Geschichte und Charakter
Drum and Bass entsteht Anfang der 1990er-Jahre im Vereinigten Königreich als Weiterentwicklung des Jungle, der sich seinerseits aus dem Breakbeat Hardcore der Raves von 1990–1992 herauslöst. Die Zutaten kommen aus drei Richtungen: gesampelte und beschleunigte Funk-Breakbeats (allen voran der Amen Break aus „Amen, Brother“ von den Winstons, 1969), die jamaikanische Soundsystem-Kultur mit ihren tiefen Bässen und der Detroit Techno, insbesondere der „Reese Bass“ von Kevin Saunderson („Just Want Another Chance“, 1988). Die Tempi steigen rasch: etwa 130 BPM bei den Raves 1990–91, 155–165 im Jahr 1993, ab 1996 pendelt sich die Szene zwischen 170 und 180 ein. Das Arbeitsgerät sind Akai-Sampler und Sequencer auf dem Atari ST; die Platten laufen auf Piratensendern wie Kool FM und in Londoner Clubs (AWOL, Metalheadz Sunday Sessions im Blue Note).
Ab Mitte der 1990er-Jahre teilt sich die Szene in Strömungen auf: die Atmosphäre und der Jazz von LTJ Bukem (Good Looking Records), das Album „Timeless“ von Goldie (1995), der Gewinn des Mercury Prize durch Roni Size & Reprazent mit „New Forms“ (1997), der düstere, sci-fi-artige Techstep von Ed Rush, Optical, Bad Company UK und Dom & Roland, aus dem der Neurofunk hervorgeht. Parallel dazu gibt es den verspielteren, basslastigen Jump-up und den Liquid Funk, der 1999 von Fabio mit der Compilation „Liquid Funk“ auf Creative Source getauft wurde. Wichtige Labels: Metalheadz, Reinforced, V Recordings, Moving Shadow (1990–2007), RAM, Hospital, Shogun Audio, Virus, Critical, Playaz.
In den 2000er-Jahren wird DnB zu einer globalen Sprache: Pendulum („Hold Your Colour“, 2005) rückt sie in die Nähe des Stadionrocks, Andy C und RAM dominieren die Clubs, Chase & Status, Sub Focus und Netsky bringen die „Dancefloor“-Formel in die Charts. „Hot Right Now“ von DJ Fresh (2012) ist die erste Nummer eins der UK-Charts im Drum and Bass, gefolgt von Rudimental („Feel the Love“, 2012) und Sigma (2014). In den 2020er-Jahren holt eine neue Generation (Nia Archives, Bou, Kenya Grace mit „Strangers“, 2023) das Genre zwischen Jungle-Revival und Pop-DnB wieder ins Zentrum. UKF und Liquicity auf YouTube dienten als globale Schaufenster.
Ästhetisch lebt DnB von einem Kontrast: ein extrem schnelles, zerstückeltes Schlagzeug über einem Bass und einer Harmonik, die sich langsam, „im Halftime“, bewegen. Es ist Soundsystem-Musik (körperlicher Sub, klare Transienten) mit urbaner, futuristischer Identität und einer starken MC- und DJ-Kultur (Rewind, Double Drop, lange Mixe über Phrasen von 16–32 Takten).
Tonleitern und Tonarten
DnB steht überwiegend in Moll. Die in den Clubs häufigsten Tonarten sind jene, die den Grundton des Subs zwischen E1 und A1 (41–55 Hz) ansiedeln, denn dort klingt der Sub auf Soundsystems voll, ohne matschig zu werden: E, F, Fis, G, a-Moll. Alle Beispiele unten stehen in F, damit sie vergleichbar sind.
Natürliches Moll (Äolisch)
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7. Ganz-/Halbtonschritte: G H G G H G G (2-1-2-2-1-2-2).
- In F: F G Ab Bb C Db Eb.
- Charakteristische Töne: b3 (Ab) und b6 (Db). Die b6 gibt die melancholische, „cineastische“ Farbe, die für DnB-Pads typisch ist.
- Diatonische Akkorde: i Fm, ii° G°, III Ab, iv Bbm, v Cm, VI Db, VII Eb. Septakkorde: Fm7, Gm7b5, Abmaj7, Bbm7, Cm7, Dbmaj7, Eb7.
- Einsatz im Genre: Grundlage fast aller Dancefloor-Progressionen und Roller (i–VI–III–VII, i–VI–VII). Die Bässe bleiben auf 1, b6, b7 und 5; die Leads nutzen die von der b6 zur 5 fallende Linie als dramatische Geste.
- Hörbeispiel: Die epischen Progressionen von Pendulum („Hold Your Colour“) und Sub Focus basieren auf dieser äolischen Logik.
- Häufige Fehler: das Moll-v (Cm) einsetzen und eine starke Kadenz erwarten (es gibt keinen Leitton); bei 174 BPM zu viele Akkorde pro Takt – die Harmonik „verklebt“.
Dorisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7. G H G G G H G (2-1-2-2-2-1-2).
- In F: F G Ab Bb C D Eb.
- Charakteristischer Ton: die große Sexte (D): ein „helles“ Moll, soulig und jazzig.
- Akkorde (römische Ziffern bezogen auf natürliches Moll): i Fm, ii Gm, III Ab, IV Bb, v Cm, #vi° D°, VII Eb. Septakkorde: Fm7, Gm7, Abmaj7, Bb7, Cm7, Dm7b5, Ebmaj7. Der Signaturakkord ist der Dur-IV (Bb oder Bb7) nach dem Moll-i.
- Einsatz: Liquid, Soulful, Roller mit Rhodes. Typische Progression Fm9–Bb13 (i9–IV13), je 2 Takte. In den Bässen hört man die 6 als Durchgangston zur b7.
- Hörbeispiel: Die Harmonik von Calibre und High Contrast im Liquid hat diese Farbe (Moll mit Dur-IV).
- Häufige Fehler: die 6 spielen, im Pad aber ein Db (b6) der äolischen Skala halten – die Reibung D–Db ruiniert die Farbe.
Phrygisch
- Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7. H G G G H G G (1-2-2-2-1-2-2).
- In F: F Gb Ab Bb C Db Eb.
- Charakteristischer Ton: b2 (Gb), einen Halbton über dem Grundton: Spannung, Bedrohung, „orientalische“ Farbe.
- Akkorde (bezogen auf natürliches Moll): i Fm, bII Gb, III Ab, iv Bbm, v° C°, VI Db, vii Ebm.
- Einsatz: Techstep, Neurofunk, dunkler Jump-up. Bass-Riffs, die zwischen F und Gb pendeln, bII–i-Stabs (Gb–Fm), Sirenen, die einen Halbton aufsteigen.
- Hörbeispiel: Die Techstep-/Neuro-Tradition (Ed Rush & Optical, Noisia) verwendet oft Halbtonzellen über dem Grundton.
- Häufige Fehler: zu lange auf dem harmonisierten bII verweilen; im Genre funktioniert der Halbton besser als Basszelle oder kurzer Stab.
Harmonisches Moll
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 7. G H G G H G½ H (2-1-2-2-1-3-1).
- In F: F G Ab Bb C Db E.
- Charakteristischer Ton: der Leitton E und die übermäßige Sekunde Db–E: echte Dominante (C oder C7) und epische bzw. „neoklassische“ Farbe.
- Akkorde: i Fm, ii° G°, III+ Ab+, iv Bbm, V C, VI Db, vii° E°. Septakkorde: FmMaj7, Gm7b5, Abmaj7#5, Bbm7, C7, Dbmaj7, E°7.
- Einsatz: Ende von Breakdowns (V–i vor dem Drop), Dancefloor-Leads, orchestrale Intros. Oft bleibt man im Äolischen und nimmt nur das Dur-V im letzten Takt.
- Häufige Fehler: die harmonische Skala für den ganzen Track verwenden – das klingt „nach Kostümfilm“; besser auf die Kadenzen beschränken.
Moll-Pentatonik und Basszellen
- Formel: 1 b3 4 5 b7. Intervalle in Halbtönen: 3-2-2-3-2.
- In F: F Ab Bb C Eb.
- Einsatz: Reese- und Jump-up-Riffs, Vocal Chops, einfache Leads, die über jedem äolischen oder dorischen Akkord nie falsch liegen.
- Häufige Fehler: zu lange Riffs; im Genre ist die ideale Zelle 2–4 Töne lang, wiederholt und im Klang variiert.
Wie man wählt
- Tanzfläche, episch: Äolisch, mit dem V des harmonischen Moll am Ende der Phrase.
- Warm, soulig, jazzig (Liquid): Dorisch, Sept- und Nonakkorde, Dur-IV.
- Dunkel, technoid (Neuro, Techstep): Phrygisch und Chromatik; die Harmonik ist fast abwesend, der Klang zählt.
- Bass-Riffs und Chops: Moll-Pentatonik.
- Faustregel: Wähle den Grundton mit Blick auf den Sub (E–A); wähle dann den Modus nach der Farbe, die du im Pad willst.
Harmonik
- Langsamer harmonischer Rhythmus: Bei 174 BPM ist ein Akkord alle 2 Takte (also etwa alle 2,8 Sekunden) die Norm; im Liquid oft ein Akkord pro Takt. Man denkt die Harmonik so, als läge der Track bei 87.
- Loops aus 4 Akkorden über 8 Takte oder aus 2 Akkorden über 4 Takte; im Drop reduziert sich die Harmonik oft auf einen Orgelpunkt, während sich der Bass auf 1, b7, b6 bewegt.
- Orgelpunkte: Der Sub bleibt auf dem Grundton, während sich darüber die Pads ändern (Fm–Db/F–Eb/F): das hält die Subkraft konstant, was in den Clubs entscheidend ist.
- Modale Entlehnungen: dorisches Dur-IV in äolischem Kontext, Dur-V des harmonischen Moll am Ende des Breakdowns, phrygisches bII als Stab.
- Kadenzen: im Drop selten; die echte Kadenz (V–i oder VI–VII–i) liegt zwischen Breakdown und Drop, wo sie den Bass „abfeuert“.
- Voicings: Akkorde im mittleren Register (F3–F5), offen, ohne Grundton (den übernimmt der Bass); Septimen und Nonen im Liquid, Dreiklänge oder leere Quinten im Dancefloor und Neuro.
- Dichte: umgekehrt proportional zur Aggressivität des Basses: Je obertonreicher der Reese, desto weniger Töne braucht das Pad.
- Modulationen: selten; stattdessen wechselt man den Abschnitt (zweiter Drop mit anderem Bass, „Switch-up“) statt die Tonart. Im Liquid kommt der Ganztonsprung im letzten Refrain vor.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Episches Äolisch | f-Moll | Fm Db Ab Eb | i VI III VII | Ein Akkord alle 2 Takte: die meistgenutzte Progression für Breakdown und Dancefloor-Drop (Pendulum, Sub Focus, Wilkinson). Sie funktioniert, weil der Abstieg Db–Ab–Eb die Spannung hält, ohne zu kadenzieren. |
| Abschuss mit Dominante | f-Moll | Fm Db Eb C | i VI VII V | Das C-Dur (harmonisches Moll) im letzten Takt vor dem Drop erzeugt die Erwartung; der Sub setzt auf dem F ein. |
| Dorischer Soul | F-Dorisch | Fm9 Bb13 | i9 IV13 | Liquid und Roller: 2 Akkorde über 4 Takte, Rhodes oder Pad. Die große Sexte (D) im Bb13 ist die Signaturfarbe. |
| Jazziger Liquid | c-Moll | Cm9 Fm9 Bbmaj7 Ebmaj7 Abmaj7 G7alt | i9 iv9 VII7 IIImaj7 VImaj7 V7alt | Quintfallsequenz, typisch für den musikalischeren Liquid (Calibre, Hospital): ein Takt pro Akkord. |
| Dunkler Orgelpunkt | e-Moll | Em Cmaj7/E Am/E Em | i VImaj7/1 iv/1 i | Alles auf dem Orgelpunkt E: Der Sub bewegt sich nie, nur die Farbe der Pads ändert sich. Neuro und Minimal Roller. |
| Phrygischer Stab | F-Phrygisch | Fm Gb | i bII | Stabs oder Pads von je 1 Takt; die Zelle F–Gb im Bass ist die Minimalversion. Techstep, dunkler Jump-up. |
| Dancefloor-Pop | a-Moll | Am F C G | i VI III VII | Die „Pop-Progression“ in der Chart-DnB (Rudimental, Sigma): je ein Takt pro Akkord, Gesang darüber. |
| Cineastischer Breakdown | d-Moll | Dm Bb Gm A | i VI iv V | Streicher und Chöre im Breakdown; das Dur-V bereitet den Drop vor. |
Rhythmus und Groove
- Tempo: 170–176, Standard 174. Im Halftime (87) werden Bässe, Akkorde und Stimmen gedacht.
- Raster: gerade Sechzehntel (Swing 0) für das programmierte Schlagzeug; gesampelte Breaks bringen ihren eigenen ursprünglichen Mikro-Swing mit (oft 52–56 %), den man respektieren sollte.
- Two-Step: Kick auf der 1 und dem „und“ der 3, Snare auf 2 und 4: das Grundpattern der modernen DnB.
- Akzente: Die Snare ist der stärkste Punkt (wahrnehmbar oft lauter als die Kick); Ghost Notes mit niedriger Velocity erzeugen das „Rollen“.
- Halftime: Breakdowns und Intros oft mit Snare nur auf der 3 (Half-time, 87), danach „verdoppelt“ der Drop.
- Microtiming: Hi-Hat und Shaker 5–10 ms vor oder hinter dem Raster für mehr Vorwärtsdrang; die Snare sollte auf dem Raster oder minimal dahinter (2–5 ms) liegen, damit sie schwer klingt.
- Dichte: 16 Sechzehntel pro Takt bei 174 BPM = eine Sechzehntel alle 86 ms. Jeder zusätzliche Schlag muss gerechtfertigt sein.
Schlagzeug
Konvention: Ein Takt hat 16 nummerierte Sechzehntel (1–16); die Viertel fallen auf 1, 5, 9, 13; die „und“ (Offbeat-Achtel) auf 3, 7, 11, 15.
Rolle der Kick
- Grundpattern (Two-Step): Sechzehntel 1 und 11 (die 1 und das „und“ der 3). Sie ist kurz und punchy: Körper 50–70 Hz und Klick 3–5 kHz, Decay 150–250 ms, damit sie den Sub nicht überdeckt.
- Varianten: zusätzliche Kick auf der 8 oder der 15, um die Progression anzuschieben; doppelte Kick 11–12 für Roller; in „Stepper“-Drops Kick auf 1, 7, 11.
- Die Kick ist NICHT der Bass: Sie überlässt den Raum unter 50 Hz dem Sub.
Rolle von Snare und Clap
- Sechzehntel 5 und 13 (2 und 4). Das ist das Herz des Genres: Körper 180–250 Hz, Crack 1,5–4 kHz, kurzer Ausklang.
- Oft geschichtet: akustische gesampelte Snare + elektronische Snare + leichter Clap oder ein Break darunter.
- Ghost Notes: auf der 8, 10, 15 oder 16 mit 25–45 % Velocity; sie sorgen für das Rollen. Im Liquid oft eine Ghost auf der 10.
- Stimmung: Den Snare-Körper auf Grundton oder Quinte stimmen (z. B. bei f-Moll Körper bei ~175 Hz = F3 oder ~196 Hz = G3, nach Gehör nachjustieren).
Hi-Hat, Ride und Percussion
- Geschlossene Hi-Hats in Achteln (3, 7, 11, 15 im Offbeat) oder in Sechzehnteln mit wechselnder Dynamik (laut–leise); das Ride im Offbeat sorgt für Offenheit (DnB der 90er, Liquid).
- Shaker in Sechzehnteln mit niedriger Velocity: füllt den Raum zwischen den Schlägen.
- Gesampelte Breaks (Amen, Think, Apache, Hot Pants) unter dem programmierten Schlagzeug, mit Hochpass bei 200–400 Hz gefiltert: sie fügen „Staub“ und Groove hinzu, ohne Kick und Sub zu stören.
- Percussion: Tamburine, Rim, umgekehrte Crashs am Phrasenanfang.
Dynamik, Ghost Notes und Groove
- Velocity: Kick 100–110, Snare 110–127, Ghost 30–45, alternierende Hats 70/50.
- Microtiming: leichtes Vorziehen der Hats (5 ms) erzeugt Dringlichkeit; verzögerte Snares (3–8 ms) machen sie schwerer und „laid-back“ (typisch für Liquid).
- Der Groove der DnB entsteht aus Ghosts und Breaks, nicht aus globalem Swing.
Zusammenspiel mit Bass und Gesang
- Der Sub setzt oft auf der 1 zusammen mit der Kick ein und hört auf oder wechselt den Ton auf der 11 (zweite Kick): Der Bass „antwortet“ der Kick.
- Der Mid-Reese bewegt sich im Halftime: eine Note pro halbem Takt oder pro Takt.
- Mit Gesang: In den Strophen nimmt man Hats oder Ride heraus, um den Zischlauten Platz zu lassen; der MC lehnt sich an die Snares 5 und 13 an.
Wie es sich je nach Abschnitt ändert
- Intro: gefilterter Break oder nur Hats/Percussion, 16–32 Takte, für den DJ gedacht.
- Build: Snare, die von Vierteln über Achtel zu Sechzehnteln wechselt, Hochpassfilter auf dem Schlagzeug, Riser; der letzte Takt oft leer.
- Drop: vollständiger Two-Step, Ghosts, Break darunter, Crash am Anfang jeder 8.
- Breakdown: Halftime oder kein Schlagzeug; Pads und Gesang.
- Zweiter Drop / Switch: gleiches Schlagzeug mit Variationen (andere Kick, anderer Break, Patternwechsel im 16. Takt).
Fills und Übergänge
- Snare-Fills in Zweiunddreißigsteln im letzten halben Takt; umgeordnete Break-Chops (die wiederholte Snare-„Scheibe“); Reverse-Crash über 1 Takt; vollständiger Stopp für 1 Viertel vor dem Drop (eine „Stille“ dauert bei 174 BPM 345 ms).
- Alle 8 Takte eine kleine Veränderung (eine Kick mehr, eine geöffnete Hi-Hat), alle 16 eine größere.
Klangwahl
- Kurze, gestimmte Kicks, Snares mit klarem Crack; saubere 24-Bit-Samples plus eine „Vintage“-Schicht (12-Bit-Breaks, emulierter Akai-Sampler).
- Längen: Kick 150–250 ms, Snare 150–300 ms, Hi-Hat 30–80 ms.
Typische Fehler
- Lange Kick, die mit dem Sub kollidiert; schwache Snare in den Mitten (es fehlen 200 Hz oder 2–3 kHz); ungefilterte Breaks, die den Bass verkleben; alle Noten mit Velocity 127 (kein Rollen); zu viele Fills; den Ausklang der Breaks nicht abschneiden (der ursprüngliche Hall verschmutzt).
Bass
- Zweischichtiger Aufbau: Sub (Sinus oder Dreieck, 30–90 Hz, mono) + Mid Bass (Reese, Growl, FM, verzerrt, 100 Hz–3 kHz). Oft sind es zwei getrennte Spuren mit Übergangsfrequenz um 100–150 Hz.
- Reese: zwei oder mehr leicht verstimmte Sägezähne (Detune 5–20 Cent), die gegeneinander schweben; ein Tiefpassfilter, das sich langsam öffnet; stammt von „Just Want Another Chance“ von Kevin Saunderson (1988), gesampelt in „Terrorist“ von Renegade.
- Register: Grundton des Subs zwischen E1 (41,2 Hz) und A1 (55 Hz); F1 = 43,65 Hz, G1 = 49,0 Hz.
- Verhältnis zur Kick: Die Kick hat ihren Körper bei 50–70 Hz und kurzen Decay, der Sub beginnt unmittelbar danach; leichtes Sidechain (3–6 dB Absenkung, Release 60–120 ms) oder Volume Shaping; der Sub kann auch leicht verzögert (10–20 ms) starten, um der Kick den Transienten zu überlassen.
- Notenwahl: meist der Grundton, b7 und b6 als Antwortnoten, die 5 für Übergänge; Chromatik (Halbton darüber oder darunter) im Neuro; Glide von 50–150 ms zwischen den Noten im Reese.
- Rhythmus: Der Sub folgt oft der Kick (1 und 11) mit langen Noten; der Mid Bass spielt Halftime-Phrasen mit Pausen; im Jump-up ist der Bass das Hauptriff.
- Stimmung: Alles muss auf den Sub abgestimmt sein; prüfe, dass die Kick keine Tonhöhe hat, die mit dem Grundton kollidiert.
- Beispiele: klassischer Reese bei Ed Rush & Optical, Pendulum; liquider Sub mit langen Noten bei High Contrast; Wobble/Growl im modernen Jump-up.
Harmonieinstrumente
- Pads: synthetische Streicher und warme Pads im mittleren Register, mit Attack 200–800 ms und langem Release: sie füllen die Pausen des Breaks, ohne mit dem Snare-Transienten zu konkurrieren.
- Klavier und Rhodes: Liquid und Soulful; Sept- und None-Voicings in der rechten Hand, die linke Hand überlässt dem Bass das Feld.
- Stabs: kurze Akkorde (Decay 100–300 ms) in Neuro und Jump-up, oft mit kurzem Hall und Delay auf punktierter Achtel.
- Orchesterstreicher: cineastische Breakdowns und Intros.
- Gitarren: Liquid und Rock-DnB (Pendulum); saubere Arpeggien oder verzerrte Powerchords.
- Register: Akkorde über F3 (~175 Hz) und unter C6 halten; der Bass trägt den Grundton.
- Funktion: Sie erzeugen die „langsame Harmonik“ über dem schnellen Rhythmus; sie sollten leicht per Sidechain an Kick oder Snare gekoppelt werden.
Melodie und Gesang
- Halftime-Denken: Melodien aus langen Noten oder zweitaktige Phrasen, die atmen; der schnelle Rhythmus steckt bereits im Schlagzeug.
- Leads: Supersaw, Plucked Leads, FM-Synthesizer; Register 400 Hz–3 kHz; Quart- und Quintintervalle, Abstieg b6–5.
- Stimmen: Soul und Gospel im Liquid (hallige Frauenstimmen), Pop-Topline im Dancefloor, gepitchte Chops, Film-Samples und Dialoge im Neuro. Typisches Register Alt/Mezzosopran oder Tenor.
- MC: Teil der Live-Kultur: rhythmische Verse auf den Snares, Call-and-Response mit dem Publikum; im Studio oft gedoppelt und stark komprimiert.
- Chöre und Harmonien: Terz- und Sextharmonien in den Refrains; enge Doubles (2–4 Takes) links/rechts bei −6/−8 dB; Ad-libs mit Delay auf Viertel.
- Effekte: langer Hall-/Plate-Reverb (2–4 s) mit Pre-Delay im Tempo (1/32 ≈ 43 ms oder 1/16 ≈ 86 ms), Delay auf punktierte Viertel und Achtel, Delay-Throw am Phrasenende.
Instrumente
- Gesampeltes Schlagzeug (klassische Breaks + One-Shots), Drumcomputer (909, 808 für manche Kicks), Sampler (historische Akai S950/S1000/S3000; heute FL Studio mit Slicex, Fruity Slicer, Edison).
- Synthesizer-Bässe: Virtual Analog, FM, Wavetable (Serum und Vital sind Standard in der modernen DnB); in der V Collection: Mini V, Korg MS-20 V, DX7 V, Prophet-5 V.
- Pads und Streicher (Solina V, Jup-8 V, Augmented Strings), Klavier und Rhodes (Piano V, Stage-73 V), Orgeln (B-3 V).
- Gesang, MC, Vocal-Samples, Filmdialoge.
- Gitarren und E-Bass (Rock-DnB und Live), akustisches Schlagzeug in Live-Besetzungen.
- FX: Riser, Downlifter, Impacts, Sirenen, Reverse Cymbals.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Mini V — Sub und Reese: Osc 1 und 2 als Sägezahn auf 16', Detune ±8–15 Cent zueinander, Osc 3 als Dreieck eine Oktave tiefer für den Sub; Cutoff bei 40 %, Emphasis niedrig, langsame Filter Contour (Attack 0, Decay 1–2 s): klassischer Reese. Glide 60–100 ms für die Slides.
- Korg MS-20 V — Verzerrter Mid Bass: Zwei VCOs als Sägezahn/Rechteck, resonanter Hochpass + Tiefpass mit Drive: Growl und „Talking“-Bass für Neuro und Jump-up. Moduliere den Cutoff mit der EG oder einem LFO auf 1/8 oder 1/16.
- DX7 V — FM- und metallische Bässe: Algorithmen mit Modulatoren in hohem Verhältnis (z. B. 1:3, 1:7) und Feedback: scharfe „Neuro“-Bässe und metallische Stabs; danach Verzerrung und Tiefpass.
- Prophet-5 V — Pads und Stabs: Zwei leicht verstimmte Sägezahn-Oszillatoren, 24-dB-Filter in der Mitte, Attack 300 ms, Release 1,5 s: warme Pads. Für Stabs: Attack 0, Decay 300 ms, Poly-Mod für die Farbe.
- Solina V — Atmosphärische Streicher: Ensemble an, langsamer Attack: Intros und Breakdowns im „Bukem-Stil“.
- Stage-73 V — Liquid-Rhodes: Langsames Tremolo, etwas Drive: Non- und Tredezimakkorde im Liquid und in den Rollern.
- Augmented Voices — Chöre und Vocal-Pads: Vokaltexturen für Breakdowns und cineastische Intros.
Songaufbau
Phrasen von 8 Takten, gruppiert zu Blöcken von 16 oder 32; bei 174 BPM dauern 32 Takte etwa 44 Sekunden. Typische Länge 4:30–6:00 in der Clubversion.
| Abschnitt | Takte | Was passiert |
|---|---|---|
| Intro | 16–32 | Leichtes Schlagzeug oder gefilterter Break, Pads, FX; für den DJ-Mix gedacht |
| Build | 8–16 | Gesang oder Melodie, beschleunigende Snare, Riser, Hochpassfilter |
| Drop 1 | 32 | Vollständiger Two-Step, Sub + Reese, Variationen alle 8 |
| Breakdown | 16–32 | Kein Schlagzeug oder Halftime; Pads, Gesang, Klavier |
| Build 2 | 8–16 | Wiederaufnahme mit mehr Spannung, Dominante |
| Drop 2 / Switch | 32 | Anderer oder variierter Bass („Switch-up“), Schlagzeug mit neuen Fills |
| Outro | 16–32 | Die Melodie wird entfernt, das Schlagzeug bleibt für den Mix |
- Was ein- und aussteigt: alle 8 Takte ein neues Element (Hi-Hat, Percussion, Bassschicht); alle 16 ein größerer Wechsel (neuer Break, Bassvariation); beim 32. Takt ein Ereignis (Stopp, Fill, Drop).
- Radioversionen dauern 3:00–3:30, mit Intro von 4–8 Takten und gesungenen Strophen/Refrains.
Mixing und Mastering
Klangziel
- Kräftiger, sauberer Sub, mono, in der Lautstärke stabil; Snare als Protagonistin in den Mitten; Kick mit Punch, aber kurz; Stereoraum durch Pads, FX und Hall, niemals durch den Bass.
- Orientierungswerte für die Balance beim Hören (Spitzen): Sub und Snare auf gleichem wahrgenommenem Pegel, Kick 1–3 dB unter der Snare, Mid Bass 2–4 dB unter der Snare, Pads 8–12 dB darunter.
- Referenzen: Produktionen von RAM, Hospital, Shogun Audio; vergleiche mit dem Spektrum eines Tracks von Sub Focus oder Netsky (Dancefloor) oder Noisia (Neuro).
Kick
- EQ: Hochpass 25–30 Hz (24 dB/Okt), Boost 1–3 dB bei 50–70 Hz (Q 1,2), Absenkung 2–4 dB bei 250–400 Hz (Q 2), Boost 1–2 dB bei 3–5 kHz für den Klick.
- Kompression: oft nicht nötig; falls doch, schneller FET, Ratio 4:1, Attack 10–20 ms, Release 50–80 ms, 2–3 dB GR.
- Sättigung: leichter Clipper (Fruity Soft Clipper, Kclip), um 1–2 dB Headroom zu gewinnen.
- Raum: kein Hall (höchstens ein sehr kurzer Raum von 0,2 s, sehr leise). Mono.
- Automationen: Hochpass im Build, Lautstärke −1/−2 dB in den Breakdowns.
Snare und Clap
- EQ: Hochpass 100–150 Hz, Boost 2–3 dB bei 180–250 Hz (Körper), Absenkung 2 dB bei 400–600 Hz (Kistenklang), Boost 2–4 dB bei 2–5 kHz (Crack), Shelf +1 dB bei 10 kHz.
- Kompression: VCA oder FET, Ratio 4:1, Attack 5–15 ms (lässt den Transienten durch), Release 80–120 ms, 3–5 dB GR; danach Transient Shaper (Transient Processor von FL) mit +Attack.
- Parallel: komprimierter Snare-Bus mit 10:1, Attack 1 ms, zu 20–30 % beigemischt.
- Sättigung: leichte Band- oder Röhrensättigung; Clipper, um 2–3 dB Spitzen zu entfernen.
- Raum: Plate oder Room 0,6–1,2 s, Pre-Delay 10–20 ms, gefilterter Return 300 Hz–8 kHz, sehr leise (−18/−22 dB); im Liquid längere Hall.
- Panning: Mitte; Ghosts manchmal leicht breiter.
Hi-Hat und Percussion
- EQ: Hochpass 300–600 Hz, Absenkung 2–3 dB bei 3–5 kHz, falls sie nerven, Shelf +1–2 dB bei 12 kHz.
- Kompression: leicht oder keine; ein langsamer Kompressor auf dem Percussion-Bus, um sie zu verkleben (2:1, 1–2 dB).
- Breaks: Hochpass 200–400 Hz, Bandsättigung oder leichter Bitcrusher (Fruity Squeeze, Decimort), starke Parallelkompression.
- Raum: kurzer Room, Delay auf 1/16 sehr leise bei den Shakern.
- Panning: Hi-Hat leicht rechts oder links (10–20 %), Shaker auf der Gegenseite, Ride mittig oder leicht daneben; Breaks in schmalem Stereo (60–80 %).
Bass und Sub
- Sub: reiner Sinus, Tiefpass bei 100–120 Hz, absolut mono; dedizierter Limiter oder Clipper, um ihn konstant zu halten (Schwankung < 1–2 dB). Prüfe mit einem Analyzer, dass der Grundton zwischen 40 und 60 Hz liegt.
- Mid Bass: Hochpass bei 100–150 Hz (24–48 dB/Okt), dann Verzerrung (Multiband, Fruity Blood Overdrive, Trash 2, Decapitator), OTT zu 20–40 %, dynamischer EQ zum Entfernen von Resonanzen zwischen 300 Hz und 2 kHz. Stereo: mono unter 300 Hz, darüber mit Chorus oder Unison verbreiterbar.
- Kompression: der Bassbus (Sub + Mid) mit einem langsamen Kompressor (Attack 30 ms, Release 100 ms, 2–3 dB), um zu verkleben.
- Sidechain: von der Kick (und manchmal von der Snare) auf den Bassbus, 3–6 dB, Release 60–120 ms.
- Automationen: Cutoff und Drive bei langen Noten, Lautstärke des Mid Bass in den Fills.
Synths, Pads, Leads und Gitarren
- Pads: Hochpass 200–300 Hz, Absenkung 2–3 dB bei 2–4 kHz, falls sie die Snare überdecken; leichtes Sidechain von der Snare (2–3 dB).
- Leads: Hochpass 150–250 Hz, Präsenz 2–4 kHz, De-Esser auf Supersaws zwischen 6 und 9 kHz.
- Hall (Hall-Reverb) 2–4 s, Pre-Delay 40–80 ms; Delay auf punktierte Viertel, gefiltert 300 Hz–5 kHz.
- Stereo: breite Pads (100–130 % mit Stereo Shaper), zentrale Leads mit breiten Layern.
Hauptstimme
- EQ: Hochpass 90–120 Hz, Absenkung 2–3 dB bei 250–400 Hz, Präsenz +2 dB bei 3–5 kHz, Luft +1–2 dB bei 10–12 kHz.
- Serielle Kompression: 1176 (FET) 4:1, mittlere Attack, 3–5 dB GR, dann LA-2A (Opto) 2–3 dB; De-Esser bei 5–8 kHz.
- Leichte Bandsättigung; Raum mit Plate 1,5–2 s, Pre-Delay 40 ms und Delay auf Viertel oder punktierte Achtel bei −18 dB; Throw am Phrasenende.
- Umgekehrtes Sidechain: leichte Kompression der Pads durch die Stimme (2 dB).
Chöre
- Doubles und Harmonien bei −6/−10 dB gegenüber der Lead, höherer Hochpass (150–200 Hz), mehr Hall, Panning 60–100 %.
FX
- Riser und Downlifter mit Hochpass bei 200 Hz, viel Hall; Impacts mit kontrolliertem Sub (sie dürfen den Pegel des Drop-Subs nicht überschreiten).
Busse und Gruppen
- Drum-Bus: Glue-Kompressor (SSL-Stil) 2:1–4:1, Attack 10–30 ms, Release auto, 1–3 dB; leichte Sättigung; ggf. Clipper.
- Bass-Bus: siehe oben. Music-Bus (Pads, Leads, Gitarren): Kompression 1,5:1 und globales Sidechain.
- FX-Bus mit Hochpass und gemeinsamem Hall.
Sidechain
- Kick → Bass (3–6 dB, kurzer Release), Snare → Pads und Reese (1–3 dB), Stimme → Pads (dynamisch). Nutze den Fruity Limiter im COMP-Modus mit Sidechain, den Fruity Peak Controller oder LFOTool / Volume Shaper für präzise Kurven.
Master
- Typische Kette: leichter korrigierender EQ → Glue-Kompressor (1–2 dB) → Clipper (2–3 dB auf den Snare-Spitzen) → Limiter (Fruity Limiter, Pro-L 2) → Kontrolle mit LUFS-Meter.
- Richtwerte (Branchenpraxis, kein Standard): Club −7/−5 LUFS integriert, Short-Term in den Drops −5/−4; True Peak −0,3/−1 dBTP. Beim Streaming normalisieren die Plattformen (Spotify etwa −14 LUFS), daher klingt ein weniger gequetschter Master (−8/−9) nach der Normalisierung oft besser.
- Dynamik: Crest-Faktor der Drops um 6–8 dB; die Snare muss auch nach dem Limiter „draußen“ bleiben.
Häufige Fehler
- Stereo-Sub oder Sub mit Chorus; Reese, der in 60–100 Hz eindringt; Snare, die vom Limiter ertränkt wird; zu viel Sättigung auf dem Bus, die die Transienten einebnet; bei hoher Lautstärke mischen (das Urteil über den Sub geht verloren: kontrolliere auch bei niedriger Lautstärke und in Mono).
Referenztracks für die Mischung
- Sub Focus — Rock It (2009); Netsky — Memory Lane (2010); Noisia — Machine Gun (2010); Pendulum — Tarantula (2005); High Contrast — If We Ever (2007).
Referenz-Hörbeispiele
- Goldie — Inner City Life (1994)
- Roni Size & Reprazent — Brown Paper Bag (1997)
- Ed Rush & Optical — Funktion (1997)
- Pendulum — Tarantula (2005)
- High Contrast feat. Diane Charlemagne — If We Ever (2007)
- Netsky — Memory Lane (2010)
- DJ Fresh feat. Rita Ora — Hot Right Now (2012)
- Rudimental feat. John Newman — Feel the Love (2012)
- Kenya Grace — Strangers (2023)