Geschichte und Charakter
Der Riddim ist ein Subgenre des Dubstep, gekennzeichnet durch repetitive, minimale Sub-Bässe und Percussions in Triolen (Tuplets) mit einem „wonky“, schwankenden Feel. Der Name stammt vom jamaikanischen Begriff „Riddim“ (Patois-Aussprache von „Rhythm“), der im Reggae und Dancehall die instrumentale Grundlage bezeichnet; MCs nutzten ihn schon im Garage und Dancehall. Der britische Stil entsteht Anfang der 2010er in Croydon als Revival des Ur-Dubstep; der Produzent Jakes wird von vielen als erster Riddim-Künstler genannt und soll ihm um 2012 den Namen gegeben haben. Amerikanische Produzenten und Fans wendeten den Begriff dann auf das an, was zuvor „Wonky Dubstep“ hieß.
Der Sound gewinnt um 2015 an Popularität: Subfiltronik gilt als derjenige, der die moderne Form festgelegt hat, dazu Bukez Finezt, P0gman, Badklaat, 50 Carrot, Dubloadz, Coffi, Deemed, Blankface, Drippy, The Monsters, Kromestar (und Coki von Digital Mystikz als eine der Wurzeln). In den USA dominiert der Riddim einen Teil der Festival-Szene (Lost Lands, Bass Canyon): „German Engineering“ von Virtual Riot (EP, Januar 2018) erreicht Platz 11 der Billboard-Dance/Electronic-Albumverkäufe; „Sell Out“ von Marshmello und Svdden Death (2019) kommt in die Hot-Dance/Electronic-Songs-Charts; Excision, Subtronics und Svdden Death bilden die Brücke zum Tearout.
Es entstehen Varianten: Melodic Riddim (melodische Synths, kristalline Texturen, Kick + Clap statt nur der Snare; Chime und Ace Aura in der zweiten Hälfte der 2010er), Liquid Riddim (Riddim-Bässe mit weichen Pads, Kollektive Shizuka und THORN COLLECTIVE), Briddim (Kreuzung mit dem Brostep) und die Brücke zum Colour Bass. Ästhetik: hypnotische Wiederholung, Raum, sehr dunkle Atmosphären (der Produzent Infekt spricht von „super dark textures“), Rechteckwellen mit LFO, breite Delays, kräftiger Flanger und Chorus.
Tonleitern und Tonarten
Der Riddim verwendet sehr wenige Töne: im Drop oft nur einen. Den „Modus“ geben die Stabs, die Antworten und die Intros. Beispiele auf F (Sub F1 = 43,65 Hz) und E. Römische Ziffern bezogen auf natürliches Moll.
Natürliches Moll (Äolisch)
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7. GT HT GT GT HT GT GT. Auf F: F G Ab Bb C Db Eb.
- Akkorde: i Fm, ii° G°, III Ab, iv Bbm, v Cm, VI Db, VII Eb.
- Einsatz: Intro mit Pads und Streichern; im Drop die Tonika und eine Antwort auf der b7 oder b6.
Phrygisch
- Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7. HT GT GT GT HT GT GT. Auf E: E F G A B C D.
- Charakteristischer Ton: b2 (F).
- Akkorde: i Em, bII F, III G, iv Am, v° B°, VI C, vii Dm.
- Einsatz: Antworten des Mittenbasses im Halbtonabstand (E–F), dunkle Pads.
- Häufige Fehler: das Riff in eine Melodie verwandeln: Der Riddim lebt von der Wiederholung.
Tritonus und Chromatik
- Lokrisch auf E: E F G A Bb C D (1 b2 b3 4 b5 b6 b7). Charakteristischer Ton: b5 (Bb).
- Einsatz: Pitch-„Dive“ von der Tonika zum Tritonus, dissonante Stabs zwischen den Wiederholungen.
Moll-Pentatonik (Melodic Riddim)
- Formel: 1 b3 4 5 b7. Auf F: F Ab Bb C Eb.
- Einsatz: Arpeggien und kristalline Leads über dem repetitiven Bass.
Dur und Lydisch (Melodic und Liquid Riddim)
- Dur auf F: F G A Bb C D E; Lydisch auf F: F G A B C D E (#4 = B).
- Einsatz: helle Pads und Glöckchen im Kontrast zum dunklen Bass; Brücke zum Colour Bass.
Wie wählt man
- Klassischer Riddim: ein Ton + Antwort (b7, b2, b5).
- Melodic: Pentatonik oder Dur in den hohen Schichten, Bass immer minimal.
- Regel: Wechsle die Klangfarbe, nicht den Ton.
Harmonik
- Fast keine Harmonik im Drop: Orgelpunkt auf der Tonika; der Mittenbass wiederholt dieselbe Zelle 4–8 Takte lang.
- Intro und Breakdown: Moll-Pads, Streicher, Glöckchen; 1–2 Akkorde.
- Melodic Riddim: Pad-Akkorde (i–VI–III–VII) im hohen Register, während der Bass auf einem Ton bleibt.
- Kadenzen: keine; der Drop kommt durch Stopp und Stille.
- Harmonischer Rhythmus: ein Wechsel alle 4–8 Takte (oder nie).
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Absoluter Orgelpunkt | f-Moll | Fm Fm Fm Fm | i i i i | Der Riddim-Drop: ein Basston über 4 Takte, Variationen nur in der Klangfarbe. |
| Septimen-Antwort | f-Moll | Fm Eb/F | i VII/1 | Die Antwort des Mittenbasses auf der b7 alle 2 Takte. |
| Dunkler Halbton | e-Moll | Em F/E | i bII/1 | Pad oder Stabs in den Intros, konstante Spannung. |
| Melodic Riddim | f-Moll | Db Ab Eb Fm | VI III VII i | Pad oben mit festem Bass auf der Tonika. |
| Kristallines Lydisch | F-Lydisch | Fmaj7 G/F | Imaj7 II/I | Helles Pad des Liquid Riddim über dem dunklen Bass. |
Rhythmus und Groove
- Half-Time bei 140–150: Snare (+ Clap) auf der 3 jedes Takts.
- Triolen: Percussions und Bass-LFO oft in Triolen (1/8T, 1/16T) oder in 3+3+2-Zellen (Tresillo), die sie auf einem Sechzehntelraster annähern.
- Wiederholung: dieselbe Bass-Zelle über 4–8 Takte; der „Groove“ ist das Verhältnis zwischen dem Triolen-Bass und dem Schlagzeug in Vierteln.
- Pausen: Stopp von einem Viertel oder einem halben Takt, nur mit dem Hall.
Schlagzeug
Konvention: 2 Takte mit je 16 Sechzehnteln (32 Steps, wie r-riddim); die 3 jedes Takts fällt auf die Steps 9 und 25.
Kick
- Step 1, 15, 31 im r-riddim-Rhythmus: die 1 der Phrase und Verbindungsschläge vor der Snare oder der Schleife. Kurze Kick, moderater Click, Körper 50–60 Hz.
Snare und Clap
- Step 9 und 25, Snare + Clap (im Melodic Riddim Kick + Clap anstelle der vollen Snare). Mittlerer Hall (1–1,5 s), der die Pausen füllt.
Hi-Hat und Percussions
- Hi-Hats im Offbeat mit kleinen Rolls am Phrasenende (Step 28–31); Percussions in Triolen, metallisch und „Sounddesign“.
- Viele Tracks haben ganz wenige Percussions: Der Raum dient dem Bass.
Dynamik und Groove
- Kein Swing auf den Vierteln; das „wonky“ Feel entsteht aus den Triolen von Bass und Percussions gegen das Raster.
Zusammenspiel mit dem Bass
- Der Hauptbass (die 808-Spur von r-riddim) spielt die 3+3+2-Zelle: Step 1, 4, 7, 9, 12, 15… Das Schlagzeug lässt Raum, und der Sidechain lässt den Bass auf der Snare atmen.
Wie sich das je Abschnitt ändert
- Intro: Pads, Glöckchen, Vocal-Sample; kurzer Build (8 Takte) mit Snare-Roll und „Riser“; Drop: Bass-Zelle + Schlagzeug; Switch: Wechsel der Klangfarbe oder der Zelle; zweiter Drop: aggressivere Variation.
Fills und Übergänge
- Stopp von einem Viertel; Snare-Roll in Triolen; Reverse des Basses; „Impact“-Schlag.
Klangauswahl
- Dicke, verhallte Snares, einfache Kicks; Triolen-Percussions mit metallischen Klangfarben.
Typische Fehler
- Zu viel Schlagzeug; Kick, die den Sub überdeckt; Triolen, die zwischen Bass und Percussions inkohärent „angenähert“ sind.
Bass
- Repetitiver und minimaler Sub-Bass: mono-Sinus auf der Tonika.
- Mittenbass: Rechteckwellen mit auf Triolen oder Achtel synchronisierten LFOs (Lautstärke oder Filter), leichte „Yoi“, kräftiger Flanger und Chorus, breite Delays. Oft nur ein einziger Patch mit minimalen Variationen.
- Töne: Tonika; Antworten auf der b7, b2, b5; Pitch-Dive.
- Rhythmus: 3+3+2-Zelle oder Triolen, 4–8 Takte wiederholt.
- Sidechain: von Kick und Snare (4–8 dB).
- Beispiele: Subfiltronik, Bukez Finezt, 50 Carrot, Virtual Riot („German Engineering“).
Harmonieinstrumente
- Dunkle Pads, Drones, Streicher in den Intros; Glöckchen, Plucks und kristalline Pads im Melodic und Liquid Riddim.
- Niedrige Lautstärke und hohes Register; kein Grundton.
Melodie und Gesang
- Kurze, wiederholte Vocal-Samples (MC, Dancehall, Film), Chops; Melodien nur in den Intros oder im Melodic Riddim (Arpeggien, Glöckchen, Plucks).
- Effekte: breite Delays (punktierte 1/4, Ping-Pong), langer Hall, Flanger, Chorus.
Instrumente
- Half-Time-Schlagzeug, Triolen-Percussions; Sub; Synth-Bass (Rechteckwelle, Wavetable); Pads, Glöckchen, Plucks; Vocal-Samples; FX (Flanger, Chorus, Delay).
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- SEM V — Rechteckbass mit Filter: Rechteck-/Pulswelle, 12-dB-Filter als Tiefpass oder Bandpass, externer LFO auf 1/8T am Cutoff: „gummiartiger“ Riddim-Bass.
- Korg MS-20 V — Aggressiver Bass: Rechteck mit PWM und Drive; LFO auf Lautstärke und Cutoff in Triolen; danach Flanger.
- Mini V — Sub: Sauberer Sinus auf der Tonika, kein Glide.
- Jun-6 V — Pads und Glöckchen: Chorus I/II und Sub-Oszillator: weiche Pads für den Melodic Riddim.
- Prophet-VS V — Kristalline Texturen: Digitale Wellen mit langsamem Vektor: „gläserne“ Pads und Glöckchen.
Songaufbau
| Abschnitt | Takte | Was passiert |
|---|---|---|
| Intro | 8–16 | Pad, Sample, Glöckchen |
| Build | 8 | Snare-Roll, Riser, Stopp |
| Drop 1 | 16–32 | Wiederholte Bass-Zelle + Half-Time-Schlagzeug |
| Breakdown | 8 | Pad, Stimme |
| Build 2 | 8 | Spannung |
| Drop 2 | 16–32 | Variierte Zelle oder „Switch“ |
| Outro | 8 | Kurz |
- Kurze Tracks (3–4 Min.); in Sets mixen die DJs die Drops in rascher Folge.
Mixing und Mastering
Klangziel
- Riesiger und konstanter Sub, Mittenbass mit klaren Modulationen, viel Raum zwischen den Schlägen, deutlich hörbare Modulationseffekte.
- Referenzen: Subfiltronik, Virtual Riot, Svdden Death (schwerere Seite).
Kick
- EQ: Hochpass 30 Hz, +2 dB bei 55 Hz, −3 dB bei 300 Hz, +2 dB bei 4 kHz; mono.
Snare und Clap
- EQ: Hochpass 150 Hz, +3 dB bei 200 Hz, +3 dB bei 3 kHz; Kompression 4:1 + Clipper; Plate-Hall 1–1,5 s mit gefiltertem Return.
Hi-Hat und Percussions
- Hochpass 500 Hz; Panning 30–70 %; leiser Triolen-Delay.
Bass
- Sub: mono-Sinus, Tiefpass 100 Hz, Limiter.
- Mittenbass: Hochpass 100 Hz, Sättigung, Flanger/Chorus nur oberhalb von 300 Hz (um die Mono-Kompatibilität nicht zu zerstören), dynamischer EQ; Sidechain von Kick und Snare 4–8 dB.
- Automationen: LFO-Geschwindigkeit, Flanger-Tiefe, Filter.
Pads, Glöckchen, Plucks
- Hochpass 300 Hz; langes Hall-Reverb; breites Stereo; Sidechain von der Snare.
Stimme und Samples
- Hochpass 150 Hz, starke Kompression, breites Delay auf punktierter 1/4.
Chöre
- Selten.
FX
- Impacts und Riser mit kontrolliertem Pegel.
Busse und Gruppen
- Drum-Bus mit Clipper; Bass-Bus mit Limiter; Music-Bus mit Sidechain.
Sidechain
- Kick → Sub, Kick + Snare → Mittenbass und Pads.
Master
- Kette: EQ → Glue → Clipper → Limiter.
- Richtwerte: −5/−4 LUFS integriert für Festivals; True Peak −0,3/−1 dBTP.
Häufige Fehler
- Flanger/Chorus unter 200 Hz (Phase und Mono); Sub, dessen Pegel mit dem LFO schwankt; Wiederholung ohne Mikrovariationen (wird auch für den Riddim langweilig).
Referenztracks für den Mix
- Virtual Riot — German Engineering (EP, 2018); Marshmello & Svdden Death — Sell Out (2019).
Referenz-Hörbeispiele
- Virtual Riot — German Engineering (EP, 2018)
- Marshmello & Svdden Death — Sell Out (2019)
- Papa Khan — Rain (dall'EP Blossom, 2020; ponte verso il colour bass)