Techno115–128 BPM5 Akkordfolgen

Dub techno

Geschichte und Charakter

Das Duo Basic Channel — Moritz von Oswald (Perkussionist aus Hamburg) und Mark Ernestus (Inhaber des Plattenladens Hard Wax) — veröffentlicht ab 1993 eine Reihe legendärer 12"-Platten (Phylyps Trak 1993, Quadrant Dub, Octagon und Radiance 1994) und, als Maurizio, die M-Serie (Ploy 1992, Domina 1993, M-4…M-7 1995–97); es gründet Chain Reaction (Monolake, Vladislav Delay, Substance), Main Street und das Mastering-Studio Dubplates & Mastering, danach die Projekte Rhythm & Sound und Burial Mix mit karibischen Sängern.

Der Begriff „Dub Techno“ taucht 2001 in The Wire auf; zuvor sprach man von „Deep Techno“ oder „Ambient Techno“. Weitere Schlüsselnamen: DeepChord / Echospace (Rod Modell, Stephen Hitchell; „The Coldest Season“, 2007), Deadbeat, Andy Stott, Claro Intelecto, Shinichi Atobe, Fluxion, Quantec, Mike Huckaby; Labels Echocord, Silent Season, Modern Love, Styrax Leaves.

Ästhetik: Tiefe, Nebel, Raum, Geduld; in Delay und Hall getauchte Moll-Akkorde, extrem langsame Entwicklung, mehrere Versionen desselben Tracks wie im Dub.

Tonleitern und Tonarten

Konvention: Die römischen Ziffern beziehen sich auf die Dur-Tonleiter desselben Grundtons (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll, ° vermindert, ø halbvermindert, + übermäßig; b/# = gegenüber Dur erniedrigte/erhöhte Stufe: in a-Moll ist F = bVI, G = bVII). Töne und Akkorde unten sind exakt nach der Formel berechnet.

Äolisch

  • Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: T S T T S T T
  • Auf D: D E F G A Bb C (D E F G A B C)
  • Diatonische Dreiklänge: Dm i · Edim ii° · F bIII · Gm iv · Am v · Bb bVI · C bVII
  • Vierklänge: Dm7 i7 · Em7b5 iiø7 · Fmaj7 bIIImaj7 · Gm7 iv7 · Am7 v7 · Bbmaj7 bVImaj7 · C7 bVII7
  • Charakteristischer Ton: die b6 (Bb): tiefe Melancholie, der Moll-Septakkord (Dm7, Dm9) ist das Symbol des Genres.
  • Einsatz: der klassische Chord-Stab Dm7/Dm9, im Delay wiederholt; Grundton-Basslinie.
  • Häufige Fehler: zu oft den Akkord wechseln: Im Dub Techno dauert ein Akkord einen ganzen Track.

Dorisch

  • Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7 — Schritte: T S T T T S T
  • Auf A: A B C D E F# G (A H C D E Fis G)
  • Diatonische Dreiklänge: Am i · Bm ii · C bIII · D IV · Em v · F#dim vi° · G bVII
  • Vierklänge: Am7 i7 · Bm7 ii7 · Cmaj7 bIIImaj7 · D7 IV7 · Em7 v7 · F#m7b5 viø7 · Gmaj7 bVIImaj7
  • Charakteristischer Ton: die große Sexte (F#): hellere m6- oder m13-Stabs.
  • Einsatz: Stabs Am6/9, Wechsel i–IV über Orgelpunkt.
  • Häufige Fehler: ein natürliches F im Pad über dem Stab mit Fis.

Moll-Pentatonik

  • Formel: 1 b3 4 5 b7 — Schritte: T+S T T T+S T
  • Auf G: G Bb C D F (G B C D F)
  • Charakteristischer Ton: Alle Noten „schweben“ über dem Stab ohne Zusammenstöße.
  • Einsatz: kleine melodische Fragmente, Stimmen im Dub-Stil.
  • Häufige Fehler: zu präsente Melodien: Im Dub Techno ist alles Textur.

Wie man zwischen den Skalen wählt

Ein erweiterter Moll-Akkord (m7, m9, m11, m6), auf dem Grundton aufgebaut und dort belassen: Äolisch für die Dunkelheit (b6), Dorisch für das Licht (6). Der Rest ist Filter, Delay und Hall. Die „Noten“, die man sich verändern hört, sind oft Obertöne aus dem Feedback des Delays und der Resonanz.

Harmonik

Funktion

Statisch: ein Akkord (oft Moll-Sept-/Nonakkord), der den ganzen Track über wiederholt wird, manchmal ein zweiter Akkord nach 32–64 Takten. Die Harmonie lebt in der Klangfarbe (Filter, der sich öffnet/schließt) und in den Echos, die sich überlagern.

Techniken

  • Kurzer Chord-Stab (1/16), der an ein getempo-synchrones Delay (3/16 oder punktierte 1/8) mit Feedback 50–80 % und Filter in der Schleife gesendet wird: Die Wiederholungen bilden ein rhythmisches Pad.
  • Automatisierter Tiefpass-/Bandpassfilter auf dem Stab (Cutoff, der über 8–16 Takte „atmet“).
  • Bass-Orgelpunkt auf dem Grundton.
  • Zweiter Akkord im Ganzton- oder Terzabstand (i–bVII, i–bIII), sehr selten.

Harmonischer Rhythmus

Ein Stab alle 1–2 Takte (oft auf dem 2& oder dem Offbeat), derselbe Akkord über 64+ Takte.

Beispiele

  • Dm7 / Dm9 für den ganzen Track.
  • Am9–G6, alle 16 Takte abwechselnd.

Typische Akkordfolgen

NameTonartAkkordeStufenSo setzt du es ein
Der Stabd-MollDm7i7Der Symbolakkord: kurz, gefiltert, im Delay; über den gesamten Track wiederholt.
Schwebende Noned-MollDm9i9Weichere, „neblige“ Version des Stabs.
Dorischa-Moll (dorisch)Am6 Am6i6 i6Der m6-Stab enthält die dorische Sexte (Fis): hellere Farbe.
Zwei langsame Akkordea-MollAm9 G6i9 bVII6Wechsel alle 16–32 Takte: das einzige harmonische „Ereignis“.
Terz abwärtsc-MollCm7 Abmaj7i7 bVImaj7Der Wechsel zur bVI über Orgelpunkt erzeugt eine melancholische Variation.

Rhythmus und Groove

  • Feel: gerade und weich, leichter Swing (52–55 %); der Groove entsteht durch die Delay-Wiederholungen, die Synkopen (3/16) über dem 4/4 erzeugen.
  • Akzente: weiche Bassdrum in Vierteln, Hi-Hat auf dem Offbeat, Stab auf dem Offbeat oder dem 2&.
  • Microtiming: durch das Delay und die Modulationen (Wow/Flutter des Bandes).

Schlagzeug

Bassdrum

In Vierteln, weich und voll (Grundton 45–55 Hz), wenig Click, leicht gesättigt; oft mit Sub-Ausklang.

Clap und Snare

Selten; isolierter Rim auf dem 2& im Delay; Clap auf der 4, im Hall versunken.

Hi-Hat

Open Hat auf dem Offbeat mit mittlerem Decay, geschlossene Hi-Hats in Achteln bei niedriger Lautstärke, Shaker oder gefilterter Noise.

Percussion

Wenige, oft „Dub“: Rim und Percussion, an Delay und Federhall gesendet.

Dynamik und Ghost Notes

Geringe Dynamik; die Bewegung liegt in den FX.

Zusammenspiel mit Bass und Stab

Bass auf dem Grundton, weich; Stab in den Lücken zwischen den Bassdrums.

Abschnitte

Kontinuierliche Entwicklung: Filter, Sends und Feedback öffnen und schließen sich.

Fills und Übergänge

Keine; man nutzt das „Dub-Mixing“: Mute, Sends zum Delay, ansteigendes Feedback.

Klangauswahl

Abgerundete 909/808, Samples mit Rauschen und Knistern (Vinyl, Band).

Typische Fehler

Zu brillantes und präsentes Schlagzeug; keine Automation der Sends; ungefiltertes Delay (verklebt).

Bass

  • Klang: weicher Sub (Sinus-/Dreieckwelle), oft lang; manchmal „Dub“-Bass mit etwas Sättigung.
  • Register: D1–D2.
  • Mit der Bassdrum: leichter Sidechain (2–4 dB) oder kurze synkopierte Noten.
  • Töne: Grundton, manchmal Quinte.

Harmonieinstrumente

  • Moll-Chord-Stab (Juno, Prophet, gesampeltes Rhodes oder digitaler Synthesizer) durch Delay und Hall.
  • Pad/Textur: Nebel aus Hall, gefilterter Noise, Drone.

Melodie und Gesang

  • Melodie: fast abwesend; Fragmente im Delay.
  • Stimme: bei Rhythm & Sound und im „vokalen“ Dub Techno Reggae-/Dub-Stimmen; sonst keine oder Fragmente.
  • Effekte: Bandecho (Space Echo), Federhall, Plate, Filter, Phaser, Chorus, Sättigung.

Instrumente

Polyphone Synthesizer (Juno, Prophet, DX), Drumcomputer 909/808, Bandecho (Roland RE-201 Space Echo), Federhall, Dub-Mixer mit Sends, analoge Filter, Sampler, Bandmaschinen.

Drum-Patterns

Synthesizer und Sounds

  • Jun-6 V — Chord-Stab: Moll-Stab: Sägezahn + Puls, Filter zu 35 % geschlossen, Env Amount 40 %, Decay 150–250 ms, kein Sustain, Chorus I; dann externes Delay 3/16 mit Feedback 60 % und Filter in der Schleife.
  • Prophet-5 V — Alternativer Stab: „Digitalerer“, brillanterer Stab, hervorragend mit moduliertem Filter.
  • DX7 V — FM-Stab: Metallische und weiche FM-Stabs (gefiltertes FM-E-Piano), typisch für einige Chain-Reaction-Produktionen.
  • Solina V — Textur: Sehr entfernte Ensemble-Streicher für den Nebel.
  • Mini V — Sub: Weiche Sinus-/Dreieckwelle.

Songaufbau

AbschnittTakteInhalt
Intro16–32Bassdrum, Hi-Hat, Noise
Stab-Einsatz32gefilterter Stab, wenig Delay
Entwicklung64–128Filter und Feedback, die sich öffnen/schließen
„Dub“-Phase16–32ohne Bassdrum oder Mute, Delay im Feedback
Outro32

Lange Tracks (7–12 Minuten) und oft in mehreren Versionen (Version, Dub).

Mixing und Mastering

Klangziel

Tief, weich, neblig: volles, warmes Low-End, dunkle Mitten, abgerundete Höhen; enorme, durch Delay und Hall erzeugte Tiefe; erhaltene Dynamik. Referenzen: Basic Channel — Quadrant Dub, Maurizio — Domina, DeepChord presents Echospace — The Coldest Season.

Bassdrum

HP 25 Hz; +2 dB bei 50 Hz; −3 dB bei 300 Hz; LP 8 kHz; Band; mono.

Rim und Clap

HP 300 Hz; Send an Delay 3/16 (Feedback 50–70 %) und Feder-/Plate-Hall 2–3 s; Panning 20 %.

Hi-Hat und Noise

HP 500 Hz; LP 10–12 kHz; Band; Panning 15–30 %.

Bass

HP 25 Hz; LP 200 Hz; Band; mono; Sidechain 2–4 dB.

Chord-Stab

  • Kette: Synth → Filter (LP/BP automatisiert) → getempo-synchrones Delay (3/16 oder punktierte 1/8, Feedback 50–80 %, HP 300 Hz und LP 3–5 kHz in der Feedback-Schleife, leichte Wow/Flutter-Modulation) → Hall (Plate oder Hall 3–6 s, HP 300 Hz) → Bandsättigung.
  • EQ: HP 200 Hz auf dem trockenen Stab; −3 dB bei 400 Hz.
  • Stereo: Dry zentral, Delay als Ping-Pong oder mit L/R-Offset (z. B. 3/16 links, 1/4 rechts).
  • Automationen: Cutoff, Feedback des Delays (bis fast zur Selbstoszillation), Send des Halls.

Texturen und Pads

HP 200 Hz; LP 6 kHz; sehr breit; niedriger Pegel.

FX

Delay und Hall SIND die FX; Federhall auf der Percussion.

Busse und Gruppen

Drum-Bus mit Band; FX-Bus (Delay + Hall) mit leichtem Sidechain und Sättigung.

Sidechain

Leicht: FX 3–4 dB, Bass 2–4 dB.

Master

EQ (Shelf −1 dB oberhalb von 10 kHz, falls nötig) → Band → Kompression 1–2 dB → Limiter. Ziel −11/−9 LUFS integriert, True Peak −1 dBTP, Crest-Faktor 10–13 dB.

Häufige Fehler

Ungefiltertes Delay-Feedback, das die Mitten verklebt; brillante Hallräume; zu moderne Bassdrum; zu lauter Master, der die Tiefe tötet.

Referenztracks für den Mix

  • Basic Channel — Quadrant Dub (1994)
  • Maurizio — Domina (1993)
  • DeepChord presents Echospace — The Coldest Season (2007, Album)

Referenz-Hörbeispiele

  • Maurizio — Ploy (1992)
  • Basic Channel — Phylyps Trak (1993)
  • Maurizio — Domina (1993)
  • Basic Channel — Quadrant Dub (1994)
  • DeepChord presents Echospace — The Coldest Season (2007, album)

Quellen

Weitere Genres: Techno