Geschichte und Charakter
House, aufgebaut auf Disco-Samples — Streicher, Bläser, Funk-Gitarren, Stimmen —, zu Loops geschnitten, mit House-Drums verstärkt und durch Filter belebt. Der Begriff „Disco House“ wurde in Europa schon vor 1996 verwendet (zusammen mit „Nu-Disco“ und „New Disco“) für die französische House, die in Griechenland genau so beworben wurde; „Filter House“ bezeichnet die Variante, in der der automatisierte Tiefpass-/Hochpassfilter das eigentliche Soloinstrument ist. Disco House und French Touch überschneiden sich stark: Dieser Eintrag betrachtet das internationale Phänomen, nicht nur das französische.
Die Wurzeln liegen in den Re-Edits der New Yorker Disco-DJs und in der Garage, dann in der House der späten 90er: Armand Van Helden (U Don't Know Me, 1999), Spiller (Groovejet, 2000), Stardust, Daft Punk, Roger Sanchez, Bob Sinclar, Fedde le Grand, bis hin zu Eric Prydz — Call On Me (2004), der den Filter auf einem Sample von Steve Winwood an die Spitze der Charts bringt. In den 2010er–2020er-Jahren lebt die Tradition in Purple Disco Machine, Dimitri From Paris, Folamour, Mousse T und generell in der Nu-Disco und der „Re-Edit“-House weiter.
Ästhetik: Party, Nostalgie der 70er, orchestraler Groove, Euphorie ohne Aggressivität; das Stück „atmet“ im Rhythmus der Filteröffnung.
Tonleitern und Tonarten
Konvention: Die römischen Ziffern beziehen sich auf die Dur-Tonleiter desselben Grundtons (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll, ° vermindert, ø halbvermindert, + übermäßig; b/# = gegenüber Dur erniedrigte/erhöhte Stufe: in a-Moll ist F = bVI, G = bVII). Töne und Akkorde unten sind exakt nach der Formel berechnet.
Dur mit Septimen und Nonen
- Formel: 1 2 3 4 5 6 7 — Schritte: GT GT HT GT GT GT HT
- Auf Bb (B): Bb C D Eb F G A (B C D Es F G A)
- Diatonische Dreiklänge: Bb I · Cm ii · Dm iii · Eb IV · F V · Gm vi · Adim vii°
- Vierklänge: Bbmaj7 Imaj7 · Cm7 ii7 · Dm7 iii7 · Ebmaj7 IVmaj7 · F7 V7 · Gm7 vi7 · Am7b5 viiø7
- Charakteristischer Ton: die große Septime (A) und die None (C): reiche Disco-Akkorde (Bbmaj9, Ebmaj7, Cm9).
- Einsatz: Verläufe ii–V–I, IV–V–iii–vi, Streicher und Klavier; Stimmen in Dur-Pentatonik.
- Häufige Fehler: Pop-Voicings in Dreiklängen.
Dorisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7 — Schritte: GT HT GT GT GT HT GT
- Auf F: F G Ab Bb C D Eb (F G As B C D Es)
- Diatonische Dreiklänge: Fm i · Gm ii · Ab bIII · Bb IV · Cm v · Ddim vi° · Eb bVII
- Vierklänge: Fm7 i7 · Gm7 ii7 · Abmaj7 bIIImaj7 · Bb7 IV7 · Cm7 v7 · Dm7b5 viø7 · Ebmaj7 bVIImaj7
- Charakteristischer Ton: die große Sexte (D): i7–IV7 (Fm7–Bb7) als Funk-/Disco-Vamp.
- Einsatz: Loops aus zwei Akkorden mit Bass in Oktaven.
- Häufige Fehler: Des in der Melodie über dem Bb7.
Äolisch (nächtliche Disco)
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: GT HT GT GT HT GT GT
- Auf A: A B C D E F G (A H C D E F G)
- Diatonische Dreiklänge: Am i · Bdim ii° · C bIII · Dm iv · Em v · F bVI · G bVII
- Vierklänge: Am7 i7 · Bm7b5 iiø7 · Cmaj7 bIIImaj7 · Dm7 iv7 · Em7 v7 · Fmaj7 bVImaj7 · G7 bVII7
- Charakteristischer Ton: die b6 (F): „dunkle“ und melancholische Disco, à la Moroder oder Space Disco.
- Einsatz: Loop i–bVII–bVI–bVII, Bass-Arpeggios in Oktaven.
- Häufige Fehler: die äolische b6 mit der dorischen 6 verwechseln, wenn ein zweites Sample darübergelegt wird.
Dur-Pentatonik
- Formel: 1 2 3 5 6 — Schritte: GT GT GT+HT GT GT+HT
- Auf Bb (B): Bb C D F G (B C D F G)
- Charakteristischer Ton: Offenheit und Freude ohne Spannungen.
- Einsatz: Disco-Vocal-Hooks, Riffs von Bläsern und Streichern, Gitarren.
- Häufige Fehler: sie ohne die Durchgangstöne der Dur-Tonleiter in Streicher-Fills verwenden.
Welche Skala wählen
Die Tonart ist die des Samples (prüfe sie mit einem Analysetool wie Tunebat oder nach Gehör), und die Skala folgt dem Akkord, der den Loop dominiert: maj7/ii–V → Dur; m7–IV7 → Dorisch; m–bVI–bVII → Äolisch. Alles, was du hinzufügst (Bass, Synth, Stimme), muss in derselben Skala stehen: Ein häufiger Fehler ist, einen äolischen Bass unter ein dorisches Sample zu legen.
Harmonik
Funktion
Aus der Disco „geliehene“ Harmonik: Loops von 1–4 Takten mit Sept-, Non- und Sus-Akkorden, Zwischendominanten, Streichern und Klavier. Im Loop verliert die Kadenz an Kraft und wird zum Zyklus.
Techniken
- Loops von 2 oder 4 Takten aus dem Sample; Überlagerung eines zweiten Samples in derselben Tonart für Variationen.
- Verstärkungsakkorde (Rhodes, Pad, Streicher), die die des Samples nachzeichnen.
- Filter als Form: geschlossen = Strophe, offen = Refrain.
- Entlehnungen: bVII in Dur, Dur-IV in Moll (dorisch).
Harmonischer Rhythmus
Oft 2 Akkorde pro Takt in der Original-Disco; in der House wird der Loop länger (1 Akkord pro Takt).
Beispiele
- Cm9–F9 (ii9–V9 in B) im Loop.
- Ebmaj7–Dm7–Cm7–F7sus4 (IV–iii–ii–V7sus4 in B).
- Am–G–F–G (i–bVII–bVI–bVII) nächtliche Disco.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| ii–V im Loop | B-Dur | Cm9 F9 | ii9 V9 | Das Disco-ii–V, das nie auflöst: im Loop wiederholt wird es zu einem eleganten Vamp. |
| Disco-Abwärtsbewegung | B-Dur | Ebmaj7 Dm7 Cm7 F7sus4 | IVmaj7 iii7 ii7 V7sus4 | Abwärtsbewegung aus Streichern und Klavier, perfekt zum Filtern; schwebende Dominante, um zum IV zurückzukehren. |
| Dorischer Vamp | f-Moll (dorisch) | Fm7 Bb7 | i7 IV7 | Der Funk-Disco-Groove schlechthin; Gitarre in Sechzehnteln und Bass in Oktaven. |
| Nächtliche Disco | a-Moll | Am G F G | i bVII bVI bVII | Äolische Bassbewegung à la Space Disco/Moroder, Arpeggios in Oktaven. |
| I–vi–ii–V mit Zwischendominante | B-Dur | Bbmaj7 G7 Cm7 F7 | Imaj7 VI7 ii7 V7 | Die Zwischendominante G7 (V/ii) gibt die Farbe der orchestralen Disco. |
| IV–V–iii–vi | C-Dur | Fmaj7 G Em7 Am7 | IVmaj7 V iii7 vi7 | Der „Royal Road“-Verlauf, geliebt von der europäischen Disco und vom City Pop; ausgezeichnet für Streicher und Klavier. |
Rhythmus und Groove
- Feel: Disco: Hi-Hat in Sechzehnteln, Open Hat im Offbeat, leichter Swing (52–56 % MPC).
- Pumpen des Loops mit der Kick (Bus-Kompression oder Sidechain).
- Akzente: Snare + Clap auf 2 und 4, Tambourine im Offbeat.
- Microtiming: das der Band im Sample; die hinzugefügten House-Drums müssen angeglichen werden (dehnen/swingen, um zu folgen).
Schlagzeug
Kick
In Vierteln, kraftvoll und komprimiert (909 oder verstärktes Disco-Sample); Grundton 55–70 Hz.
Snare und Clap
Disco-Snare + Clap auf 2 und 4; in modernen Produktionen ein Layer aus sauberem Clap.
Hi-Hat
Geschlossene Hats in Sechzehnteln mit Akzenten auf den Achteln, Open Hat im Offbeat (das Disco-„tss“), Tambourine im Offbeat.
Percussion
Congas, Bongos, Cowbell, Glöckchen aus dem Sample oder hinzugefügt; Shaker.
Dynamik und Groove
Drums + Sample gemeinsam komprimiert (Pumping); moderate Velocities; originale Disco-Tom-Fills.
Zusammenspiel mit Bass und Stimme
Bass in Disco-Oktaven; gesampelte Stimme im Loop zwischen den Snare-Schlägen.
Abschnitte
Gefiltertes Intro, schrittweise Öffnung, Break mit nur Streichern/Stimme, Drop mit offenem Filter.
Fills und Übergänge
Disco-Tom-Fills, Stops, Filter, der sich vor dem Drop plötzlich schließt.
Klangwahl
909 + Disco-Samples; brillante, aber nicht moderne Hats (LP 14 kHz).
Typische Fehler
Moderne Drums, die mit dem Sample nicht harmonieren; keine Bus-Kompression.
Bass
- Sound: Disco-E-Bass (Finger oder Slap), Synth-Bass Moog/Juno, Bass des Samples.
- Register: E1–E3.
- Mit der Kick: Disco-Oktaven (tiefer Ton auf dem Downbeat oder dem Achtel, Oktave auf dem nächsten Achtel) oder Funk-Synkopen; Sidechain 3–6 dB.
- Töne: Grundton, Oktave, Quinte, b7, chromatische Annäherungen.
- Rhythmus: Achtel in Oktaven oder Funk-Sechzehntel.
- Beispiele: die Oktaven von Purple Disco Machine; der Funk-Bass der Samples aus den 70ern.
Harmonieinstrumente
- Disco-Streicher (gesampelt oder Augmented Strings), Stabs und aufsteigende Linien.
- Klavier und Rhodes: Septakkorde.
- Funk-Gitarre: gedämpfte Sechzehntel (Stil Nile Rodgers).
- Bläser: Brass-Stabs.
- Clavinet: Funk-Riffs.
Melodie und Gesang
- Stimme: Disco-/Soul-Sample im Loop oder neue Soulstimme; kurze Hooks.
- Chöre: aus dem Sample oder dreistimmige Disco-Chöre.
- Melodien: Streicher, Bläser, einfache Synth-Leads.
- Effekte: Filter, Phaser, Tape Delay, Plate-Hall.
Instrumente
Sampler, TR-909, Juno-106, Minimoog, Rhodes, Clavinet, Funk-Gitarre, E-Bass, Streicher und Bläser (gesampelt oder echt), Hardware- oder Plugin-Filter, Phaser, Kompressoren.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Augmented Strings — Disco-Streicher: Staccato- und Legato-Streicher für Stabs und Linien à la Salsoul; HP 200 Hz, filterbar.
- Clavinet V — Funk-Riff: Heller Clavinet mit Autowah für die Sechzehntel.
- Stage-73 V — Rhodes: Septakkorde mit langsamem Phaser.
- Mini V — Disco-Bass: Bass in Oktaven: Sägezahn, Filter 45 %, Decay 200 ms; kein Glide.
- Jun-6 V — Unterstützendes Pad: Warmes Pad unter dem Sample mit Chorus I.
- Solina V — String Machine: Ensemble-Streicher der Space Disco, zum Filtern.
Songaufbau
| Abschnitt | Takte | Inhalt |
|---|---|---|
| Intro | 16 | Kick + geschlossen gefilterter Loop |
| Öffnung | 16–32 | sich öffnender Filter, Bass |
| Groove | 32 | offener Loop, Stimme |
| Break | 8–16 | Streicher/Stimme ohne Kick |
| Drop | 32 | alles offen, Chöre |
| Outro | 16 | sich schließender Filter |
Dauer 5–7 Min. (Extended) oder 3–3:30 (Radio). Die Form folgt der Filterautomation.
Mixing und Mastering
Klangziel
Warm, brillant, komprimiert, mit einem Loop, der atmet: leuchtende Streicher und Stimmen, runder Bass, kraftvolle, aber „vintage“ Drums. Referenzen: Spiller — Groovejet, Eric Prydz — Call On Me, Purple Disco Machine — Hypnotized.
Kick
- EQ: HP 30 Hz; +2 dB bei 60 Hz; −2 dB bei 300 Hz; +1 dB bei 3 kHz.
- Kompression: VCA 4:1, Attack 20 ms; weicher Clipper.
- Sättigung: Tape. Stereo: mono.
Snare/Clap
HP 150 Hz, +2 dB bei 200 Hz und 5 kHz; FET 4:1 GR 4 dB; Plate 1 s.
Hi-Hat und Percussion
HP 400 Hz, LP 14 kHz, Dynamic EQ 8 kHz; Panning Hat 15 % L, Tambourine 25 % R, Congas L30/R30; kurzer Room.
Gesampelter Loop
- Filter: automatisierter 24-dB-Tiefpass (300 Hz → 20 kHz über 16–32 Takte), Resonanz 15–35 %; automatisierter HP in den Breaks.
- EQ: HP 60–120 Hz (wenn es einen separaten Bass gibt), −2 dB bei 250–400 Hz.
- Kompression/Pumping: Bus Drums+Loop 4:1–6:1, Attack 5–10 ms, tempogerechter Release (≈ 250 ms bei 122 BPM), GR 6–8 dB; oder Sidechain 6–8 dB.
- Sättigung: Tape, eventuell Bit-Reduktion 12 Bit.
- Stereo: wie das Sample; leichte Verbreiterung über 500 Hz.
Bass
HP 30 Hz, +2 dB bei 80 Hz, +2 dB bei 800 Hz, LP 4 kHz; Opto 4:1 GR 4–6 dB; mono; Sidechain 3–6 dB.
Streicher, Bläser, Gitarren, Klavier
- EQ: Streicher HP 200 Hz, +1 dB bei 5 kHz, LP 14 kHz; Bläser HP 150, +2 dB bei 1,5–2 kHz; Gitarre HP 150, +2 dB bei 2–3 kHz.
- Kompression: leicht (2–3 dB).
- Raum: Hall 1,8–2,5 s auf Streichern, Plate auf Bläsern, Room auf Gitarre.
- Stereo: Streicher breit, Gitarre 40 % L, Clavinet 40 % R, Bläser 30 % L/R.
Stimme
HP 100 Hz, FET+Opto-Kompression (insgesamt 5–7 dB), De-Esser, +2 dB bei 3 kHz, Air-Shelf +2 dB; Plate 1,5 s + Delay 1/4; zentral.
Chöre
Breit (L/R 80 %), 6 dB komprimiert, Hall 2 s, 6 dB unter der Solistin.
FX
Filter-Sweeps, Phaser, leichte Riser, Crash.
Busse und Gruppen
Pump-Bus (Drums+Loop), Music-Bus (Streicher/Bläser/Gitarren) mit Tape, Vocal-Bus.
Sidechain
Loop 6–8 dB, Bass 3–6 dB, Pads/Streicher 4–6 dB.
Master
Kette: EQ (HP 25 Hz) → Kompressor 2:1 (2 dB GR) → Tape → Limiter. Ziel −8/−7 LUFS integriert, True Peak −1 dBTP, Crest-Faktor 7–9 dB.
Häufige Fehler
Ungestimmtes Sample; stehender Filter; Pumping, das die Stimmen zerhackt; doppelter Bass (Sample + Synth) im Konflikt; zu brillanter Master.
Referenzstücke für den Mix
- Spiller ft. Sophie Ellis-Bextor — Groovejet (If This Ain't Love) (2000)
- Eric Prydz — Call On Me (2004)
- Purple Disco Machine — Hypnotized (2020)
Referenz-Hörbeispiele
- Armand Van Helden — U Don't Know Me (1999)
- Stardust — Music Sounds Better with You (1998)
- Spiller ft. Sophie Ellis-Bextor — Groovejet (If This Ain't Love) (2000)
- Eric Prydz — Call On Me (2004)
- Purple Disco Machine — Hypnotized (2020)