Stücke von 5–7 Minuten (Album/Extended), 3:30 in den Radioversionen.

AbschnittTakteInhalt
Intro16geschlossen gefilterter Loop + Kick
Öffnung16–32der Filter öffnet sich langsam, der Bass setzt ein
Voller Groove32offener Loop, Stimme/Vocoder
Break8–16Kick raus, gefilterter Loop oder Phaser, nur Vocoder
Drop32alles offen, Variation
Outro16Filter, der sich wieder schließt

Die „Erzählung“ des Stücks ist die Filterautomation (Cutoff und Resonanz) auf dem Hauptloop.

Mixing und Mastering

Klangziel

Warm, komprimiert und „pumpend“: gesampelter Loop als Protagonist, der mit der Kick atmet; großer Bass; leicht abgerundete Höhen. Referenzen: Daft Punk — Around the World, Stardust — Music Sounds Better with You, Cassius — Feeling for You.

Kick

  • EQ: HP 30 Hz; +2 dB bei 60 Hz; −2 dB bei 300 Hz; +1 dB bei 2,5 kHz.
  • Kompression: VCA 4:1, Attack 20 ms; danach Bus-Kompression mit dem Loop.
  • Sättigung: Tape oder Röhre.
  • Stereo: mono.

Snare und Clap

  • EQ: HP 150 Hz, +2 dB bei 200 Hz (Disco-Körper) und +1 dB bei 5 kHz.
  • Kompression: FET 4:1, GR 4 dB.
  • Raum: kurzer Room, Plate 1 s.

Hi-Hat und Percussion

  • EQ: HP 400 Hz, LP 13 kHz (Sampler-Geschmack).
  • Panning: Hat 15 % L, Tambourine 25 % R.
  • Raum: trocken.

Gesampelter Loop (das Herz)

  • EQ: HP 80–150 Hz, wenn es einen separaten Bass gibt; sonst den Bass des Samples behalten und überschüssige 200–300 Hz entfernen.
  • Filter: resonanter Tiefpass (Fruity Love Philter, Fruity Filter, FabFilter Volcano, Autofilter), automatisiert: Cutoff von 300 Hz auf 20 kHz über 8–32 Takte, Resonanz 20–40 % für das typische „Pfeifen“.
  • Phaser: Fruity Phaser oder Soundtoys PhaseMistress mit langsamer Rate (1/2–1 Takt).
  • „Pumping“-Kompression: Bus-Kompressor (Drums + Loop) mit Ratio 4:1–8:1, Attack 5–10 ms, synchronisiertem Release 100–200 ms (≈ 1/8 bei 122 BPM = 246 ms), GR 6–10 dB; oder Sidechain von der Kick auf den Loop 6–10 dB.
  • Sättigung: Tape, leichte Bit-Reduktion (12 Bit, SP-1200-Stil).
  • Stereo: oft mono oder wenig breit wie die Originalsamples.

Bass

  • EQ: HP 30 Hz, +2 dB bei 70–100 Hz, +2 dB bei 800 Hz (Finger), LP 4 kHz.
  • Kompression: Opto 4:1, GR 5 dB.
  • Sättigung: Röhre/Tape.
  • Stereo: mono. Sidechain: 3–6 dB.

Vocoder, Talk Box, gesampelte Stimme

  • EQ: HP 120–150 Hz; −2 dB bei 400 Hz; +2 dB bei 2–3 kHz; LP 10 kHz.
  • Kompression: 4:1, GR 5–6 dB.
  • Effekte: Phaser, Chorus, punktiertes 1/8-Delay.
  • Stereo: zentral mit breitem Chorus.

FX

Filter-Sweeps, Phaser, Noise; Loop-Stops.

Busse und Gruppen

„Pump-Bus“ mit Drums + Loop + Bass gemeinsam komprimiert (siehe oben); Vocal-Bus; Tape auf dem Master-Bus.

Sidechain

Wenn du keine Bus-Kompression verwendest: Sidechain von der Kick auf den Loop (6–10 dB), Bass (3–6 dB), Pads (6 dB).

Master

Kette: EQ (HP 25 Hz) → Bus-Kompressor 2:1 (2–3 dB GR, Release Auto) → Tape → Limiter. Ziel −9/−7 LUFS integriert, True Peak −1 dBTP; das Pumpen muss hörbar bleiben: nicht mit dem Limiter plattdrücken.

Häufige Fehler

Sample, das nicht gestimmt oder nicht im Tempo ist; statischer Filter; zu aggressives Pumping, das den Loop verschwinden lässt; zu brillante und moderne Höhen; Sample-Bass und Synth-Bass im Konflikt.

Referenzstücke für den Mix

  • Daft Punk — Around the World (1997)
  • Stardust — Music Sounds Better with You (1998)
  • Modjo — Lady (Hear Me Tonight) (2000)

Referenz-Hörbeispiele

  • Motorbass — Pansoul (1996, album)
  • Étienne de Crécy — Super Discount (1996, album)
  • Daft Punk — Around the World (1997)
  • Stardust — Music Sounds Better with You (1998)
  • Cassius — Feeling for You (1999)
  • Modjo — Lady (Hear Me Tonight) (2000)
  • Daft Punk — One More Time (2000)

Quellen

Weitere Genres: House