Techno128–145 BPM3 Akkordfolgen

Industrial techno

Geschichte und Charakter

Techno, die die Ästhetik der Industrial Music (Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire, Einstürzende Neubauten) und des EBM (Front 242, DAF) aufnimmt: Lärm, Verzerrung, metallische Percussion, hämmernde Rhythmen. Sie entsteht in den 90ern rund um Birmingham — Regis (Karl O'Connor), Surgeon (Anthony Child), Female, das Label Downwards — mit einem kalten, rauen und minimalen Sound, parallel zur harten Techno aus Berlin und Belgien.

In den 2010er-Jahren erlebt sie eine Wiedergeburt mit Perc (und seinem Label Perc Trax), Ancient Methods, Paula Temple (Colonized, 2013), Blawan (Why They Hide Their Bodies Under My Garage?, 2012), Karenn, Ansome, Headless Horseman, Shifted, Phase Fatale, in einigen Arbeiten Rrose; das Berghain und die dunklen Clubs Europas werden zu ihrer Heimat. Beatport ordnet einen Großteil dieses Sounds seit 2020 unter „Techno (Raw / Deep / Hypnotic)“ ein.

Ästhetik: düster, körperlich, abrasiv, manchmal politisch; Lärm als musikalisches Material, Wiederholung als mechanische Trance.

Tonleitern und Tonarten

Konvention: Die römischen Ziffern beziehen sich auf die Dur-Tonleiter desselben Grundtons (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll, ° vermindert, ø halbvermindert, + übermäßig; b/# = gegenüber Dur erniedrigte/erhöhte Stufe: in a-Moll ist F = bVI, G = bVII). Töne und Akkorde unten sind exakt nach der Formel berechnet.

Phrygisch

  • Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: S T T T S T T
  • Auf C: C Db Eb F G Ab Bb (C Des Es F G As B)
  • Diatonische Dreiklänge: Cm i · Db bII · Eb bIII · Fm iv · Gdim v° · Ab bVI · Bbm bvii
  • Vierklänge: Cm7 i7 · Dbmaj7 bIImaj7 · Eb7 bIII7 · Fm7 iv7 · Gm7b5 vø7 · Abmaj7 bVImaj7 · Bbm7 bvii7
  • Charakteristischer Ton: die b2 (Db): der Halbton, der „kratzt“.
  • Einsatz: Bassriffs C–Db, Drone mit Halbton-Schwebungen, verzerrte Stabs i–bII.
  • Häufige Fehler: zu „musikalisch“: Industrial nutzt die b2 als Reibung, nicht als Melodie.

Lokrisch

  • Formel: 1 b2 b3 4 b5 b6 b7 — Schritte: S T T S T T T
  • Auf C: C Db Eb F Gb Ab Bb (C Des Es F Ges As B)
  • Diatonische Dreiklänge: Cdim i° · Db bII · Ebm biii · Fm iv · Gb bV · Ab bVI · Bbm bvii
  • Vierklänge: Cm7b5 iø7 · Dbmaj7 bIImaj7 · Ebm7 biii7 · Fm7 iv7 · Gbmaj7 bVmaj7 · Ab7 bVI7 · Bbm7 bvii7
  • Charakteristischer Ton: die b5 (Gb): Tritonus auf dem Grundton, das instabilste Intervall.
  • Einsatz: Drone C+Gb, Stabs mit Tritonus, gestimmter Lärm.
  • Häufige Fehler: volle Akkorde darauf aufzubauen: Es funktioniert als Intervall, nicht als Tonart.

Äolisch (seltene melodische Momente)

  • Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: T S T T S T T
  • Auf C: C D Eb F G Ab Bb (C D Es F G As B)
  • Diatonische Dreiklänge: Cm i · Ddim ii° · Eb bIII · Fm iv · Gm v · Ab bVI · Bb bVII
  • Vierklänge: Cm7 i7 · Dm7b5 iiø7 · Ebmaj7 bIIImaj7 · Fm7 iv7 · Gm7 v7 · Abmaj7 bVImaj7 · Bb7 bVII7
  • Charakteristischer Ton: die b6 (Ab): Melancholie in den dunklen Pads.
  • Einsatz: Pads und Drones in den Breaks.
  • Häufige Fehler: zu helle Pads, die die Atmosphäre zerstören.

Moll-Pentatonik

  • Formel: 1 b3 4 5 b7 — Schritte: T+S T T T+S T
  • Auf C: C Eb F G Bb
  • Charakteristischer Ton: Einfachheit: Zweitonriffs (C–Eb, C–Bb), die die Verzerrung aushalten.
  • Einsatz: Basslines und verzerrte Sequenzen.
  • Häufige Fehler: zu viele Noten: Die Verzerrung erzeugt bereits viele Obertöne.

Wie man zwischen den Skalen wählt

Oft gar keine Skala: Lärm, Percussion und ein implizites tonales Zentrum (die Frequenz von Bassdrum und Rumble). Wenn eine Farbe nötig ist: Phrygisch (Halbton) oder Lokrisch (Tritonus) für die Reibung, Äolisch für die seltenen Pads. Nutze dissonante Intervalle als Klangfarbe.

Harmonik

Funktion

Abwesend oder auf Drone und dissonante Intervalle reduziert: Halbton, Tritonus, Cluster. Die „Harmonie“ ist das Spektrum von Lärm und Verzerrung.

Techniken

  • Grundton-Drone mit Schwebungen (zwei um wenige Cent verstimmte Oszillatoren).
  • Tritonus- und Halbtonintervalle als Stabs.
  • Verzerrte Akkorde ohne Terz (Powerchords).
  • Gefilterter Lärm mit auf den Grundton gestimmter Resonanz.

Harmonischer Rhythmus

Statisch.

Beispiele

  • C(no3)–Gb(no3) (i–bV) als Stab.
  • Cm–Db (i–bII).

Typische Akkordfolgen

NameTonartAkkordeStufenSo setzt du es ein
Tritonusc-MollC5 Gb5i5 bV5Zwei Powerchords im Tritonusabstand: maximale Instabilität, industrielle Klangfarbe.
Halbtonc-Moll (phrygisch)Cm Dbi bIIVerzerrte Stabs im Halbtonabstand; permanente Spannung.
Orgelpunktc-MollC5i5Nur ein einziger Ton für den ganzen Track; der Rest ist Lärm und Percussion.

Rhythmus und Groove

  • Feel: hämmernd, gerade, Swing 0; manchmal gebrochene Grooves im Stil von EBM oder Broken Techno (Bassdrums abseits der Viertel).
  • Polyrhythmen aus metallischer Percussion (3/16, 5/16).
  • Akzente: verzerrte Bassdrum, verzerrter Clap/Snare oft an versetzten Positionen (Step 4, 12, 15), metallische Percussion auf den Offbeats.

Schlagzeug

Bassdrum

Verzerrt, gesättigt, oft mit Rumble; manchmal „gebrochen“ (Pattern nicht in Vierteln) in der Broken-Strömung; Grundton 45–60 Hz; schmutziger, lärmender Klang.

Clap und Snare

Verzerrte Snare und Claps, industrielle Hallräume (metallische Räume, Faltung von Fabrikhallen), manchmal Gate.

Hi-Hat und Metalle

Verzerrte Hi-Hats oder durch gefilterten Lärm, Blech, Ketten und metallische Samples ersetzt; unregelmäßige Pattern in Sechzehnteln.

Percussion

Samples von Objekten (Metall, Maschinen, Türen), verzerrte Toms, EBM-Percussion.

Dynamik und Ghost Notes

Wenig Velocity-Dynamik; Bewegung durch Verzerrung und Filter.

Zusammenspiel mit dem Bass

Bass und Rumble oft mit der Bassdrum verschmolzen; Bass-Drone.

Abschnitte

Lärm-Intro, Einsatz der Bassdrum, Main, Lärm-Break, Wiedereinstieg.

Fills und Übergänge

Weißes Rauschen, Feedback, Stopps.

Klangauswahl

Aufgenommene und verzerrte Samples, bearbeitete Drumcomputer (909/808 durch Pedale), Modularsysteme.

Typische Fehler

Lärm ohne Kontrolle des Low-Ends; „flacher“ Mix ohne Tiefe; Verzerrung, die die Transienten auslöscht.

Bass

  • Klang: verzerrter Drone, Rumble, gesättigter synthetischer Bass (Sägezahn-/Rechteckwelle in Verzerrung), manchmal gar kein separater Bass.
  • Register: C1–C2.
  • Mit der Bassdrum: verschmolzen oder stark per Sidechain.
  • Töne: einer.

Harmonieinstrumente

Drone, Geräusche, dunkle Pads, dissonante Stabs; Modularsynthesizer.

Melodie und Gesang

  • Melodie: fast abwesend; Fragmente, Zweitonsequenzen.
  • Stimme: gesprochene Samples, Schreie, politische Texte, gefilterte und verzerrte Stimmen (EBM-Erbe).
  • Effekte: Verzerrung, Bitcrushing, metallische Hallräume, Delay mit hohem Feedback.

Instrumente

Modularsysteme, bearbeitete Drumcomputer, Sampler, Verzerrer- und Fuzz-Pedale, rückgekoppelte Mixer, industrielle Field Recordings, analoge Synthesizer.

Drum-Patterns

Synthesizer und Sounds

  • Synthi V — Geräusche und Drone: Die Matrix des Synthi erlaubt Feedback und kontrollierte Geräusche: industrielle Drones und Texturen.
  • Modular V — Sequenzen und FX: FM-VCOs, resonanter Filter und Noise für metallische Klänge.
  • Korg MS-20 V — Verzerrungen und Riffs: Der Filter des MS-20, bis in die Resonanz und in Overdrive getrieben.
  • ARP 2600 V — Metalle: Ringmodulator für metallische Klangfarben und schmutzige Glocken.
  • Buchla Easel V — Synthetische Percussion: Complex Oscillator und Low Pass Gate für metallische Schläge.

Songaufbau

AbschnittTakteInhalt
Intro16–32Lärm, Percussion
Main 132–64Bassdrum, Rumble, Metalle
Break16Lärm, Stimme
Main 232–64Verzerrungsvariationen
Outro16

5–7 Minuten.

Mixing und Mastering

Klangziel

Abrasiv, aber lesbar: körperliche, in mono kontrollierte Bassdrum und Rumble, Geräusche und Metalle in einem großen dunklen Raum, Tiefe (nicht alles im Vordergrund). Referenzen: Paula Temple — Colonized, Blawan — Why They Hide..., Perc.

Bassdrum

HP 25 Hz; +2 dB bei 50–60 Hz; −4 dB bei 300 Hz; serielle Verzerrung; Clipper; mono.

Rumble

Hall der Bassdrum → Verzerrung → LP 180 Hz → Sidechain 10 dB; mono.

Verzerrung als Instrument

Nutze verschiedene Typen für verschiedene Elemente, damit der Mix lesbar bleibt: Bassdrum mit Overdrive/Clipper (kontrollierte ungeradzahlige Obertöne), Metalle mit Bitcrusher oder Sample-Rate-Reduction (harte Aliasing-Artefakte oberhalb von 5 kHz), Drone mit Fuzz oder Waveshaper (volles Spektrum in den Mitten), Stimme mit Bandverzerrung oder Amp-Simulator. Nach jeder Verzerrung ein EQ: HP, um keinen Matsch unter 100 Hz zu erzeugen, LP 10–12 kHz, um digitales Rauschen einzudämmen. Automatisiere den Drive statt der Lautstärke, um die Energie wachsen zu lassen.

Balance und Referenz

Bassdrum 0 dB, Rumble −4/−6, Snare/Clap −6/−8, Metalle −10/−16 (sehr variabel), Drone −10/−14. Kontrolliere mit einem Analyzer, dass zwischen 2 und 5 kHz keine durchgehende „Wand“ entsteht: Schaffe Platz mit dem Sidechain von der Snare auf die Metalle.

Snare, Clap, Metalle

HP 250–400 Hz; Verzerrung; Faltungshall industrieller Räume (2–4 s), gefiltert; breites Panning der Metalle (L/R 40–80 %).

Geräusche und Drone

HP 100–200 Hz; LP 10–12 kHz; Dynamic EQ zum Eindämmen von Spitzen; breit; Sidechain 6 dB.

Stimme

HP 200 Hz; Verzerrung; lange Delays/Hall; entfernt.

Busse und Gruppen

Drum-Bus mit paralleler Verzerrung; Low-End-Bus mono; Noise-Bus mit Sidechain.

Sidechain

Rumble 10 dB, Drone 6 dB, Hallräume 6 dB.

Master

EQ → Clipper → Limiter. Ziel −7/−5 LUFS integriert, True Peak −0,5 dBTP, Crest-Faktor 5–7 dB.

Häufige Fehler

Lärm, der die Bassdrum maskiert; alles gleich verzerrt (kein Kontrast); stereophones Low-End; Schmerzgrenze bei 3–6 kHz.

Referenztracks für den Mix

  • Blawan — Why They Hide Their Bodies Under My Garage? (2012)
  • Paula Temple — Colonized (2013)
  • Perc — Look What Your Love Has Done to Me (2013)

Referenz-Hörbeispiele

  • Blawan — Why They Hide Their Bodies Under My Garage? (2012)
  • Paula Temple — Colonized (2013)
  • Perc — Look What Your Love Has Done to Me (2013)

Quellen

Weitere Genres: Techno