Geschichte und Charakter
Schnelle, aggressive Techno mit Wurzeln in den 90ern: Joey Beltram (Energy Flash, 1990, R&S), Jeff Mills und seine Techno mit 140+ BPM, Surgeon und Regis in Birmingham, Ben Sims, Adam Beyer zu Zeiten von Drumcode in den 90ern, die deutsche Schranz von Chris Liebing und Frank Kvitta (2000er: hämmernde Bassdrum und verzerrte Loops). In den 2010er-Jahren wird die Techno langsamer, doch ab 2020–2021 erlebt die Hard Techno ein enormes Revival, getragen von TikTok, Raves und Festivals: Sara Landry, I Hate Models, 999999999, Nico Moreno, Dax J, Kobosil, Clara Cuvé, Trym, Shlømo, Holy Priest, mit Einflüssen von Trance, Hardstyle, Gabber, Rave der 90er und Eurodance.
Der Sound: verzerrte, lange Bassdrum mit Rumble, Offbeat-Bass oder „Rolling“-Bass zwischen Techno und Hardstyle, verhallte Claps, Trance- oder Rave-Leads, gesampelte und gepitchte Vocals, durchgehende Peak-Time-Energie.
Ästhetik: körperliche Katharsis, Tempo, Aggressivität, Rave-Nostalgie, Dark-Club-Ästhetik.
Tonleitern und Tonarten
Konvention: Die römischen Ziffern beziehen sich auf die Dur-Tonleiter desselben Grundtons (Großbuchstaben = Dur, Kleinbuchstaben = Moll, ° vermindert, ø halbvermindert, + übermäßig; b/# = gegenüber Dur erniedrigte/erhöhte Stufe: in a-Moll ist F = bVI, G = bVII). Töne und Akkorde unten sind exakt nach der Formel berechnet.
Äolisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: T S T T S T T
- Auf A: A B C D E F G (A H C D E F G)
- Diatonische Dreiklänge: Am i · Bdim ii° · C bIII · Dm iv · Em v · F bVI · G bVII
- Vierklänge: Am7 i7 · Bm7b5 iiø7 · Cmaj7 bIIImaj7 · Dm7 iv7 · Em7 v7 · Fmaj7 bVImaj7 · G7 bVII7
- Charakteristischer Ton: die b6 (F): trancehafte Epik in den Leads.
- Einsatz: Rave-Leads in a-Moll (A–C–E–F–G), Verläufe i–bVI–bVII.
- Häufige Fehler: zu komplexe Leads bei 155 BPM: Die Phrasen müssen einfach sein.
Phrygisch
- Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7 — Schritte: S T T T S T T
- Auf F# (Fis): F# G A B C# D E (Fis G A H Cis D E)
- Diatonische Dreiklänge: F#m i · G bII · A bIII · Bm iv · C#dim v° · D bVI · Em bvii
- Vierklänge: F#m7 i7 · Gmaj7 bIImaj7 · A7 bIII7 · Bm7 iv7 · C#m7b5 vø7 · Dmaj7 bVImaj7 · Em7 bvii7
- Charakteristischer Ton: die b2 (G): Aggressivität und Bedrohung.
- Einsatz: Bassriffs F#–G, Stabs i–bII, Acid-Leads.
- Häufige Fehler: zu viele aufeinanderfolgende Halbtöne, die das Riff bei hohem Tempo verwaschen.
Harmonisch Moll
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 7 — Schritte: T S T T S T+S S
- Auf E: E F# G A B C D# (E Fis G A H C Dis)
- Diatonische Dreiklänge: Em i · F#dim ii° · Gaug bIII+ · Am iv · B V · C bVI · D#dim vii°
- Vierklänge: Em(maj7) i(maj7) · F#m7b5 iiø7 · Gmaj7#5 bIII+maj7 · Am7 iv7 · B7 V7 · Cmaj7 bVImaj7 · D#dim7 vii°7
- Charakteristischer Ton: der Leitton D# und die übermäßige Sekunde C–D#: dramatische Hardstyle-/Trance-Farbe.
- Einsatz: Leads und Kadenzen i–V in den Breaks.
- Häufige Fehler: sie im Bass zu verwenden (klingt „klassisch“).
Moll-Pentatonik
- Formel: 1 b3 4 5 b7 — Schritte: T+S T T T+S T
- Auf A: A C D E G
- Charakteristischer Ton: einfach und kraftvoll.
- Einsatz: Rave-Riffs und Hoover-Leads.
- Häufige Fehler: zu viele Noten.
Wie man zwischen den Skalen wählt
Bass und Riffs: Phrygisch oder nur ein Ton. Leads: Äolisch oder harmonisch Moll (für den Trance-/Hardstyle-Geschmack). Viele Tracks sind atonal mit einem einzigen Zentrum; die Skala wählt man, wenn man einen Lead hinzufügt.
Harmonik
Funktion
Minimal: Grundton-Orgelpunkt, Stabs und Leads über 1–3 Akkorden; Trance-Leads fügen in den Breaks einen Moll-Verlauf hinzu.
Techniken
- Orgelpunkt mit Bassriff.
- Zweiklänge i–bII oder i–bVII.
- Äolische Verläufe in den Leads (i–bVI–bVII).
- Verzerrte synthetische Powerchords (leere Quinten).
Harmonischer Rhythmus
Statisch im Main; 1 Akkord pro Takt in den melodischen Breaks.
Beispiele
- Am als Orgelpunkt.
- Am–Bb (i–bII).
- F#m–D–E (i–bVI–bVII).
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Orgelpunkt | a-Moll | Am | i | Ein tonales Zentrum für den ganzen Track; Bassdrum und Bass tragen das Stück. |
| Halbton | a-Moll (phrygisch) | Am Bb | i bII | Halbton-Stabs für die Peak-Time-Spannung. |
| Rave-Lead | fis-Moll | F#m D E | i bVI bVII | Äolischer Verlauf für die Trance-Leads im Break. |
| Hardstyle-Dominante | e-Moll | Em C D B | i bVI bVII V | Das H-Dur (harmonisch Moll) vor dem Drop: Hardstyle-Höhepunkt. |
| Verzerrte Quinten | d-Moll | D5 Bb5 C5 | i5 bVI5 bVII5 | Verzerrte synthetische Powerchords für die „epischen“ Momente. |
Rhythmus und Groove
- Feel: gerade, extrem schnell (150–160), kein Swing.
- Offbeat-Bass (Step 3, 7, 11, 15) oder „Rolling“ (zwei Sechzehntel nach der Bassdrum: .xx.); Hardstyle-Einfluss mit integrierter Bassdrum-Bass-Einheit.
- Akzente: riesige Bassdrum, verhallter Clap auf 2 und 4, Open Hat auf dem Offbeat, Hi-Hat in Sechzehnteln.
- Build mit Snare-Roll und kürzer werdender Bassdrum; Drop nach einer Pause.
Schlagzeug
Bassdrum
Auf den Viertelschlägen, verzerrt und lang (Decay 300–500 ms) mit Rumble; Grundton 45–55 Hz; oft mit serieller Verzerrung, Clipper und EQ bearbeitet; manchmal „Tok“ im Hardstyle-Stil.
- Typischer Aufbau: (1) ein kurzer Transient (909-Click oder „Tok“ bei 1–3 kHz, 20–40 ms); (2) ein Sinuskörper mit Pitch-Envelope, die in 30–60 ms von 150–200 Hz auf den Grundton fällt; (3) Verzerrung (Overdrive oder Waveshaper, danach Clipper); (4) EQ, der 200–400 Hz entfernt und 50 Hz wiederherstellt; (5) ein separater Rumble auf den Offbeats. Bei 155 BPM dauert eine Viertelnote 387 ms: Der Ausklang der Bassdrum muss vor der nächsten enden oder durch den Sidechain des Rumbles abgeschnitten werden.
- Stimmung: Stimme den Ausklang auf den Grundton des Tracks (z. B. A1 = 55 Hz oder F1 = 43,7 Hz).
- Velocity und Dynamik: keine Velocity-Variation; die Dynamik entsteht nur durch das Arrangement (Bassdrum ja / Bassdrum nein).
Clap und Snare
Clap auf 2 und 4 mit langem Hall und Verzerrung; Snare-Rolls in den Builds.
Hi-Hat
Open Hat auf dem Offbeat; Hi-Hat in Sechzehnteln, oft verzerrt.
Percussion
Metallische Percussion, Industrial-Geräusche, Vocal Shots.
Dynamik und Ghost Notes
Fest; die Bewegung entsteht durch Filter und Verzerrung.
Zusammenspiel mit dem Bass
Der Bass (oder der Rumble) belegt die Offbeats; extremes Sidechain/Volume Shaping.
Abschnitte
Intro mit Bassdrum; Main; Break mit Lead/Stimme; Build; Drop.
Fills und Übergänge
Snare-Roll, halbierte Bassdrum, Riser, Stopp.
Klangauswahl
Maßgeschneiderte Bassdrums (Layer + Verzerrung), verzerrte 909-Claps.
Typische Fehler
Bassdrum ohne Kontrolle des Low-Ends (Matsch); zu viele übereinandergelegte Verzerrungen; schrille Hi-Hats.
Bass
- Klang: verzerrter Rumble, synthetischer Offbeat-Bass (verzerrte Sägezahnwelle), Rolling Bass.
- Register: E1–A1.
- Mit der Bassdrum: auf den Offbeats; Sidechain 10–15 dB oder Volume Shaping.
- Töne: Grundton.
Harmonieinstrumente
Verzerrte Stabs, dunkle Pads, Trance-/Hoover-Leads in den Breaks, Supersaw.
Melodie und Gesang
- Lead: Trance, Rave, Hoover, Acid; einfache Phrasen.
- Stimme: gepitchte Samples (auch Pop/Eurodance), gesprochene Phrasen, Schreie.
- Effekte: Verzerrung, langer Hall, Delay.
Instrumente
Drumcomputer und bearbeitete Samples, virtuelle und analoge Synthesizer, Distortion-Geräte, Clipper, Sampler.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Korg MS-20 V — Verzerrte Leads und Bässe: Filter-Overdrive und hohe Resonanz für aggressive Rave-Sounds.
- ARP 2600 V — FX und Percussion: Noise und S&H für industrielle FX und Percussion.
- Synthi V — Geräusche und Drone: Texturen und Geräusche für die Breaks.
- Jup-8 V — Supersaw und Trance-Leads: Zwei im Unison verstimmte VCOs für Trance-Leads in den Breaks.
- Mini V — Offbeat-Bass: Verzerrte Sägezahnwelle mit kurzem Decay.
Songaufbau
| Abschnitt | Takte | Inhalt |
|---|---|---|
| Intro | 16 | Bassdrum, Hi-Hat |
| Main 1 | 32 | Bass, Percussion |
| Break | 16 | Lead/Stimme, ohne Bassdrum |
| Build | 8 | Snare-Roll |
| Drop | 32 | alles |
| Outro | 16 |
Tracks von 4–6 Minuten; DJs mixen schnell.
Mixing und Mastering
Klangziel
Riesige, kontrollierte verzerrte Bassdrum, schiebendes Low-End, aggressive, aber nicht schmerzhafte Höhen; extrem hohe Lautheit. Referenzen: aktuelle Produktionen von I Hate Models, Sara Landry, Dax J; Charlotte de Witte — Doppler als „sauberere“ Referenz.
Bassdrum
Layer (Transient + Körper + verzerrter Ausklang); HP 25 Hz; +2 dB bei 50 Hz; −4/−6 dB bei 200–400 Hz; serielle Verzerrung (Overdrive → Clipper); EQ nach der Verzerrung zum Aufräumen; mono.
Rumble / Bass
HP 30 Hz; LP 150–200 Hz; Verzerrung; Sidechain 10–15 dB; mono.
- Rumble-Kette: Send der Bassdrum → langer Hall mit 100 % Wet (Hall 4–8 s) → starke Verzerrung/Sättigung → Tiefpass-EQ 150 Hz und Hochpass 30 Hz → Gate oder Sidechain von der Bassdrum (Attack 0,1 ms, Release 150–250 ms) → Kompression 4:1 für konstanten Pegel.
- Phasenkontrolle: Prüfe mit einem Korrelationsmesser, dass sich Bassdrum und Rumble nicht auslöschen (invertiere die Phase des Rumbles und wähle die vollere Version); alles unter 120 Hz in mono.
Balance und Referenz
Bassdrum 0 dB, Rumble −4/−6 dB, Clap −6, Hi-Hat −12/−15, Lead −6/−8. Höre bei niedriger Lautstärke: Die Bassdrum muss auch dort das lauteste Element bleiben.
Clap
HP 250 Hz; leichte Verzerrung; Hall 2–3 s mit Verzerrung auf dem Return; zentral.
Hi-Hat und Percussion
HP 600 Hz; Dynamic EQ 7–10 kHz; Panning 15–60 %; leichte Verzerrung.
Lead und Pad
HP 200–300 Hz; −3 dB bei 400–600 Hz; Verzerrung/Sättigung; langer Hall; breit; Sidechain 6–10 dB.
Stimme
HP 150 Hz; Verzerrung; starke Kompression; lange Delays/Hall.
FX
Riser, Noise, Impact.
Busse und Gruppen
Drum-Bus mit Clipper; Low-End-Bus mono mit Limiter; Synth-Bus mit Sidechain.
Sidechain
Bass 10–15 dB, Synths 6–10 dB, Hallräume 8 dB.
Master
EQ → Clipper (2–4 dB) → Limiter. Ziel −6/−4 LUFS integriert, True Peak −0,3 dBTP (Club), Crest-Faktor 4–6 dB.
Häufige Fehler
Matschiges Low-End durch zu viele Verzerrungen; Bassdrum, die nach dem Limiter den Transienten verliert; schmerzhafte Hi-Hats bei 8 kHz; unkontrolliertes Mono.
Referenztracks für den Mix
- Joey Beltram — Energy Flash (1990)
- Jeff Mills — The Bells (1996)
- Charlotte de Witte — Doppler (2020)
Referenz-Hörbeispiele
- Joey Beltram — Energy Flash (1990)
- Jeff Mills — The Bells (1996)
- Charlotte de Witte — Doppler (2020)