Geschichte und Charakter
Der musikalische Impressionismus (ein aus der Malerei Monets entlehnter Begriff, den die Komponisten selbst oft ablehnten) bezeichnet vor allem die französische Musik zwischen etwa 1890 und 1920: Claude Debussy (1862–1918; Prélude à l'après-midi d'un faune 1894, Nocturnes 1899, die Oper Pelléas et Mélisande 1902, La mer 1905, Images, die zwei Hefte der Préludes für Klavier 1910–1913, Estampes 1903, Children's Corner, Jeux 1913) und Maurice Ravel (1875–1937; Pavane pour une infante défunte 1899, Jeux d'eau 1901, Quartett, Miroirs, Gaspard de la nuit 1908, Ma mère l'Oye, Daphnis et Chloé 1912, Le tombeau de Couperin, La valse 1920, Boléro 1928, die zwei Klavierkonzerte 1929–1931). Ravel ist oft klassischer in den Formen und präziser in der Orchestrierung; Debussy radikaler in Harmonik und Form.
Vorläufer und Zeitgenossen: Erik Satie (Gymnopédies 1888, Gnossiennes), Emmanuel Chabrier, Gabriel Fauré, Paul Dukas (L'apprenti sorcier), Albert Roussel, Charles Koechlin, Lili Boulanger, und außerhalb Frankreichs Manuel de Falla (Noches en los jardines de España), Ottorino Respighi (Fontane di Roma 1916, Pini di Roma 1924), Frederick Delius, Charles Griffes, Karol Szymanowski. Entscheidende Einflüsse: die javanische Gamelanmusik, die Debussy auf der Pariser Weltausstellung 1889 hörte, die russische Musik (Mussorgski, Rimski-Korsakow), die symbolistische Dichtung (Mallarmé, Verlaine, Maeterlinck), das imaginierte Spanien (Debussy, Ravel), der Jazz der 1920er-Jahre (Ravel).
Die Ästhetik: der Klang als Farbe, die Harmonie eher als „Sonorität“ denn als Funktion, die Form als Abfolge von Zuständen und Stimmungen (Wasser, Wind, Wolken, Licht, Spiegelungen), die Aufhebung von Zeit und Puls, dynamische Zartheit (sehr viele pianissimo), eine transparente Orchestrierung mit Harfen, solistischen Holzbläsern, geteilten und gedämpften Streichern, Celesta, Crotales. Es ist die harmonische Sprache, aus der ein Großteil des modalen Jazz (Bill Evans), der atmosphärischen Filmmusik und des Ambient hervorgeht.
Tonleitern und Tonarten
Das System ist posttonal, aber nicht atonal: klare tonale Zentren, die ohne funktionale Kadenzen erreicht werden, mit systematischem Gebrauch nicht-Dur-/Moll-Skalen. Römische Zahlen in Moll beziehen sich auf natürliches Moll.
Ganztonleiter
- Formel: 1 2 3 #4 #5 b7 (6 Töne, alle im Ganztonabstand). Auf C: C D E F# G# A#; zweite Transposition: Db Eb F G A B.
- Charakteristischer Ton: Fehlen von Halbtönen und reinen Quinten → keine Anziehung, keine starke Tonika; nur übermäßige Dreiklänge (C+, D+…) und Akkorde 7(#5), 9(#5).
- Verwendung: Schwebe, Wasser, Nebel, Traum; Harfenarpeggien, Holzbläser in parallelen großen Terzen.
- Beispiel: Debussy — Voiles (Préludes, Heft I, 1910), fast ganz ganztönig mit einem pentatonischen Mittelteil.
- Häufiger Fehler: sie lange im selben Register und mit demselben Timbre zu verwenden: Sie wird monoton. Debussy wechselt sie mit Pentatonik und Diatonik ab.
Pentatonik (anhemitonisch)
- Durformel: 1 2 3 5 6. Auf Fis: F# G# A# C# D# (die schwarzen Klaviertasten). Moll: 1 b3 4 5 b7 — Dis: D# F# G# A# C#.
- Charakteristischer Ton: Fehlen von Halbtönen, „offener“ und fernöstlicher Klang.
- Beispiel: Debussy — Pagodes (Estampes, 1903), vom Gamelan inspiriert; Ravel — „Laideronnette, impératrice des pagodes“ (Ma mère l'Oye) auf den schwarzen Tasten.
Kirchentonarten
- Dorisch 1 2 b3 4 5 6 b7 — D: D E F G A B C. Akkorde (bezogen auf natürliches Moll): i ii III IV v #vi° VII.
- Mixolydisch 1 2 3 4 5 6 b7 — G: G A B C D E F. Akkorde: I ii iii° IV v vi bVII.
- Lydisch 1 2 3 #4 5 6 7 — F: F G A B C D E. Akkorde: I II iii #iv° V vi vii.
- Äolisch und Phrygisch für archaische oder „spanische“ Farben (Ravel, Rapsodie espagnole, Prélude à la nuit).
- Charakteristischer Ton: derselbe wie beim Modus (6 dorisch, b7 mixolydisch, #4 lydisch), als stabile Farbe verwendet.
- Beispiele: Debussy — La cathédrale engloutie (Préludes I) verwendet modale Klänge und Quintparallelen „wie im Organum“; Ravel — Pavane pour une infante défunte (G-Dur mit modalen Farben).
Oktatonik
- Ganzton–Halbton: C D Eb F Gb Ab A B; Halbton–Ganzton: C Db Eb E F# G A Bb. Debussy und Ravel verwenden sie in einzelnen Passagen (russisches Erbe).
„Pandiatonik“ und Sept-/Nonenakkorde
- Die sieben Töne der Skala werden zusammen als Farbe verwendet (Akkorde mit hinzugefügter 6 und 9, weiche diatonische Cluster).
Wie man wählt
Ganztonleiter für Schwebendes und Wässriges, Pentatonik für den Orient, das Spiel, die Kindheit, Modi für das Archaische und Pastorale, Phrygisch/gemischt für Spanien, Oktatonik für das Fantastische; volle Diatonik mit Nonen und Sexten für das Licht. Die Skala wird nach der Farbe der Szene gewählt, wie in der Malerei.
Harmonik
Der Akkord als Farbe
- Unaufgelöste Nonen-, Undezimen- und Tredezimenakkorde: Die Dissonanz wird stabil.
- Planing (parallele Akkorde): Derselbe Akkordtyp wird parallel verschoben, in realer Form (identische Intervalle: z. B. lauter Dominantnonakkorde) oder diatonischer Form (innerhalb einer Skala). Die in der klassischen Harmonielehre verbotenen Quint- und Oktavparallelen werden zu einem Timbre.
- Quartenakkorde und übereinandergeschichtete Quinten, leere Quinten (Organum), hinzugefügte Sekunden.
- Sehr lange Orgelpunkte und Ostinati, auf denen verschiedene Akkorde ruhen.
- Bitonalität und Polaritätsakkorde (Ravel: Jeux d'eau mit übereinandergelegten bitonalen Harmonien; Boléro-Finale mit parallelen Harmonien mehrerer Tonarten für den Orgeleffekt).
- Modale Kadenzen: VII–I, IV–I, Moll-v–I; plagale Kadenzen; Schlüsse auf Akkorden mit hinzugefügter 6 oder 9.
- Mediante und Tritonusbeziehungen als Farben.
- Geschwächte Funktion: Die Dominanten existieren, lösen sich aber nicht notwendigerweise zur Tonika auf; die Akkorde folgen einander nach Farbverwandtschaft und Stimmführung.
Harmonischer Rhythmus und Dichte
Langsam und schwebend: ein Akkord pro Takt oder Orgelpunkte über viele Takte; variable, oft sehr gelichtete Dichte. Die Orchesterfarbe (Harfe, Celesta, Flöte, gedämpfte Streicher) ist Teil des Akkords.
Voicing
Weite Register, Farbverdopplungen (Flöte + Celesta, Harfe + Flageoletts), offene Akkorde in der Tiefe und enge in der Höhe; am Klavier Einsatz des Resonanzpedals, um Harmonien zu überlagern (Debussy notiert oft „laissez vibrer“).
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Nonen-Planing | Des (modal) | Db9 Eb9 F9 Gb9 Ab9 | I9 II9 III9 IV9 V9 | Dominantnonakkorde in realer Parallelführung: Keiner löst sich auf, alle sind Farbe. Das typischste Mittel der Debussy'schen Harmonik (und später des Jazz). |
| Gymnopédie (Pendeln von Major-Septakkorden) | D-Dur | Gmaj7 Dmaj7 Gmaj7 Dmaj7 | IVmaj7 Imaj7 IVmaj7 Imaj7 | Erik Satie — Gymnopédie Nr. 1 (1888): zwei abwechselnde Major-Septakkorde im 3/4-Takt über acht Takte, bevor die Melodie einsetzt. Leuchtender und melancholischer Stillstand, keine Dominante. |
| Ganztönige übermäßige Dreiklänge | C (Ganzton) | Caug Daug Caug Daug | I+ II+ I+ II+ | Das Wechselspiel der einzigen beiden „Zonen“ einer Ganztonleiter: völlige Schwebe (Debussy, Voiles; viele traumartige Übergänge im Kino). |
| Organum aus Quintparallelen | C-Dur (modal) | C5 D5 E5 G5 C5 | I(5) II(5) III(5) V(5) I(5) | Leere Quinten und Oktaven in Parallelführung wie im mittelalterlichen Organum: Debussys La cathédrale engloutie (Préludes I) baut so den Klang der Glocke und der versunkenen Orgel. |
| Mixolydische Kadenz | G-Mixolydisch | G F/G Dm7 G | I bVII/I v7 I | Das Moll-v und das bVII ersetzen die Dominante: „archaischer“ oder pastoraler Schluss (Debussy, Ravel). |
| Pentatonik der schwarzen Tasten | Fis-Dur (pentatonisch) | D#m7 | I6/9 vi7 I6/9 | Akkorde, die nur aus den fünf pentatonischen Tönen gebaut sind (F# G# A# C# D#): keine Dissonanz zwischen den Tönen, Klang von Gamelan und Spieluhr (Pagodes, Laideronnette). |
| Boléro (Ostinato und Schlussmodulation) | C-Dur → E-Dur → C-Dur | C C C E C | I I I ... III I | Ravel — Boléro (1928): ein einziges Crescendo von etwa 15 Minuten über einem Ostinato in C, wobei die Melodie von Instrument zu Instrument wandert; kurz vor dem Ende die plötzliche Modulation nach E-Dur und die Rückkehr nach C für den Zusammenbruch am Schluss. |
| Sept- und Nonenakkorde in chromatischem Abstieg | Es (schwebend) | Ebmaj7 Dmaj7 Dbmaj7 Cmaj7 | Imaj7 VIImaj7 bVIImaj7 VImaj7 | Chromatisches Planing von Major-Septakkorden: „flüssiger“ Klang für Spiegelungen und Wasser (Richtwert-Schema im Stil von Ravel und Debussy). Römische Zahlen nur beschreibend. |
Rhythmus und Groove
- Verschleierter Puls: Bindungen über den Taktstrich, Triolen gegen Duolen, unregelmäßige Gruppen (5, 7, 9 Noten), Taktwechsel, notiertes Rubato („Cédez“, „Retenu“, „Au mouvement“): Das Metrum ist kaum zu spüren.
- Arabeske: fließende ornamentale Linien, vor allem in den Holzbläsern (die Flöte im Prélude à l'après-midi).
- Zarte Ostinati (Debussy, Nuages: zwei abwechselnde Akkorde in den Holzbläsern; Ravel, Boléro: der Rhythmus der kleinen Trommel, 169-mal wiederholt, eine häufig zitierte Angabe).
- Tänze: Habanera (2/4 mit der Figur punktiertes Achtel–Sechzehntel–zwei Achtel: Debussy, La soirée dans Grenade; Ravel, Rapsodie espagnole), Walzer (Ravel, Valses nobles et sentimentales, La valse), stilisierte alte Tänze (Menuett, Pavane, Rigaudon, Forlane: Le tombeau de Couperin), Bolero (3/4).
- Gamelanrhythmen: Schichten von Patterns mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten (Pagodes).
Schlagzeug
Das impressionistische Schlagwerk
- Crotales (antike Zimbeln): kleine gestimmte Glocken, kristalliner Klang (Debussy, Prélude à l'après-midi d'un faune, im Schluss).
- Harfe (oft zwei) als „rhythmisch-koloristisches“ Instrument: Glissandi, Flageoletts, Arpeggien.
- Celesta und Glockenspiel für die leuchtenden Farben (Ravel, Ma mère l'Oye; Debussy, La mer).
- Hängendes Becken mit weichen Schlägeln oder mit dem Bogen (Ravel), Tamtam im pianissimo (La mer), gedämpfte Pauken im pianissimo für die Meeresstimmungen.
- Spanisches Schlagwerk: Kastagnetten, Tamburin, baskische Trommel (Ravel, Rapsodie espagnole und Alborada del gracioso; Debussy, Ibéria).
- Kleine Trommel: das Ostinato des Boléro (von ppp bis ff in etwa 15 Minuten, ein einziger Rhythmus von zwei Takten).
Wie sie rhythmisch denken
Das Schlagwerk ist „Licht“ und „Spiegelung“: Farbpunkte, Funkeln, Beckenwellen, nur selten Taktgeber. Einzige große Ausnahme: der Boléro, in dem die kleine Trommel der konstante Motor ist.
Typische Fehler
Laute, trockene Schlagwerkklänge, traditionelle Pauken im fortissimo, Becken zu zweit in den Höhepunkten (Debussy bevorzugt hängendes Becken und Tamtam), fehlendes pianissimo.
Bass
- Orgelpunkte und lange Noten (Kontrabässe, geteilte Celli, gedämpfte Pauken, tiefe Harfe, Pedal des Klaviers).
- „Wellenförmiger“ Bass: Arpeggien von Klavier oder Harfe, die 2–3 Oktaven umfassen und einen Resonanzgrund bilden (Debussy, Jardins sous la pluie; Ravel, Jeux d'eau).
- Sehr leichte tiefe Ostinati (Boléro: Pizzicati von Celli und Kontrabässen auf Tonika und Dominante).
- Gewählte Töne: Tonikas und leere Quinten, Bässe, die sich in Ganztönen oder parallel zu den Akkorden bewegen (Planing), Orgelpunktbässe unter beweglichen Harmonien.
- Frequenzen: Der impressionistische Bass ist oft „leicht“: Man muss 60–120 Hz nicht aufblähen; entscheidend ist die Resonanz.
Harmonieinstrumente
- Klavier: das Hauptinstrument von Debussy und Ravel; Resonanzpedal und una corda (Verschiebung/Dämpfer), Registerüberlagerungen, Akkorde auf mehreren Systemen (Debussy schreibt oft auf drei Systemen), Wasserarpeggien, Triller und Tremoli.
- Geteilte und gedämpfte Streicher, Flageoletts, sul tasto (flötender Klang, „flautando“), Tremoli sul ponticello, Glissandi.
- Harfen (1–2): Arpeggien, Glissandi auf ganztönigen oder pentatonischen Skalen (bei der Pedalharfe werden die Pedale auf die gewünschte Skala eingestellt).
- Solistische Holzbläser: Flöte (Syrinx, der Faun), Oboe, Englischhorn, Klarinette im pianissimo; Ravel liebt die Holzbläser im extremen Register (hohes Fagott im Boléro; Piccolo, Celesta und Hörner zusammen, die künstliche Obertöne erzeugen).
- Blech: gedämpfte Hörner, gedämpfte Trompeten (La mer), wenige fortissimo.
- Voicing: offene Akkorde, Farbverdopplungen (Flöte + gedämpfte Violinen, Celesta + Harfe), extreme Register für die Luft; Ravels Orchester ist ein „Präzisionsorchester“ (jede Verdopplung berechnet), das von Debussy eher „nebulös“.
Melodie und Gesang
- Arabesken und wellenförmige Melodien, modaler oder pentatonischer Ambitus, Phrasen, die nicht schließen, Echo-Wiederholungen.
- Farbmelodie: Das „Thema“ ist oft eher ein Timbre als eine Melodie (die Flöte des Faun ist vor allem an ihrer Farbe erkennbar).
- Stimmen: Debussy revolutioniert den französischen Gesang in Pelléas et Mélisande (natürlicher Sprechgesang, kaum Arien, fast gesprochene Stimme über einem transparenten Orchester); Mélodies für Stimme und Klavier (Debussy, Fauré, Ravel: Shéhérazade, Histoires naturelles); Chöre ohne Text (Debussy, „Sirènes“ in den Nocturnes; Ravel, Chor ohne Text in Daphnis et Chloé).
- Instrumente als Stimme: Flöte, Oboe, Englischhorn, Violine und Bratsche im pianissimo, Saxofon (Ravel, Orchestrierung der Bilder einer Ausstellung und Boléro).
Instrumente
Französisches Orchester: Piccolo, 3 Flöten (bei Ravel auch Altflöte), 2–3 Oboen, Englischhorn, 2–3 Klarinetten, kleine Klarinette, Bassklarinette, 3 Fagotte, Sarrusophon oder Kontrafagott, 4 Hörner, 3–4 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, Crotales, Becken, Tamtam, Glockenspiel, Xylofon, Celesta, Kastagnetten, Tamburin, kleine Trommel, 2 Harfen, Streicher (oft geteilt und gedämpft); Saxofone (Ravel); Klavier; Chor ohne Text; Stimme und Klavier in den Mélodies.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Piano V — Impressionistisches Klavier: Flügelmodell mit hoher Mitschwingresonanz und aktivem Resonanzpedal: Debussy verlangt, nachklingen zu lassen. Verwende weiche Velocities, halbes Pedal und einen Saalhall für die Préludes und für Jeux d'eau.
- CS-80 V — Pads und „gläserne“ Farben: Für elektronische Bearbeitungen im Stil von Isao Tomita (Snowflakes Are Dancing, 1974, Debussy am Moog-Synthesizer): Pads mit langsamem Attack, Ribbon für Glissandi, leichter Chorus.
- Modular V — Elektronischer Debussy: Der Weg Tomitas: Oszillatoren und Filter, um Flöten, Glocken und synthetische Wolken nachzubilden; lange Hüllkurven und Filter, die sich langsam öffnen.
- Augmented Strings — Geteilte und gedämpfte Streicher: Weiche, transparente Streicher-Pads, bei denen die synthetische Seite den „Wolken“ Bewegung verleiht.
- Augmented Voices — Chor ohne Text: Ferne „ah“-Vokale für „Sirènes“ oder den Chor in Daphnis; langer Hall und Dynamik im pianissimo.
- Synclavier V — Celesta, Crotales, Gamelan: Additive/FM-Synthese für gestimmte Glocken und metallische Farben javanischer Prägung.
Songaufbau
Formen
- Tafel- und Mosaikformen: nebeneinandergestellte Abschnitte, variierte Wiederkehr, keine klassische Durchführung (Debussy, Jeux; La mer in drei „sinfonischen Skizzen“).
- Dreiteilig A–B–A' mit variierter Reprise und schwebender Coda (viele Préludes, der Faune).
- Erneuerte klassische Formen (Ravel: Quartett in Sonatenform, Sonatine, Le tombeau de Couperin als barocke Suite, Konzert in G in drei Sätzen).
- Ein einziges Crescendo über einem Ostinato (Boléro: 18 Expositionen von Thema und Gegenthema, etwa 15 Minuten, von ppp bis ff).
- Klavierprélude: Miniatur von 1–6 Minuten, mit dem Titel am Ende (Debussy schreibt die Titel nach dem Stück, in Klammern und mit Auslassungspunkten).
Arrangement
Farben, die sich in „Schleiern“ ablösen: Ein Timbre tritt ein, während ein anderes verblasst (Überblendungen), kurze Höhepunkte und dann Rückkehr ins pianissimo; Tutti selten und transparent.
Mixing und Mastering
Klangziel
Transparenz, Luft, Weichheit: Man muss die einzelnen Farben (Harfe, Flöte, Celesta, gedämpfte Streicher) in einer gemeinsamen Luft hören, mit einem Dynamikumfang, der vor allem zwischen ppp und mf lebt und nur wenige leuchtende fortissimo kennt. Referenzen: Aufnahmen von Pierre Boulez (Cleveland, DG), Ernest Ansermet (Orchestre de la Suisse Romande, Decca), Charles Dutoit (Montréal, Decca: der „französische Klang“ schlechthin für Ravel), Jean Martinon; für das Klavier Walter Gieseking, Arturo Benedetti Michelangeli, Krystian Zimerman (Préludes, DG 1994).
Orchester
- Mikrofonierung: Tree + Outrigger + Ambient; leichte Stützmikrofone auf Harfen, Celesta, Crotales, solistische Holzbläser.
- Gedämpfte und geteilte Streicher: Hochpassfilter auf den Stützmikrofonen (Violinen 80–100 Hz); keine aggressive EQ; +1 dB bei 10–14 kHz für Luft auf dem Tree, falls nötig; −1 dB bei 2–4 kHz, wenn die Stützmikrofone hart klingen.
- Harfen: Stützmikrofon in 50–80 cm, +1/+2 dB bei 3–6 kHz für die Definition der Arpeggien, niedriger Pegel in den Tutti; zwei Harfen L 40 / R 40.
- Solistische Holzbläser: Stützmikrofon in 1–1,5 m, Pegel so, dass sie natürlich hervortreten (die Flöte des Faune muss einige Meter entfernt wirken, nicht „im Gesicht“).
- Leuchtendes Schlagwerk: Crotales, Glockenspiel, Celesta mit leichtem Stützmikrofon; kein Höhenboost (sie sind bereits sehr brillant); hängendes Becken und Tamtam mit viel Ausklang.
- Blech: gedämpft, hinten, keine Kompression.
- Raum: Hall 2–2,6 s, Pre-Delay 20–30 ms; Debussy verträgt einen etwas längeren Hall als Ravel (der Präzision will).
Klavier
- Paar in 2–3 m (weitere Perspektive als üblich für die Aura), Raumpaar; Hochpassfilter 25 Hz; −1/−2 dB bei 150–300 Hz, wenn das Pedal aufbläht; +1 dB bei 10 kHz für Luft.
- Keine Kompression; die pianissimo müssen pianissimo bleiben.
- Hall: natürlicher Raum oder Hall 2–2,4 s.
Stimme (Mélodies, Pelléas)
Stützmikrofon in 1–1,5 m, Hochpassfilter 80 Hz, keine hörbare Kompression; Stimme leicht vorn, aber nicht dominant (der Sprechgesang des Pelléas ist „im“ Orchester).
Mit virtuellen Libraries
- Streicherpatches mit Dämpfer und Flautando, Harfen mit auf der richtigen Skala programmierten Glissandi (Pedale vorbereiten), Celesta und Crotales.
- Niedrige Dynamik (CC1 meist zwischen 20 und 70), kurze Crescendi.
- Gemeinsamer weiter, weicher Hall (Hall mit leicht gedämpften Höhen).
Busse und Gruppen
Streicher, Holzbläser, Blech, Harfen/Celesta/leuchtendes Schlagwerk, Klavier, Stimmen; gemeinsamer Hall. Kein Limiter auf den Bussen.
Sidechain
Nein.
Master
- Richtwert: −22/−18 LUFS integriert (sehr viel pianissimo), Short-Term in den Höhepunkten −12/−10 (der Boléro erreicht im Finale höhere Werte), True Peak −1 dBTP, LRA 12–20 LU.
- Minimale Kette; keine aggressiven „Brillanz-Enhancer“: Die Luft muss natürlich sein.
Häufige Fehler
- Die pianissimo mit Kompression anheben (die Atmosphäre geht verloren).
- Harfen und Celesta zu präsent (sie werden poppig) oder verloren.
- Hall mit zu vielen Höhen (zischend) oder zu kurz (trocken, „nach Studio“).
- Klavier zu nah und perkussiv.
Referenzstücke für den Mix
- Debussy — Prélude à l'après-midi d'un faune (Boulez, Cleveland Orchestra, DG).
- Debussy — La mer (Referenzaufnahmen).
- Ravel — Daphnis et Chloé (Charles Dutoit, Orchestre symphonique de Montréal, Decca).
- Ravel — Boléro (Referenzaufnahmen).
- Debussy — Préludes (Krystian Zimerman, DG 1994).
Referenz-Hörbeispiele
- Erik Satie — Gymnopédie n. 1 (1888)
- Claude Debussy — Prélude à l'après-midi d'un faune (1894)
- Claude Debussy — Nocturnes: Nuages, Fêtes, Sirènes (1899)
- Maurice Ravel — Pavane pour une infante défunte (1899)
- Maurice Ravel — Jeux d'eau (1901)
- Claude Debussy — Pelléas et Mélisande (1902)
- Claude Debussy — Estampes: Pagodes (1903)
- Claude Debussy — La mer (1905)
- Claude Debussy — Préludes, Libro I: Voiles, La cathédrale engloutie (1910)
- Maurice Ravel — Daphnis et Chloé (1912)
- Ottorino Respighi — Pini di Roma (1924)
- Maurice Ravel — Boléro (1928)