Geschichte und Charakter
„Latin“ ist ein Oberbegriff für die populären Musikformen Lateinamerikas und der spanisch- und portugiesischsprachigen Karibik sowie ihrer Diasporas (vor allem in den Vereinigten Staaten). Grundlage ist die Verschmelzung dreier Erbschaften: der afrikanischen Traditionen, die von den Sklaven mitgebracht wurden (Polyrhythmik, Trommeln, Call-and-Response, Timelines wie Clave und Tresillo), der europäischen Traditionen (tonale Harmonik, Gitarre und Saiteninstrumente, Formen wie Lied und Salontanz, die spanische Décima, der Contredanse) und der indigenen Traditionen (Flöten, Maracas, Guacharaca, bestimmte melodische Modi, vor allem im Anden- und kolumbianischen Raum).
Die großen Familien: die afrokubanische (Son, Danzón, Rumba, Bolero, Mambo, Cha-Cha-Chá, später Salsa und Timba in New York und Havanna), die dominikanische (Merengue, Bachata, Dembow), die kolumbianische (Cumbia, Vallenato, Porro, Champeta), die brasilianische (Samba, Choro, Bossa nova, MPB, Forró, Funk carioca), die rioplatensische (Tango, Milonga, Candombe), die mexikanische (Mariachi, Ranchera, Corrido, Norteño, Banda, bis zu den Corridos tumbados), die puerto-ricanische (Bomba, Plena, später Reggaeton) und die urbanen Musikformen des 21. Jahrhunderts (Reggaeton, Latin Trap, Latin Pop). Ab den 1930er Jahren verbreiten sich diese Musikformen in der Welt (die „Salon“-Rumba, der Mambo von Pérez Prado, die Bossa nova von Jobim und Gilberto, die Salsa von Fania, die „Latin Explosion“ von Ricky Martin und Shakira, der Reggaeton von Daddy Yankee und Bad Bunny).
Querschnittselemente: durch eine Timeline organisierter Rhythmus (Clave, Tresillo, Cinquillo, Partido alto, Bell-Pattern), perkussive Rhythmusgruppen mit festen Rollen (Conga, Bongó, Timbales, Güiro, Maracas, Tambora, Surdo, Pandeiro), antizipierter Bass (Tumbao), der die Takte verbindet, Gitarren und Pianos, die als Rhythmusinstrumente eingesetzt werden, Call-and-Response zwischen Solist und Chor, zweiteilige Formen (Lied + improvisierter/tanzbarer Abschnitt wie der Montuno). Die Harmonik reicht von funktionaler Tonalität mit Dominanten und Kadenzen (Bolero, Bossa, Salsa) bis zu modalen Loops (Cumbia, Reggaeton).
Tonleitern und Tonarten
Dur (Ionisch)
- Formel: 1 2 3 4 5 6 7 — GT GT HT GT GT GT HT (Halbtonschritte 2 2 1 2 2 2 1)
- Beispiel auf C: C D E F G A B
- Charakteristischer Ton: die 7 (Leitton) und die große Terz: Helligkeit und starke Auflösung V–I
- Diatonische Dreiklänge: C (I) – Dm (ii) – Em (iii) – F (IV) – G (V) – Am (vi) – Bdim (vii°)
- Vierklänge: Cmaj7 (Imaj7) – Dm7 (ii7) – Em7 (iii7) – Fmaj7 (IVmaj7) – G7 (V7) – Am7 (vi7) – Bm7b5 (viiø7)
- Einsatz im Genre: ein Großteil von Son, Cumbia, Merengue, „Dur“-Bachata, Samba und Latin Pop; funktionale Harmonik I–IV–V mit Zwischendominanten.
- Reales Beispiel: Buena Vista Social Club — Chan Chan (Zyklus in Moll, aber viele Guarachas und Sones stehen in Dur); viele Cumbias und Merengues basieren auf I–IV–V.
- Häufige Fehler: die Dominante ignorieren: Im Son und in der Salsa ist das V7 grundlegend, und der Tumbao des Basses antizipiert sie.
Harmonisch Moll
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 7 — GT HT GT GT HT 1½ GT HT (Halbtonschritte 2 1 2 2 1 3 1)
- Beispiel auf A: A B C D E F G#
- Charakteristischer Ton: die 7 (Leitton) in Moll und die übermäßige Sekunde b6–7: dramatische Spannung, „nahöstlicher/andalusischer“ Charakter
- Diatonische Dreiklänge: Am (i) – Bdim (ii°) – Caug (III+) – Dm (iv) – E (V) – F (VI) – G#dim (vii°)
- Vierklänge: Am(maj7) (i(maj7)) – Bm7b5 (iiø7) – Cmaj7#5 (III+maj7) – Dm7 (iv7) – E7 (V7) – Fmaj7 (VImaj7) – G#dim7 (vii°7)
- Einsatz im Genre: die „lateinamerikanische“ Skala schlechthin in Moll: Bolero, Tango, Salsa in Moll, Bachata, Flamenco-Pop; das Dur-V (E7) und die Kadenz i–iv–V7–i.
- Reales Beispiel: Tango und Bolero kadenzieren fast immer mit dem V7 des harmonischen Molls; die Salsa in Moll verwendet i–iv–V7.
- Häufige Fehler: in den Kadenzpassagen natürliches Moll verwenden: Ohne Leitton verliert die lateinamerikanische Kadenz an Kraft.
Phrygisch-Dominant (5. Modus von Harmonisch Moll)
- Formel: 1 b2 3 4 5 b6 b7 — HT 1½ GT HT GT HT GT GT (Halbtonschritte 1 3 1 2 1 2 2)
- Beispiel auf E: E F G# A B C D
- Charakteristischer Ton: das Paar b2 + große Terz (übermäßige Sekunde b2–3): der Flamenco-/arabische Klang schlechthin
- Diatonische Dreiklänge: E (I) – F (II) – G#dim (iii°) – Am (iv) – Bdim (v°) – Caug (VI+) – Dm (vii)
- Vierklänge: E7 (I7) – Fmaj7 (IImaj7) – G#dim7 (iii°7) – Am(maj7) (iv(maj7)) – Bm7b5 (vø7) – Cmaj7#5 (VI+maj7) – Dm7 (vii7)
- Einsatz im Genre: andalusisches Erbe: Flamenco-Gitarren, Intros von Bachata und Salsa, Rumba flamenca, Bolero; die andalusische Kadenz Am–G–F–E (i–VII–VI–V) ist dieselbe Skala, vom V aus gesehen.
- Reales Beispiel: Die andalusische Kadenz taucht in unzähligen lateinamerikanischen Stücken auf, von „Malagueña“ (Lecuona) bis zum Pop der Gipsy Kings.
- Häufige Fehler: den Schlussakkord E einen „aufzulösenden Dominantakkord“ nennen: In der andalusischen Kadenz ist er oft die eigentliche Tonika.
Dorisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7 — GT HT GT GT GT HT GT (Halbtonschritte 2 1 2 2 2 1 2)
- Beispiel auf D: D E F G A B C
- Charakteristischer Ton: die große 6 auf Moll-Basis: „offenes“ Moll, weniger traurig, das das Dur-IV ergibt
- Diatonische Dreiklänge: Dm (i) – Em (ii) – F (III) – G (IV) – Am (v) – Bdim (vi°) – C (VII)
- Vierklänge: Dm7 (i7) – Em7 (ii7) – Fmaj7 (IIImaj7) – G7 (IV7) – Am7 (v7) – Bm7b5 (viø7) – Cmaj7 (VIImaj7)
- Einsatz im Genre: Cumbia, Latin Rock (Santana), Latin Jazz, Samba-Jazz und Timba verwenden dorische i–IV-Zyklen; die große 6 bringt Licht ins Moll.
- Reales Beispiel: Santana — Oye Como Va (Zyklus Am7–D9 in A-Dorisch, komponiert von Tito Puente).
- Häufige Fehler: die b6 in der Melodie eines dorischen Vamps spielen.
Mixolydisch
- Formel: 1 2 3 4 5 6 b7 — GT GT HT GT GT HT GT (Halbtonschritte 2 2 1 2 2 1 2)
- Beispiel auf G: G A B C D E F
- Charakteristischer Ton: die b7 auf Dur-Basis: „erdiges“, festliches Dur, ohne Leitton
- Diatonische Dreiklänge: G (I) – Am (ii) – Bdim (iii°) – C (IV) – Dm (v) – Em (vi) – F (VII)
- Vierklänge: G7 (I7) – Am7 (ii7) – Bm7b5 (iiiø7) – Cmaj7 (IVmaj7) – Dm7 (v7) – Em7 (vi7) – Fmaj7 (VIImaj7)
- Einsatz im Genre: Forró, Baião, einige Cumbias und die Vamps von Guaracha und Son; die b7 ohne Leitton ergibt ein „erdiges“ Dur.
- Reales Beispiel: Luiz Gonzaga — Asa Branca verwendet Melodien im Dur-Modus mit mixolydischen Farben, typisch für den Sertão des Nordostens (siehe Eintrag Forró).
- Häufige Fehler: Mixolydisch und Lydisch-Dominant verwechseln: Im Baião taucht oft auch die #4 auf.
Lydisch-Dominant (Mixolydisch #4)
- Formel: 1 2 3 #4 5 6 b7 — GT GT GT HT GT HT GT (Halbtonschritte 2 2 2 1 2 1 2)
- Beispiel auf C: C D E F# G A Bb
- Charakteristischer Ton: #4 + b7: helle Dominante; in Brasilien ist es die „Nordeste-Skala“ (Mixolydisch mit #4)
- Diatonische Dreiklänge: C (I) – D (II) – Edim (iii°) – F#dim (iv°) – Gm (v) – Am (vi) – Bbaug (VII+)
- Vierklänge: C7 (I7) – D7 (II7) – Em7b5 (iiiø7) – F#m7b5 (ivø7) – Gm(maj7) (v(maj7)) – Am7 (vi7) – Bbmaj7#5 (VII+maj7)
- Einsatz im Genre: die „Nordeste-Skala“ von Forró und Baião (C D E F# G A Bb) und eine häufige Farbe in Bossa nova und Latin Jazz über Dominantakkorden (7#11).
- Reales Beispiel: Tom Jobim verwendet oft 7#11-Akkorde (z. B. das D7#11 im Zyklus von „Garota de Ipanema“ in F: Fmaj7–G7–Gm7–Gb7), wobei die #11 der Farbton ist.
- Häufige Fehler: sie über einem Dur-Tonikaakkord mit großer 7 verwenden: Lydisch-Dominant ist für Septakkorde.
Wie man zwischen den Skalen des Genres wählt
- Afrokubanisch (Son, Salsa, Mambo) → Dur oder Harmonisch Moll mit klaren Dominanten.
- Bolero, Tango, Bachata → Harmonisch Moll (und Phrygisch-Dominant für andalusische Farben).
- Cumbia, Reggaeton, urbaner Pop → Äolisch, Dorisch, Dur über Loops.
- Brasilien (Bossa, MPB) → Dur und Melodisch Moll mit Erweiterungen (maj7, 9, 11, 13); Forró → Mixolydisch und Lydisch-Dominant.
- Regel: Schau auf die Kadenz. Gibt es V7–i, ist es Harmonisch Moll; ist der Zyklus modal und ohne Dominante, wähle zwischen Äolisch, Dorisch und Mixolydisch.
Harmonik
Zwei große Logiken
- Tonal-funktional: Bolero, Tango, Son, Salsa, Bossa nova, MPB. II–V–I-Kadenzen, Zwischendominanten, Quintfälle, Modulationen in die Parallel- oder die gleichnamige Tonart, Akkorde mit Erweiterungen (in der Bossa und im modernen Bolero: maj7, m7, 9, 11, 13, b9).
- Modal-zyklisch: Cumbia, Vallenato, moderne Bachata, Reggaeton, viele folkloristische Formen. Loops aus 2–4 Akkorden (I–V, I–IV–V, i–VI–III–VII), wiederholt; die Spannung liegt im Rhythmus und in der Stimme.
Querschnittsformeln
- Montuno / Vamp: 2–4 wiederholte Akkorde unter der Improvisation (I–IV–V–IV, ii–V, i–iv–V7–iv).
- Andalusische Kadenz i–VII–VI–V: spanisches Erbe.
- i–iv–V7–i in Moll: Bolero, Tango, Salsa, Bachata.
- Chromatische II–V und Tritonus-Substitutionen in Bossa und Latin Jazz.
Harmonischer Rhythmus und Voicing
- Harmonischer Rhythmus 1–2 Akkorde pro Takt in Bolero und Bossa; 1 Akkord alle 1–2 Takte in den Loops.
- Der Bass antizipiert den Akkord (Tumbao): Die Harmonik „kommt vor“ dem Downbeat.
- Piano und Gitarre spielen die Akkorde in rhythmischen Figuren (Guajeo/Montuno, Batida der Bossa, Rasgueo).
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Montuno in Dur | C-Dur | C F G F | I IV V IV | Vamp von Son und Salsa: Das Piano spielt den Guajeo, Chor und Solist wechseln sich ab. |
| Lateinamerikanisches Moll | a-Moll | Am Dm E7 Am | i iv V7 i | Die Kadenz von Bolero, Tango, Salsa und Bachata in Moll. |
| Andalusische Kadenz | a-Moll | Am G F E | i VII VI V | Spanisches/Flamenco-Erbe: Intros von Bachata, Rumba flamenca, Bolero. |
| Chan Chan | d-Moll | Dm F Gm A | i III iv V | Der berühmte Zyklus von Compay Segundo (Buena Vista Social Club), Son in Moll mit Dur-V. |
| Dorisch à la Santana | a-Moll (Dorisch) | Am7 D9 | i7 IV9 | Oye Como Va: afrokubanischer dorischer Vamp, in den Rock übertragen. |
| Bossa II–V–I | F-Dur | Fmaj7 G7 Gm7 C7 | Imaj7 II7 ii7 V7 | Die harmonische Logik der Bossa nova (siehe Garota de Ipanema), mit der Zwischendominante II7. |
| Urbaner Loop | a-Moll | Am F C G | i VI III VII | Reggaeton und urbaner Pop: äolischer Loop. |
| Cumbia | G-Dur | G D D G | I V V I | Zwei Akkorde über Cumbia-Rhythmus: minimale Harmonik, alles ist Groove. |
Rhythmus und Groove
Timeline und Clave
Viele lateinamerikanische Musikformen sind durch eine wiederholte Timeline organisiert, oft über zwei Takte:
- Son-Clave 3-2: Schläge auf 1, 2&, 4 | 2, 3 (im 4/4-Takt in Vierteln; entspricht 1, 1a, 2&, 3&, 4 in einem 2/2-Takt).
- Rumba-Clave: wie die Son-Clave, aber der dritte Schlag rutscht von 2& auf 2a (im 2/2) — gespannter.
- Tresillo: 3+3+2 Sechzehntel (1, 1a, 2&), Basis von Habanera, Tango, Reggaeton, Dembow.
- Cinquillo: verzierter Tresillo (5 Schläge in einem Takt), typisch für Danzón, Merengue, Kompa.
- Bell-Pattern 6/8 (afrokubanisch): 7 Schläge auf 12 Pulsationen.
- Brasilien: Partido alto, Telecoteco, Clave der Bossa nova (wie die Son-Clave mit dem letzten Schlag um ein Sechzehntel verschoben).
Feel
- Afrokubanisch: gerade, aber mit starkem Gefühl der Antizipation (Bass und Piano antizipieren).
- Brasilianisch: „wogende“ Sechzehntel (leichter Swing, nicht triolisch) in Samba und Bossa.
- Karibisch/kolumbianisch: 2/4 oder 4/4 mit Akzent auf dem Offbeat (Cumbia) oder auf der 1 (Merengue).
Goldene Regel
Jedes Instrument muss in der Clave sein: Melodische Phrasen, Fills und Breaks müssen die Richtung der Timeline respektieren; ein Fill „außerhalb der Clave“ klingt für einen lateinamerikanischen Musiker falsch, auch wenn er im Tempo ist.
Schlagzeug
Konzept
In der meisten traditionellen lateinamerikanischen Musik gibt es kein Schlagzeug: Es gibt eine Percussion-Sektion, in der jedes Instrument eine feste Rolle hat und der Groove aus dem Ineinandergreifen entsteht. Das Schlagzeug kommt in Latin Jazz, Latin Rock, Pop und modernen Orchestern hinzu und übernimmt, wenn vorhanden, die Funktionen der Percussion (Glocke auf dem Ride, Conga auf den Toms, Cáscara auf dem Kessel, Clave auf dem Cross-Stick).
Typische Rollen (afrokubanisch)
- Clave: Timeline (oft implizit, aber alle spüren sie).
- Conga/Tumbadora: Tumbao — Slap auf der 2, offene Töne auf der 4 und 4& (im 4/4), also das „Herz“ im Offbeat.
- Bongó: Martillo (durchgehende Achtel mit offenem Ton auf der 4) in den Strophen; im Montuno wechselt der Bongocero zur Campana de mano (Handglocke, Cowbell) in Vierteln.
- Timbales: Cáscara (auf dem Kessel) in den Strophen, Glocke im Montuno und im Mambo, Fills und „Abanico“ (eröffnender Wirbel), um die Abschnitte anzuzeigen.
- Güiro / Maracas: durchgehende Sechzehntel oder Achtel, Bindemittel.
Typische Rollen (andere Stile)
- Merengue: Tambora (doppelfellig, eine Seite mit Stock, eine mit der Hand) + metallische Güira in Achteln/Sechzehnteln.
- Cumbia: Tambor alegre, Llamador auf dem Offbeat, Guacharaca in Sechzehnteln, Tambora.
- Samba: Surdo (Akzent auf der 2), Caixa, Tamborim, Pandeiro, Agogô, Cuíca, Chocalho.
- Bossa nova: Schlagzeug mit Cross-Stick (Clave der Bossa), Bassdrum in Surdo-Figur (1 und 2& im 2/4), Besen auf der Snare.
Dynamik und Zusammenspiel
- Die Percussion arbeitet auf Dynamikstufen: Strophe (Cáscara, Martillo) leiser, Montuno (Glocken) lauter.
- Der Bass spielt mit der Conga (Tumbao) und antizipiert die Akkorde; Stimme und Chor antworten.
- Die Breaks (Cierres, Ponches) werden vom ganzen Orchester unisono gespielt, oft auf dem „Ponche“ der Clave (2& auf der 3er-Seite).
Typische Fehler
- Lateinamerikanische Percussion ohne Clave als Bezug programmieren.
- Conga auf der 1 und der 3: Das ist das Gegenteil des Tumbao.
- Samba und Bossa zu 100 % quantisieren: Sie verlieren das Wogen.
Bass
Prinzip
Der traditionelle lateinamerikanische Bass (Son, Salsa, Mambo) spielt den antizipierten Tumbao: Er meidet den Downbeat der 1 und setzt auf der 2& und auf der 4 des Takts ein, wobei er die 4 über den Taktstrich bindet. So „kommt“ der Akkord des nächsten Takts früher, und der Groove treibt nach vorn.
Pro Stil
- Salsa/Son: Tumbao (2& und 4), Grundton und Quinte; Baby Bass (Ampeg) oder Kontrabass.
- Bolero: Bass auf 1 und 3 oder auf 1 und 2&-3, mit chromatischen Durchgängen und leichtem Walking.
- Bossa nova: Bass auf 1 und 2& (im 2/4, also 1 und 3 „punktiert“ im 4/4), Wechsel Grundton–Quinte, wie der Surdo.
- Cumbia: Grundton auf der 1 und Quinte auf der 3, manchmal mit Antizipation; „hüpfender“ Rhythmus.
- Merengue: synkopierter „Jaleo“-Bass zwischen den Tönen der Tambora.
- Tango: markiert auf 1 und 3 (Marcato in 4) oder Figur 3+3+2 (Síncopa), Arrastres (geschleift) vor dem Schlag.
- Reggaeton/urbaner Pop: 808 oder Sub auf den Vierteln oder auf dem 3+3+2.
Harmonieinstrumente
- Piano: Guajeo/Montuno in Oktaven (Salsa, Son), Akkorde im Offbeat (Bolero), Jazz-Voicings (Bossa, Latin Jazz).
- Tres cubano: Guajeo im Son.
- Gitarre: Bolero (Trio, Requinto), Bossa (Batida), Bachata (Requinto, Segunda), Flamenco (Rasgueo), Samba (Violão de 7 cordas).
- Cuatro (Puerto Rico, Venezuela), Charango (Anden), Cavaquinho (Brasilien).
- Akkordeon (Vallenato, Norteño, Merengue típico, Forró), Bandoneon (Tango).
- Streicher (Charanga, Bolero, Tango), Bläser (Salsa, Mambo, Banda, Mariachi).
Melodie und Gesang
Stimme und Melodie
- Call-and-Response: Solist (Sonero, Sänger) und fester Chor, vor allem im Montuno.
- Synkopierte Melodien, an der Clave ausgerichtet; Phrasen von 2 oder 4 Takten.
- Vokale Romantik (Bolero, Bachata): lyrische Melodien, ausgiebiger Einsatz von Vorhalten und Chromatik, intime Stimme.
- Chöre in parallelen Terzen und Sexten (Bolero-Trio, Salsa-Chor), gerufene Unisono-Stellen in den Straßengenres.
- Vokale Improvisation (Inspiraciones, Pregones) im Montuno.
Instrumente
- Percussion: Clave, Conga/Tumbadora, Bongó, Timbales, Güiro, Maracas, Glocke, Tambora, Güira, Guacharaca, Cajón, Surdo, Pandeiro, Tamborim, Agogô, Cuíca, Zabumba, Triangel
- Bass: Kontrabass, Baby Bass, E-Bass, Tololoche, 808
- Harmonische Instrumente: Klavier, Tres, Gitarre, Requinto, Cuatro, Charango, Cavaquinho, Violão de 7 cordas, Akkordeon, Bandoneon, Harfe
- Bläser: Trompete, Posaune, Saxophon, Flöte (Charanga), Klarinette, Tuba (Banda)
- Streicher: Violinen (Charanga, Tango, Mariachi)
- Solostimme und Chor
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Piano V — Piano für Montuno, Bolero, Bossa: Brillanter Flügel für die Guajeos; weicher für Bolero und Bossa.
- Stage-73 V — Rhodes für Latin Jazz und Bossa: Non- und Tredezimakkorde, leichtes Tremolo.
- DX7 V — E-Piano und FM-Bässe der 80er: Salsa romántica, Merengue der 80er, Pop-Balada.
- B-3 V — Orgel für Latin Rock und Boogaloo: Santana, Latin Soul, Boogaloo der 60er.
- Augmented Strings — Streicher für Bolero und Salsa romántica: Weiches Legato unter den Refrains.
- Jup-8 V — Pads und Plucks im Latin Pop: Für urbane und Pop-Produktionen.
Songaufbau
Wiederkehrende Formen
- Canción + Montuno (Son, Salsa): gesungener Teil (16–32 Takte), gefolgt von einem zyklischen Abschnitt Chor–Pregón (32–64+), mit Bläser-Mambo und Moña.
- Strophe–Refrain im Pop-Stil (Latin Pop, Reggaeton, moderne Bachata).
- Form AABA / ABAB (Bolero, Bossa nova, Tango), 32 Takte.
- Tanzformen mit Einleitung und Jaleo (Merengue: Paseo, Merengue, Jaleo).
- Narrative Strophenformen (Corrido, Vallenato, Décima).
Längen
Phrasen in Vielfachen von 2 Takten (an der Clave ausgerichtet); Abschnitte von 8 oder 16; instrumentale Intros von 4–16; Codas mit Cierre im Unisono.
Mixing und Mastering
Klangziel
Hängt von der Familie ab. Die traditionellen Musikformen (Son, Salsa, Bolero, Bossa, Tango) verlangen einen dynamischen und natürlichen Mix, mit im Stereobild gut getrennten Percussion, klaren Bläsern und Klavier, warmem Bass und wenig Kompression auf dem Bus. Die urbanen Musikformen (Reggaeton, Latin Trap, Pop) verlangen einen modernen und komprimierten Mix, mit dominanten 808 und Stimme. Referenzen: Buena Vista Social Club (1997) für den Son, Fania All-Stars für die Salsa, João Gilberto für die Bossa, Despacito für den urbanen Pop.
Percussion (Conga, Bongó, Timbales, Güiro, Maracas)
- Conga: HP 60–80 Hz, Körper 150–250 Hz (+2 dB, wenn dünn), Slap 2–5 kHz; leichte Kompression 3:1, Attack 10 ms; Panning: Conga rechts (+30/+50) in der klassischen Anordnung „aus Sicht des Publikums“ oder nach dem Orchester.
- Bongó: HP 150 Hz, +2 dB bei 3–6 kHz, Panning gegenüber den Congas (−30/−50).
- Timbales: HP 100 Hz, Glocke +2 dB bei 2–4 kHz; Panning ±20–40; Overheads/Room, die sie einschließen.
- Güiro/Maracas: HP 500 Hz–1 kHz, seitliches Panning (±50–70), −6/−10 dB unter den Congas.
- Gemeinsamer Reverb (Room oder Plate 0,8–1,2 s), um die Sektion „in denselben Raum zu stellen“.
Bass (Baby Bass, Kontrabass, E-Bass)
- HP 35 Hz, +2 dB bei 80–100 Hz, Präsenz des Tons 700 Hz–1,2 kHz; Opto-Kompression 3:1 (3–4 dB). Mono in der Mitte.
Klavier, Tres, Gitarren
- Piano-Montuno: HP 80–100 Hz, +2 dB bei 2–4 kHz, damit er sich durchsetzt; leichte Kompression; moderates Stereo (nicht zu breit).
- Tres und Gitarren: HP 100–150 Hz, Präsenz 2–5 kHz; Panning ±20–50.
Bläser
- HP 120–150 Hz, −2 dB bei 300–500 Hz, Präsenz 2–5 kHz, De-Esser, wenn sie schrill sind; leichte Kompression 3:1; Plate-/Hall-Reverb 1,5–2 s. Trompeten Mitte-links, Posaunen Mitte-rechts, Saxophone an den Seiten, oder wie die Anordnung im Saal.
Hauptstimme und Chor
- Stimme: HP 80–100 Hz, −2 dB bei 250–400 Hz, +2/+3 dB bei 3–5 kHz; Kompression 4:1 (3–5 dB) + Opto; Plate 1,2–2 s bei 12–20 %.
- Chor: stärker komprimiert, Panning ±40–70, längerer Reverb.
Busse und Gruppen
Percussion-Bus (leichter Glue 1–2 dB), Horn-Bus, Rhythmus-Sektion-Bus; im Traditionellen wenig Bus-Kompression.
Sidechain
Im Traditionellen praktisch nicht vorhanden; im urbanen Pop Bassdrum → Bass und Bassdrum → Pad.
Master
- Traditionell (Salsa, Son, Bolero, Bossa): −12/−9 LUFS integriert, True Peak ≤ −1 dBTP, PLR 10–14 dB.
- Latin Pop / urban: −8/−6 LUFS, PLR 7–9 dB.
Häufige Fehler
- Die Percussion so stark komprimieren, dass ihre Dynamik verschwindet.
- Alle Percussion in der Mitte.
- Bass, der nicht „antizipiert“, weil er im Latin Pop unter der Bassdrum begraben ist.
- Zu brillante Bläser (schrill bei 3–5 kHz).
Referenzstücke für den Mix
- Buena Vista Social Club — Chan Chan (1997)
- Fania All-Stars — Quítate Tú (1971)
- Stan Getz & João Gilberto — The Girl from Ipanema (1964)
- Luis Fonsi feat. Daddy Yankee — Despacito (2017)
Referenz-Hörbeispiele
- Pérez Prado — Mambo No. 5 (registrato nel 1949, pubblicato nel 1950)
- Stan Getz & João Gilberto — The Girl from Ipanema (1964)
- Santana — Oye Como Va (1970)
- Fania All-Stars — Quítate Tú (1971)
- Celia Cruz — La Vida Es un Carnaval (1998)
- Buena Vista Social Club — Chan Chan (1997)
- Juan Luis Guerra 4.40 — Ojalá Que Llueva Café (1989)
- Luis Fonsi feat. Daddy Yankee — Despacito (2017)
- Bad Bunny — Tití Me Preguntó (2022)