Geschichte und Charakter
Strömung der Techno, die auf hypnotische Wiederholung, die extrem langsame Verwandlung von Pattern und Texturen und eine meditative, immersive Atmosphäre setzt. Sie wurzelt in der Detroiter Techno und im Minimal der 90er (Robert Hood, Jeff Mills, Basic Channel), kristallisiert sich als erkennbarer Sound aber in den Jahren 2000–2010 heraus, mit dem Italiener Donato Dozzy (mit Neel im Projekt Voices From The Lake, gleichnamiges Album von 2012 auf Prologue), Peter Van Hoesen (Time To Express), Svreca und Architectural (Semantica), Abdulla Rashim und Varg (Northern Electronics), Mike Parker, Rrose, Polar Inertia, Luigi Tozzi und der römischen Szene.
Sie wird mit langen Sets (4 Stunden und mehr), mit Festivals wie dem Labyrinth in Japan und mit starken Szenen in Italien, Deutschland, Rumänien und Georgien verbunden. Beatport fasst sie seit Februar 2020 (zusammen mit Raw und Deep) in der Kategorie „Techno (Raw / Deep / Hypnotic)“ zusammen. Aktuelle Tendenzen: World-Elemente, Polyrhythmen, Live-Instrumente, Verschmelzungen mit Dub Techno, Ambient und IDM.
Ästhetik: Trance durch Anhäufung und Subtraktion, tiefer Raum, zyklische Klänge, die sich übereinander „drehen“, keine abrupten Spitzen.
Tonleitern und Tonarten
Konvention: Die römischen Ziffern beziehen sich auf die Dur-Tonleiter desselben Grundtons (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll, ° vermindert, ø halbvermindert, + übermäßig; b/# = gegenüber Dur erniedrigte/erhöhte Stufe: in a-Moll ist F = bVI, G = bVII). Töne und Akkorde unten sind exakt nach der Formel berechnet.
Orgelpunkt und Moll-Pentatonik
- Formel: 1 b3 4 5 b7 — Schritte: T+S T T T+S T
- Auf F: F Ab Bb C Eb (F As B C Es)
- Charakteristischer Ton: kein Halbton: Sequenzen, die minutenlang ohne Reibung rotieren.
- Einsatz: Sequenzen aus 3–5 Noten in ungeraden Pattern (5/16, 7/16) über dem 4/4.
- Häufige Fehler: zu „musikalische“ Sequenzen, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Dorisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7 — Schritte: T S T T T S T
- Auf F: F G Ab Bb C D Eb (F G As B C D Es)
- Diatonische Dreiklänge: Fm i · Gm ii · Ab bIII · Bb IV · Cm v · Ddim vi° · Eb bVII
- Vierklänge: Fm7 i7 · Gm7 ii7 · Abmaj7 bIIImaj7 · Bb7 IV7 · Cm7 v7 · Dm7b5 viø7 · Ebmaj7 bVIImaj7
- Charakteristischer Ton: die große Sexte (D): Licht und Weite in den Texturen.
- Einsatz: Pads und Drones mit 6 und 9, Sequenzen, die die 6 berühren.
- Häufige Fehler: zu harmonische Pads.
Phrygisch
- Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: S T T T S T T
- Auf F: F Gb Ab Bb C Db Eb (F Ges As B C Des Es)
- Diatonische Dreiklänge: Fm i · Gb bII · Ab bIII · Bbm iv · Cdim v° · Db bVI · Ebm bvii
- Vierklänge: Fm7 i7 · Gbmaj7 bIImaj7 · Ab7 bIII7 · Bbm7 iv7 · Cm7b5 vø7 · Dbmaj7 bVImaj7 · Ebm7 bvii7
- Charakteristischer Ton: die b2 (Gb): Schatten und Geheimnis.
- Einsatz: Drone mit Halbton-Schwebungen, dunkle Sequenzen.
- Häufige Fehler: zu viel Dramatik: Hypnose braucht Gleichgewicht.
Lydisch (schwebende Farben)
- Formel: 1 2 3 #4 5 6 7 — Schritte: T T T S T T S
- Auf F: F G A B C D E (F G A H C D E)
- Diatonische Dreiklänge: F I · G II · Am iii · Bdim #iv° · C V · Dm vi · Em vii
- Vierklänge: Fmaj7 Imaj7 · G7 II7 · Am7 iii7 · Bm7b5 #ivø7 · Cmaj7 Vmaj7 · Dm7 vi7 · Em7 vii7
- Charakteristischer Ton: die #4 (H): „kosmische“ Schwebe.
- Einsatz: Drone und Pads mit #4 und 9 für räumliche Atmosphären.
- Häufige Fehler: ihn mit Bässen zu verwenden, die auf der natürlichen 4 beharren.
Wie man zwischen den Skalen wählt
Das tonale Zentrum liefern Bassdrum, Rumble und Drone; die Sequenzen verwenden die Pentatonik oder den wegen seiner Farbe gewählten Modus (Dorisch = offen, Phrygisch = dunkel, Lydisch = schwebend). Eine gute Übung: Halte den Drone auf F fest und wechsle nur alle 64 Takte den Modus der Sequenz.
Harmonik
Funktion
Statisch und modal: Drone, Orgelpunkt, Texturen; das harmonische Interesse entsteht durch die Überlagerung von Zyklen aus Noten, die wechselnde Harmonien erzeugen (melodische Polyrhythmik).
Techniken
- Sequenzen unterschiedlicher Länge (z. B. 5, 7 und 16 Steps) auf derselben Skala: Die Kombinationen ändern sich über viele Takte.
- Drone mit offenen Intervallen (Quinten, Quarten, Nonen).
- Filter und Resonanzen, die unterschiedliche Obertöne hervortreten lassen.
- Getempo-synchrones Delay, das die Noten verdoppelt.
Harmonischer Rhythmus
Statisch; Veränderungen durch Überlagerung.
Beispiele
- F5-Drone + pentatonische Sequenz aus 7 Steps.
- Fm(add9)-Pad im Hintergrund + Sequenz aus 5 Steps.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Drone | f-Moll | F5 | i5 | Leerer Zweiklang für den ganzen Track; die Bewegung liegt in den Sequenzen und Filtern. |
| Schwebende None | f-Moll | Fmadd9 | iadd9 | Entferntes Pad mit 9: Atmosphäre, keine Harmonie. |
| Dorisch in Texturen | f-Moll (dorisch) | Fm6 | i6 | Die dorische Sexte (D) öffnet die Farbe. |
| Kosmisch-Lydisch | F-Dur (lydisch) | Fmaj7#11 | Imaj7#11 | Schwebende, räumliche Farbe für die ambientesten Momente. |
Rhythmus und Groove
- Feel: gerade und fließend, leichter Swing (52–55 %) auf der Percussion; alles weich und „rund“.
- Polymetrik: Percussion-Pattern und Sequenzen in 3/16, 5/16, 7/16 über dem 4/4.
- Akzente: gleichmäßige, aber nicht aggressive Bassdrum, Rumble auf den Offbeats, Hi-Hat auf dem Offbeat, Clap selten oder abwesend.
- Entwicklung: kontinuierliche Mikrovariationen (Decay, Cutoff, Panning), große Wechsel alle 32–64 Takte.
Schlagzeug
Bassdrum
In Vierteln, rund und tief, mit verhalltem Rumble auf den Offbeats; Grundton 45–55 Hz; wenig Click.
Clap und Snare
Oft abwesend; stattdessen Rim, Holzklänge, synthetische Percussion; entfernter Clap nur auf der 4.
Hi-Hat
Weiche Hi-Hats auf dem Offbeat, leise Hi-Hats in Sechzehnteln, synthetischer Shaker; automatisierte Decays.
Percussion
Synthetische Percussion (FM, weich-metallisch), gefilterte Toms, ungerade Loops; viel Panning und Delay.
Dynamik und Ghost Notes
Velocity durch langsame LFOs variiert; Ghost Notes auf der Percussion.
Zusammenspiel mit dem Bass
Der Rumble ist der Bass; weiche Basssequenzen zwischen den Bassdrums.
Abschnitte
Keine klaren Abschnitte: langsames Ein- und Ausblenden von Schichten, kurze oder keine Breakdowns.
Fills und Übergänge
Keine; Übergänge durch Filter und Sends.
Klangauswahl
Weiche 909, gefilterte Samples, synthetische Percussion; alles ein wenig „entfernt“.
Typische Fehler
Zu laute Claps und Snares; Drops und Builds wie in der Peak Time; Elemente, die sich nie verändern.
Bass
- Klang: Rumble (Bassdrum + Hall + Sättigung + LP), weicher Sub, kurze FM-Basssequenzen.
- Register: F1–F2.
- Mit der Bassdrum: auf den Offbeats; Sidechain 6–10 dB.
- Töne: Grundton.
Harmonieinstrumente
Drone, entfernte Pads, granulare Texturen, Synth-Sequenzen; alles gefiltert und in Hall getaucht.
Melodie und Gesang
- Melodie: zyklische Sequenzen aus wenigen, oft ungeraden Noten.
- Stimme: selten: Fragmente, Flüstern.
- Effekte: getempo-synchrones Delay (3/16, punktierte 1/8), lange Hallräume, Granular, langsame Modulationen (Phaser, Chorus).
Instrumente
Modulare (Eurorack), analoge und FM-Synthesizer, Drumcomputer (909, Elektron), polymetrische Sequencer, Delays und Hallgeräte, Field Recordings.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Modular V — Polymetrische Sequenzen: Sequencer mit unterschiedlichen Längen und nicht synchronisierten LFOs auf dem Filter: hypnotische Zyklen.
- Buchla Easel V — Organische Percussion und Texturen: Low Pass Gate und Complex Oscillator für weiche, „flüssige“ Klänge.
- ARP 2600 V — Sequenzen und FX: Langsames S&H auf dem Filter für kontrollierte zufällige Variationen.
- DX7 V — FM-Percussion und Glocken: Kurze, weiche FM-Klänge für Sequenzen und Percussion.
- Synthi V — Drone: Drone und Texturen mit der Matrix.
- Jup-8 V — Entfernte Pads: Dunkle Pads mit langsamem Attack.
Songaufbau
| Abschnitt | Takte | Inhalt |
|---|---|---|
| Intro | 32 | Bassdrum, Rumble, Hi-Hat |
| Schicht 1 | 64 | gefilterte Sequenz A |
| Schicht 2 | 64 | Sequenz B, ungerade Percussion |
| Subtraktion | 16–32 | ohne Bassdrum oder ohne Sequenzen |
| Schicht 3 | 64 | Neukombination |
| Outro | 32 |
Tracks von 6–10 Minuten, gedacht für lange Sets.
Mixing und Mastering
Klangziel
Tief und umhüllend: rundes Low-End (Bassdrum + Rumble) in mono, auf mehrere Tiefenebenen verteilte Sequenzen und Texturen, weiche Höhen. Referenzen: Voices From The Lake — Voices From The Lake (2012), Produktionen von Prologue, Semantica, Northern Electronics.
Bassdrum
HP 25 Hz; +2 dB bei 50 Hz; −3 dB bei 300 Hz; LP 10 kHz; leichte Sättigung; mono.
Rumble
Hall der Bassdrum (Hall 3–6 s) → Sättigung → LP 150–200 Hz → Sidechain 8–10 dB; mono.
Hi-Hat und Percussion
HP 500 Hz; LP 12 kHz; Delay 3/16 und punktierte 1/8; breites, automatisiertes Panning (langsamer Auto-Pan); kurzer Room/Hall für Tiefe.
Sequenzen und Texturen
HP 150–250 Hz; −2 dB bei 400 Hz; lange Hallräume (4–8 s), gefiltert; Ping-Pong-Delay; breit; Sidechain 3–6 dB; langsame Automationen (Cutoff, Decay, Sends).
Stimme/Fragmente
HP 200 Hz; viel Hall; entfernt.
Busse und Gruppen
Weicher Drum-Bus (Glue 2:1, GR 1–2 dB), Low-End-Bus mono, FX-Bus mit Sidechain.
Sidechain
Rumble 8–10 dB, Texturen 3–6 dB, Hallräume 4–6 dB.
Master
EQ → Band → Kompressor 1–2 dB → Limiter. Ziel −9/−8 LUFS integriert, True Peak −1 dBTP, Crest-Faktor 8–11 dB.
Häufige Fehler
Flacher Mix (alles in gleicher Entfernung); harte Hi-Hats; Hallräume, die die 200–500 Hz verkleben; Peak-Time-Lautheit.
Referenztracks für den Mix
- Voices From The Lake — Voices From The Lake (Album, 2012)
- Donato Dozzy — K
Referenz-Hörbeispiele
- Voices From The Lake (Donato Dozzy & Neel) — Voices From The Lake (2012, album)
- Donato Dozzy — K
- Robert Hood — Minimal Nation (1994, EP, radice)