Geschichte und Charakter
House-Stil der 2010er-Jahre, dominiert von schweren, verzerrten und „sprechenden“ Basslines, die im Drop den Platz des Leads einnehmen. Die Wurzeln liegen zwischen Ende der 90er und den frühen 2000ern: UK Garage, Speed Garage (der „Reese“- und „Wobble“-Bass der späten 90er), UK Bassline, Fidget House, Electro und Ghetto House; das Album „Remedy“ von Basement Jaxx (1999) wird häufig als Einfluss genannt. Das Genre festigt sich Mitte der 2010er mit Joyryde, Jauz (Feel the Volume, 2015), Tchami und seinem Label Confession, Malaa, Habstrakt, Ephwurd, Chris Lorenzo, Jack Beats und AC Slater, der den Begriff „Night Bass“ prägt und das gleichnamige Label gründet.
Es gibt regionale Akzente: in Großbritannien dunkler und tiefer, eng mit Garage verbunden; in Europa eher Electro (z. B. Hi-Lo); in den USA schwerer und näher am Dubstep. Wichtige Labels: Night Bass, Confession, Bite This! (Jauz), Dim Mak, Monstercat, Spinnin'. In den 2020er-Jahren nähert sich der Sound dem Tech House an und trennt die Bassfigur von der Melodie; Künstler wie Odd Mob, Gorgon City und HYPERBEAM bringen das Genre an die Spitze der Beatport-Charts.
Ästhetik: Club- und Festivalenergie, kontrollierte Aggressivität, hüpfender Groove, „Stop-and-go“-Drops, bei denen der Bass aussetzt und mit Wucht wieder einsetzt.
Tonleitern und Tonarten
Konvention: Die römischen Ziffern beziehen sich auf die Dur-Tonleiter desselben Grundtons (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll, ° vermindert, ø halbvermindert, + übermäßig; b/# = gegenüber Dur erniedrigte/erhöhte Stufe: in a-Moll ist F = bVI, G = bVII). Töne und Akkorde unten sind exakt nach der Formel berechnet.
Moll-Pentatonik
- Formel: 1 b3 4 5 b7 — Schritte: T+S T T T+S T
- Auf F: F Ab Bb C Eb (F As B C Es)
- Charakteristischer Ton: kein Halbton: Die Basslines klingen auch bei starker Verzerrung „richtig“ (die Obertöne erzeugen keine neuen Dissonanzen).
- Einsatz: Bassriffs F–Ab–Bb–C–Eb mit Oktavsprüngen und Glides, Vocal Chops.
- Typische Fehler: zu viele verschiedene Töne: Bass House verwendet 2–3 Töne und viel Artikulation (Filter, Formant, Pitch).
Phrygisch
- Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: S T T T S T T
- Auf F#: F# G A B C# D E (Fis G A H Cis D E)
- Diatonische Dreiklänge: F#m i · G bII · A bIII · Bm iv · C#dim v° · D bVI · Em bvii
- Vierklänge: F#m7 i7 · Gmaj7 bIImaj7 · A7 bIII7 · Bm7 iv7 · C#m7b5 vø7 · Dmaj7 bVImaj7 · Em7 bvii7
- Charakteristischer Ton: die b2 (G): der „bedrohliche“ Halbton, der den Basslines Biss verleiht.
- Einsatz: Glide-Pattern F#–G–F#, bII-Stabs in dunklen Drops.
- Typische Fehler: die b2 lange gehalten auf dem starken Downbeat einsetzen.
Äolisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: T S T T S T T
- Auf G: G A Bb C D Eb F (G A B C D Es F)
- Diatonische Dreiklänge: Gm i · Adim ii° · Bb bIII · Cm iv · Dm v · Eb bVI · F bVII
- Vierklänge: Gm7 i7 · Am7b5 iiø7 · Bbmaj7 bIIImaj7 · Cm7 iv7 · Dm7 v7 · Ebmaj7 bVImaj7 · F7 bVII7
- Charakteristischer Ton: die b6 (Eb): melodischere, melancholischere Breaks.
- Einsatz: Pads und Plucks in den Breaks (i–bVI–bVII), Grundtöne der Bassline.
- Typische Fehler: dichte Harmonik im Drop: Er muss alles dem Bass überlassen.
Blues (Chromatik)
- Formel: 1 b3 4 b5 5 b7 — Schritte: T+S T S S T+S T
- Auf E: E G A Bb B D (E G A B H D)
- Charakteristischer Ton: die b5 (Bb): der chromatische Durchgang A–Bb–B, der mit Glide das „Growl“ von Ghetto/Fidget erzeugt.
- Einsatz: Bass-Fills und Antworten.
- Typische Fehler: sie als Zielton zu halten.
Wie man zwischen den Tonleitern wählt
Der Drop wird fast immer in Moll-Pentatonik oder Phrygisch geschrieben, auf einem Grundton, mit dem der Sub gut arbeitet (E, F, F#, G: 41–49 Hz in der Oktave 1). Die Breaks können Äolisch mit vollen Akkorden verwenden. Die Verzerrung verstärkt die Obertöne: weniger Töne, mehr Rhythmus.
Harmonik
Funktion
Im Drop minimal (Grundton-Orgelpunkt und Bassline), in den Breaks präsenter (Pad oder Klavier über 2–4 Akkorden). Das Interesse ist klanglich und rhythmisch.
Techniken
- Orgelpunkt mit Bassline, die i–bVII–bVI andeutet.
- Break mit äolischer Folge i–bVI–bIII–bVII.
- bII- oder bVI-Stab im Drop als „Schlag“.
- Klangliche Modulation (Formant, Wavetable) statt Akkordwechsel.
Harmonischer Rhythmus
Im Break 1 Akkord pro Takt; im Drop ein tonales Zentrum über 16–32 Takte.
Beispiele
- F-Orgelpunkt mit Riff F–Eb–F–Ab.
- Gm–Eb–Bb–F (Break).
- F#m–G (i–bII) als Stab.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Drop-Orgelpunkt | f-Moll | Fm | i | Der Drop ist ein Orgelpunkt: Die pentatonische Bassline (F, Ab, Bb, C, Eb) erzeugt die Bewegung. |
| Äolischer Break | g-Moll | Gm Eb Bb F | i bVI bIII bVII | Emotionale Folge für den Break mit Pad und Gesang; danach kehrt der Drop zum Orgelpunkt auf G zurück. |
| Phrygischer Stab | fis-Moll (Phrygisch) | F#m G | i bII | Das bII als synkopierter Stab im Drop: sofortige Spannung. |
| Dunkles Moll | e-Moll | Em C D | i bVI bVII | Drei Akkorde für einen kurzen Break vor dem Drop. |
| Garage-Moll | g-Moll (Dorisch) | Gm7 C9 | i7 IV9 | Der UK-Garage-Vamp für das Intro oder die Strophen mit Gesang. |
Rhythmus und Groove
- Feel: fast gerades Four on the floor (Swing 0–54 %), Garage-Percussion, synkopierte Bassline, die nie auf die Kick trifft.
- Drop: „Call and Response“ zwischen Bass und Stille: Bassphrasen von einem halben Takt, gefolgt von Pausen oder Vocal Chops.
- Triolen: Bass- oder Snare-Fills in Triolen im letzten Takt der Phrase.
Schlagzeug
Kick
Kurz, trocken und kraftvoll (Decay 120–200 ms), Grundton 50–60 Hz, starker Klick; oft mit leichtem Clipping. Sie muss dem Bass sofort Platz lassen.
Clap und Snare
Geschichtete Clap + Snare auf 2 und 4, brillant und „crackig“; doppelte Snare am Taktende (Step 29, 31 von 32) als Sprungbrett.
Hi-Hat
Open Hat im Offbeat, geschlossene Hats in Sechzehnteln mit Lücken auf dem Downbeat, Shaker.
Percussion
Rim, metallische Percussion, Vocal Shots als Percussion; Tom-Fills.
Dynamik und Ghost Notes
Ghost Notes auf den Hats; klare Akzente.
Zusammenspiel mit Bass und Gesang
Der Bass spielt auf den Offbeats und auf den Sechzehnteln nach der 2 und der 4; die Vocal Chops füllen die Pausen des Basses.
Abschnitte
DJ-Intro; Break mit Gesang oder Pad; Build (Snare-Roll, Riser, „Vocal Hype“); Drop mit Bass; zweiter Drop mit Bassvariation (neuer Klang); Outro.
Fills und Übergänge
Stopp von einem halben Takt vor dem Drop, Snare in Triolen, Reverse-Bass.
Klangauswahl
Moderne Samples, sehr brillante Claps, Kick mit ausgeprägtem Klick.
Typische Fehler
Lange Kick; zu volle Drums, die den Bass überdecken; keine Pause im Drop.
Bass
- Sound: Wavetable-/FM-Synthese mit Verzerrung: Reese (zwei verstimmte Sägezähne), Growl/Talking (Formant-Filter, Comb, synchronisierte LFOs), Wobble (LFO auf dem Cutoff), metallischer FM-Bass; immer mit separatem Sinus-Sub. Typische Ketten: Oszillatoren → Verzerrung (Waveshaper, Röhre) → OTT/Multiband → EQ → zweite Verzerrung → Limiter.
- Register: Sub E1–G1 (41–49 Hz); „Growl“-Anteil 150 Hz–5 kHz.
- Mit der Kick: nie gleichzeitig: präzises Volume Shaping (LFOTool/Kickstart oder Automation) oder Sidechain 8–12 dB; den Ausklang der Kick auf den Grundton stimmen.
- Töne: Grundton, Oktave, b7, b3, chromatische Durchgänge b2/b5 mit Glide.
- Rhythmus: Bassphrasen von 1/2–1 Takt, synkopiert, mit Pausen (siehe r-bass-house).
- Beispiele: die Drops von Jauz, Habstrakt, AC Slater; Speed Garage als Vorläufer.
Harmonieinstrumente
Pad, Klavier, Plucks nur in den Breaks; im Drop höchstens ein Orgel- oder synkopierter Synth-Stab. Organ Bass und Garage-Stabs in UK-Produktionen.
Melodie und Gesang
- Gesang: Samples aus Hip-Hop, R&B, Dancehall oder Garage; „Hype“-Phrasen; nach unten gepitchte Stimmen (−5/−12 Halbtöne); manchmal Pop-Strophen.
- Chöre: selten.
- Melodien: Der Bass ist die Melodie; Vocal Chops.
- Effekte: Verzerrung, Pitch Shift, Formant, Delay 1/8, kurzer Hall, Stutter.
Instrumente
Wavetable- und FM-Synths (Serum, Vital, Massive, Phase Plant, FM8), moderne Drum-Samples, Vocal Packs, Sampler, Multiband (OTT), Verzerrer.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Korg MS-20 V — Analoger Growl-Bass: HP+LP-Filter mit hoher Resonanz und Drive: zwei verstimmte VCOs für den Reese; den Cutoff mit einem LFO automatisieren, der auf 1/8 oder 1/16 synchronisiert ist.
- DX7 V — Metallischer FM-Bass: Algorithmus 1 oder 5, Modulator mit Ratio 1:2 oder 1:3 und hohem Feedback für das „Buzz“; danach externe Verzerrung.
- Mini V — Sub: Reine Mono-Sinus-/Dreieckwelle unter dem Growl-Anteil.
- CZ V — Phase-Distortion-Bässe: Die Phase Distortion des Casio CZ liefert scharfe, resonante Bässe, ähnlich modernen Wavetables.
- ARP 2600 V — FX und Growl: Ringmodulation, Sample & Hold und resonanter Filter für FX und experimentelle Bässe.
- B-3 V — Garage-Orgel-Stab: Orgel mit voll gezogenen Zugriegeln für UK-Garage-Stabs.
Songaufbau
| Abschnitt | Takte | Inhalt |
|---|---|---|
| DJ-Intro | 16 | Drums und Percussion |
| Break / Strophe | 16 | Gesang, Pad oder Orgel |
| Build | 8 | Snare-Roll, Riser, Vocal Hype |
| Drop 1 | 16–32 | Bass A |
| Break 2 | 8–16 | |
| Drop 2 | 16–32 | Bass B (neuer Klang oder neues Pattern) |
| Outro | 16 | Drums |
Extended 4–5 Minuten; die durchschnittliche Länge liegt unter der des klassischen House.
Mixing und Mastering
Klangziel
Enormes, kontrolliertes Low-End: konstanter Mono-Sub, aggressiver, aber nicht ermüdender Growl-Anteil, Kick und Clap, die sich durchsetzen. Sehr hohe Lautheit. Referenzen: Jauz — Feel the Volume, Habstrakt, AC Slater, Odd Mob.
Kick
HP 25 Hz; +2 dB 55 Hz; −5 dB 250–400 Hz; +3 dB 4 kHz; Transient Shaper +4 dB Attack, −4 dB Sustain; Clipper; Mono.
Clap und Snare
HP 200–250 Hz; +2 dB 2 kHz; +2 dB 8 kHz; FET 4:1 GR 4–6 dB; parallel; Clipper; Plate 0,6–0,8 s; Layer verbreitert.
Hi-Hat und Percussion
HP 500–800 Hz; Dynamic EQ 7–10 kHz; Panning Hats 15 %, Percussion 40–60 %; trocken.
Bass
- Sub (Sinus): HP 25 Hz, LP 100–120 Hz, Limiter (konstanter Pegel), Mono, Sidechain/Volume Shaping 8–12 dB.
- Growl/Mitten: HP 120–180 Hz; Dynamic EQ, um Resonanzen zwischen 1 und 4 kHz zu bändigen; LP 10–12 kHz; serielle Verzerrung (Waveshaper → Röhre) und OTT 30–60 %; Kompression 4:1 GR 6 dB; leichte Verbreiterung oberhalb von 300 Hz (Chorus, Stereo Shaper) bei kontrollierter Korrelation (>0).
- Automationen: Formant, Cutoff, Wavetable-Position, Drive.
Pad, Klavier, Stabs
HP 200 Hz; −3 dB 300–500 Hz; Hall 2 s; breit; Sidechain 8 dB; im Drop raus.
Gesang und Vocal Chops
HP 120 Hz; Kompression 4:1 (6 dB); De-Esser; +3 dB 3 kHz; leichte Verzerrung; Delay 1/8 Throw; kurzer Hall; zentral.
FX
Riser (HP 300 Hz), Impact mit Sub (Mono, kurz), Reverse-Bass, Downlifter.
Busse und Gruppen
Drum-Bus Glue + Clipper; Bass-Bus (Sub + Mitten) mit Limiter und Mono unter 120 Hz; Music-Bus; FX-Bus mit Sidechain.
Sidechain
Bass 8–12 dB, Pad 8 dB, FX 8 dB, Hall 6 dB.
Master
EQ → Kompressor 1–2 dB → Clipper (2–3 dB) → Limiter. Ziel −6/−5 LUFS integriert (Drop −5/−4 Short-Term), True Peak −0,3 dBTP (Club) / −1 dBTP (Streaming), Crest-Faktor 5–7 dB. Im Mono prüfen, dass sich der Bass nicht auslöscht.
Typische Fehler
Stereo- oder verzerrter Sub; Verzerrung, die zu viel 2–5 kHz erzeugt (Ermüdung); Kick und Bass, die sich gegenseitig maskieren; pumpender Limiter; negative Korrelation des verbreiterten Basses.
Referenztracks für den Mix
- Jauz — Feel the Volume (2015)
- T2 ft. Jodie Aysha — Heartbroken (2007) für den UK Bassline
- Odd Mob & Sean Paul — Get Busy (2024)
Referenz-Hörbeispiele
- Basement Jaxx — Remedy (1999, album, influenza)
- T2 ft. Jodie Aysha — Heartbroken (2007, bassline UK)
- Jauz — Feel the Volume (2015)
- Odd Mob & Sean Paul — Get Busy (2024)