Geschichte und Charakter
Der orchestrale Soundtrack ist der direkte Erbe des spätromantischen europäischen Sinfonismus – Wagner (Leitmotiv), Richard Strauss (sinfonische Dichtungen), Tschaikowsky, Holst (Die Planeten), Korngold selbst, der vor Hollywood ein Wiener Opernkomponist war. In Hollywood codifizieren in den 1930er–1940er Jahren Max Steiner, Korngold, Alfred Newman, Franz Waxman und Miklós Rózsa den „Golden Age Sound“: großes Orchester, Themen für die Figuren, fast durchgehende Musik, enge Synchronisation mit dem Bild.
Nach einer Phase (1960er), in der Jazz, Pop und kleiner besetzte Partituren mehr Raum einnehmen, bringt John Williams mit Der weiße Hai (1975), Krieg der Sterne (1977), Superman (1978), Jäger des verlorenen Schatzes (1981), E.T. (1982) und später Jurassic Park und Harry Potter den leitmotivischen Sinfonismus zurück ins Zentrum, eingespielt vom London Symphony Orchestra oder von Studioorchestern in Los Angeles. Daraus erwächst eine bis heute lebendige Tradition: James Horner (Braveheart, Titanic), Jerry Goldsmith (Star Trek, Alien), Danny Elfman (Batman 1989), Howard Shore (Der Herr der Ringe, 2001–2003, mit einem Leitmotivsystem, das in Dutzenden von Themen dokumentiert ist), Alan Silvestri (Zurück in die Zukunft, Avengers), Michael Giacchino (Oben, Star Trek), Alexandre Desplat (Grand Budapest Hotel), John Powell (Drachenzähmen leicht gemacht) und, im Videospiel, Komponisten wie Nobuo Uematsu und Jeremy Soule.
Die Ästhetik: einprägsame Themen, eine Orchestrierung, die bei jeder Wiederholung die Farbe wechselt, tonale Harmonik, angereichert durch chromatische Mediante und modale Entlehnungen, enorme Dynamik (vom Oboensolo bis zum Tutti mit Chor), eine von der Erzählung geführte Form. In Italien hatte die sinfonische Linie Nino Rota (Der Leopard, Der Pate), Morricone in seinen lyrischsten Arbeiten (Mission, Cinema Paradiso), Luis Bacalov und Nicola Piovani. Heute sind die großen Orchesteraufnahmestudios für den Film Abbey Road Studio One und AIR Lyndhurst Hall in London, die Sony/MGM Scoring Stage und die Eastwood Scoring Stage in Los Angeles sowie die Synchron Stage in Wien; kleinere Budgets greifen auf Orchester in Prag, Budapest, Nordmazedonien oder auf gesampelte Libraries zurück.
Tonleitern und Tonarten
Die Sprache ist tonal-modal: Dur oder Moll als Grundlage, gefärbt durch Modi und Entlehnungen. Römische Zahlen: in Moll bezogen auf natürlich Moll.
Dur (Ionisch) – der heroische Ton
- Formel 1 2 3 4 5 6 7; Halbtonschritte 2-2-1-2-2-2-1. B-Dur: Bb C D Eb F G A.
- Charakteristischer Ton: große Terz + Leitton (A in B): Licht, Sicherheit, das „Zuhause“ des Helden.
- Akkorde: I (Bb) ii (Cm) iii (Dm) IV (Eb) V (F) vi (Gm) vii° (A°).
- Einsatz: Fanfaren von Trompeten und Hörnern, Hauptthemen mit aufsteigendem Quint- oder Oktavsprung (Star Wars Main Title, in B-Dur).
- Häufiger Fehler: das Thema nur mit I–IV–V harmonisieren: das klingt nach Blasorchester. Setze bVI, bVII, ii7 und chromatische Mediante ein.
Lydisch – das Staunen
- Formel 1 2 3 #4 5 6 7; 2-2-2-1-2-2-1. C-Lydisch: C D E F# G A B.
- Charakteristischer Ton: #4 (F#): Verwunderung, Schweben, wohlwollende Magie.
- Akkorde: I (C) II (D) iii (Em) #iv° (F#°) V (G) vi (Am) vii (Bm).
- Einsatz: I–II/I über Orgelpunkt (C – D/C) in geteilten Streichern und in der Harfe; Melodien, die das #4 auf einer betonten Zählzeit berühren.
- Häufiger Fehler: das IV (F) in derselben Phrase verwenden: Es löscht die Farbe aus.
Mixolydisch – das archaische Abenteuer
- Formel 1 2 3 4 5 6 b7; 2-2-1-2-2-1-2. D-Mixolydisch: D E F# G A B C.
- Charakteristischer Ton: b7 (C): „rustikaler“ Heroismus, Fantasy, Meer, Ritter.
- Akkorde: I (D) ii (Em) iii° (F#°) IV (G) v (Am) vi (Bm) bVII (C).
- Einsatz: Kadenzen bVII–I und IV–bVII–I in Abenteuerthemen; Hörner im Unisono.
Dorisch – die melancholische Noblesse
- Formel 1 2 b3 4 5 6 b7; 2-1-2-2-2-1-2. D-Dorisch: D E F G A B C.
- Charakteristischer Ton: große Sexte (B): Moll mit einem Lichtschimmer, episch-keltisch.
- Akkorde (bezogen auf natürlich Moll): i (Dm) ii (Em) III (F) IV (G) v (Am) #vi° (B°) VII (C).
- Einsatz: i–IV (Dm–G) für Themen von Völkern, Ländern, Gemeinschaften (sehr verbreitet im Fantasy-Genre und in den Soundtracks von James Horner mit keltischem Einschlag).
Natürlich Moll (Äolisch) und harmonisch Moll – das Drama
- Äolisch: 1 2 b3 4 5 b6 b7; 2-1-2-2-1-2-2. d-Moll: D E F G A Bb C. Akkorde: i (Dm) ii° (E°) III (F) iv (Gm) v (Am) VI (Bb) VII (C).
- Harmonisch: 1 2 b3 4 5 b6 7; 2-1-2-2-1-3-1. d-Moll harmonisch: D E F G A Bb C#. Akkorde: i (Dm) ii° (E°) III+ (F+) iv (Gm) V (A) VI (Bb) vii° (C#°).
- Charakteristischer Ton: b6 (Bb) für die Trauer; Leitton C# für die Spannung zur Tonika und zum Schicksal.
- Einsatz: tragische Themen, Themen des Bösewichts, melancholische Walzer; Kadenzen V–i mit Dur-V und vii°7.
- Beispiel: John Williams – Hedwig's Theme (Harry Potter, 2001), in e-Moll mit häufigen Chromatismen, der Celesta anvertraut.
- Häufiger Fehler: Äolisch und harmonisch Moll wahllos in derselben Melodielinie mischen: Entscheide, wann der Leitton gebraucht wird (Kadenz) und wann nicht (modal).
Phrygisch – die Bedrohung
- Formel 1 b2 b3 4 5 b6 b7; 1-2-2-2-1-2-2. E-Phrygisch: E F G A B C D.
- Charakteristischer Ton: b2 (F). Akkorde (bezogen auf natürlich Moll): i (Em) bII (F) III (G) iv (Am) v° (B°) VI (C) vii (Dm).
- Einsatz: Halbton-Ostinati in den Kontrabässen, i–bII im tiefen Blech.
Spätromantische Chromatik
- Keine Tonleiter, sondern eine Anwendung: chromatische Wechsel- und Durchgangsnoten, Vorhalte, Innenstimmen, die halbtonweise auf- oder absteigen, verminderte und übermäßige Durchgangsakkorde. Das ist die „Korngold-Williams-Farbe“, die ein Filmthema von einem Song unterscheidet.
Wie wählen
- Held: Dur + Mixolydisch in „erdverbundenen“ Momenten, Lydisch in „fliegenden“ Momenten.
- Liebe: Dur mit Moll-iv und Zwischendominanten oder lyrisches Moll.
- Bösewicht: harmonisch Moll, Phrygisch, Moll-Mediante, Oktatonik.
- Mysterium: schwebendes Lydisch oder Ganztonleiter. Dasselbe Thema kann von einem Modus in den anderen wechseln: Das ist der Kern des Leitmotivs.
Harmonik
Funktionale Spätromantik + Farbe
Die Harmonik des orchestralen Soundtracks ist tonal (Kadenzen, Dominanten, Modulationen) mit einer starken koloristischen Schicht:
- Zwischendominanten (V/vi, V/ii, V/IV), um den Themen Schwung zu geben: in C, E7–Am, A7–Dm, C7–F.
- Entlehnungen aus der Variante (Moll-Parallele): iv (Fm), bVI (Ab), bVII (Bb), ii° – die „Nostalgie“ und der „modale Heroismus“.
- Chromatische Mediante (C–Ab, C–E, C–Eb, C–A): Szenenwechsel, Enthüllungen, Staunen.
- Akkorde über Orgelpunkt: Bb/C, Ab/C, F/C über einem ausgehaltenen C (Blech und Kontrabässe): „weite“ Fanfaren.
- Neapolitanischer Sextakkord und übermäßige Sextakkorde in tragischen Momenten (Erbe des 19. Jahrhunderts).
- Vorhalte und Sekundvorhalte: 4–3, 9–8, 7–6 in den Streichern: das expressive „Weinen“.
- Modulationen: um einen Ganzton oder Halbton aufwärts für die triumphale Wiederholung; in Terzen (Mediante), um die Umgebung zu wechseln.
Harmonischer Rhythmus
Themen: 1–2 Akkorde pro Takt; Fanfaren: 1 Akkord alle 1–2 Takte über Orgelpunkt; Underscore: lange Akkorde über 4–8 Takte.
Orchestrale Voicings
- Bass in Oktaven (Violoncelli + Kontrabässe), Mittelstimmen-Harmonie in den Hörnern (4 Hörner = ein vollständiger vierstimmiger Akkord im Register F3–C5) und in den Bratschen, Melodie in den Violinen in Oktaven und/oder in den Trompeten.
- Blechchoräle: Posaunen in enger Lage über einem Tubabass in weiter Oktavlage.
- Im Pianissimo: geteilte Streicher (divisi zu 3–4 pro Gruppe) mit offenen Akkorden und Flageoletts.
Kontrapunkt
Gegenmelodien in den Violoncelli und Hörnern unter dem Violinthema, Imitationen zwischen den Holzbläsern, Fugati in Action- oder Vorbereitungsszenen (Williams und Shore verwenden oft kurze imitative Passagen).
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Fanfare über Orgelpunkt | C-Dur | C Bb/C C Ab/C C | I bVII/I I bVI/I I | Blechakkorde, die sich über einem von Kontrabässen und Pauken ausgehaltenen C bewegen: Eröffnung von Main Titles und Ankunftsszenen. bVII und bVI sind Entlehnungen aus der Moll-Variante. |
| Heroisches Thema mit Mediante | B-Dur | Bb Gb Bb Eb Bb F | I bVI I IV I V | Die chromatische Mediante bVI innerhalb eines sonst diatonischen Themas: der typische „magische“ Übergang der Themen im Williams-Stil. |
| Lyrisch mit Zwischendominante | F-Dur | F A7/E Dm Bb Gm7 C7 F | I V7/vi vi IV ii7 V7 I | Das Liebes- oder Familienthema: die Zwischendominante zu vi und die Kadenz ii–V–I. Violoncelli und Hörner auf dem Thema, Streicher im Legato darunter. |
| Nostalgie mit Moll-iv | D-Dur | D G Gm D | I IV iv I | Der Übergang IV–iv (Moll-Plagalkadenz) ist die „Träne“ in Finali und Erinnerungen. Der absteigende Ton (H → B) sollte einer Innenstimme gegeben und hervorgehoben werden. |
| Dramatisches Moll | c-Moll | Cm Ab Fm G7 Cm | i VI iv V7 i | Tragische Kadenz mit Dur-V aus harmonisch Moll; Pauken auf C und G, tiefes Blech im V7. |
| Tragisch mit Neapolitaner | d-Moll | Dm Gm/Bb Eb/G A7 Dm | i iv6 bII6 V7 i | Der neapolitanische Sextakkord (Eb/G) vor der Dominante: Trauer, Opfer. Direktes Erbe der Oper des 19. Jahrhunderts. |
| Schwebendes Lydisch | F-Lydisch | F G/F Am/F G/F | I II/I iii/I II/I | Akkorde, die sich über einem ausgehaltenen F verändern: Flug, Staunen, Öffnung einer Landschaft. Harfe in Arpeggien und geteilte Violinen. |
| Triumphale Reprise mit Modulation | C-Dur → D-Dur | C G/B Am F G A7 D | I V6 vi IV V V7/II → I | Die Modulation um einen Ganzton aufwärts für die letzte Darbietung des Themas: das gesamte Ensemble, Crash und Pauken auf der neuen I. |
Rhythmus und Groove
- Lyrische Themen: 4/4- oder 3/4-Metrum, flexibles Tempo (Rubato), Begleitung in gebundenen Achteln oder Harfenarpeggien.
- Märsche: 2/4 oder 4/4 bei 104–120, mit punktierten Figuren und Schwung-Triolen (Raiders March), Snare und repetierendes Blech.
- Walzer: 3/4 für Liebe, Tanz, das Groteske oder die Ironie.
- Action: 4/4 bei 130–170 mit Streicherostinati in Sechzehnteln, Taktwechsel (Einschub von 3/4- oder 5/8-Takten), um die Hit Points zu treffen; verschobene Akzente auf den Sechzehnteln.
- Synchronisation: Die Tempokarte ändert sich von Takt zu Takt; ein guter Dirigent oder Programmierer bewahrt das Gefühl von Fluss auch bei vielen Wechseln.
- Swing: 0 (außer bei Jazz-Cues).
Schlagzeug
Rollen
- Pauken: die „Bassdrum“ des Orchesters. Schläge auf Tonika und Dominante am Phrasenbeginn, Wirbel im Crescendo, die zum Höhepunkt führen, repetierende Figuren auf den Basstönen in Märschen. Stimme sie auf die Harmonie der Passage (eine „falsche“ Pauke ruiniert einen Akkord).
- Große Trommel + Becken (Paar): gemeinsam auf dem Downbeat des Höhepunkts oder eines neuen Abschnitts; in Märschen auf den betonten Zählzeiten (1 und 3).
- Hängendes Becken: Wirbel mit weichen Schlägeln im Crescendo über 1–2 Takte, der sich auf den Schlag „öffnet“; Einzelschlag für Akzente.
- Snare: Märsche und Militärszenen (punktierte Figuren, Wirbel); außerhalb dieses Kontexts wird sie wenig eingesetzt.
- Tamtam: langer Schlag für Tod, Ende, Enthüllung.
- Glockenspiel, Celesta, Xylofon, Röhrenglocken: melodische Verdopplungen (Glockenspiel mit den Flöten oder Violinen zwei Oktaven höher), Magie (Celesta), Glocken für Kirchen, Hochzeiten, Beerdigungen.
Wo sie fallen
- In einem Marsch im 4/4-Takt: große Trommel auf 1 und 3, Becken auf 1, Snare auf 2 und 4 mit Sechzehntelfiguren auf „4-und“.
- In einem heroischen Thema: Paukenschlag + Becken auf der 1 der Phrase, Paukenwirbel in den letzten 2 Takten vor der Wiederholung.
- In einem Action-Ostinato: Orchester-Toms oder Pauken auf 1 und „2-und“, große Trommel auf der ersten Zählzeit alle 2 Takte.
Dynamik, Velocity und Microtiming
- Orchesterpercussion folgt der Form: pp/p in lyrischen Passagen, ff nur an den Höhepunkten.
- Programmierung: variable Velocity (auch in einem Wirbel wächst die Velocity allmählich), Round Robin aktiv, kleine menschliche Verschiebungen von ±5 ms. Einschläge sollten einige Millisekunden vorgezogen werden, damit sie exakt auf dem Frame landen.
Zusammenspiel
Pauken und Kontrabässe spielen oft denselben Ton: Richte die Einsätze aus. Die Becken dürfen die hohen Violinen an den Höhepunkten nicht überdecken (kontrolliere 6–10 kHz).
Typische Fehler
„Trailer“-Percussion in einer klassischen Partitur (zu viele Taiko), große Trommel auf jedem Takt, Paukenwirbel ohne Crescendo, zu lautes Glockenspiel (es ist über allem zu hören).
Bass
- Violoncelli + Kontrabässe in Oktaven: der Standardbass (Kontrabässe werden eine Oktave höher notiert als der klingende Ton).
- Tiefes Blech: Tuba und Bassposaune in Chorälen und im Fortissimo; das Cimbasso gibt im tiefen Register mehr „Biss“.
- Tiefe Holzbläser: Fagotte, Kontrafagott und Bassklarinette in leichten oder geheimnisvollen Passagen.
- Harfe und tiefes Klavier: Verstärkung des Einsatzes (tiefer Harfenschlag + Pizzicato der Kontrabässe).
- Orgel für das Sakrale oder Kosmische (Pedal 16' und 32').
- Tonwahl: Grundtöne und Quinten in Fanfaren; Orgelpunkte auf Tonika oder Dominante unter beweglichen harmonischen Passagen; skalenartige Linien, die zu den Kadenzen führen; chromatisch absteigender Bass (Lamento) in Verlustszenen.
- Register und Frequenzen: E1 (41 Hz) – C3 (131 Hz) ist das Herz; vermeide es, den Bass in einem „reinen“ Orchester mit synthetischen Subbässen zu verdoppeln.
Harmonieinstrumente
Streicher
- Violinen I: Hauptthema (G4–A6), oft von den Violinen II eine Oktave tiefer oder von der Flöte eine Oktave höher verdoppelt.
- Violinen II und Bratschen: Innenharmonie, Ostinati, Tremoli, Arpeggien; in klassischen Soundtracks spielen sie oft Figuren in gebundenen Achteln, die Bewegung geben, ohne das Thema zu stören.
- Violoncelli: zweites Thema, Gegenstimme, warme Melodie im Register D3–A4.
- Kontrabässe: Bass, Pizzicato, Orgelpunkt.
Holzbläser
- Flöte: Farben, Verdopplungen, Triller; Soloflöte für Zartheit (tiefes Register warm, hohes brillant).
- Oboe/Englischhorn: lyrisches, pastorales, klagendes Solo.
- Klarinette: warme Melodien, schnelle Arpeggien, geheimnisvolles Chalumeau.
- Fagott: leichter Bass, Komik, tiefe Farbe.
Blech
- Hörner: das heroische Timbre schlechthin; Unisono zu 4–8 für die Themen, ausgehaltene Akkorde, aufsteigende „Rips“.
- Trompeten: Fanfaren, militärische Themen, Energiespitzen; gedämpft für das Geheimnisvolle.
- Posaunen und Tuba: Choräle, Wucht, die „Wand“ der Höhepunkte.
Harfe, Klavier, Celesta, Orgel
Harfe für Arpeggien und Übergangs-Glissandi; Celesta und Klavier für Magie; Orgel für das Sakrale und Kosmische.
Chor
Gemischter Chor für das Epische und Sakrale (Latein, Sanskrit, erfundene Sprachen), Frauenchor oder Knabenstimmen für Unschuld.
Voicing
Oktavverdopplungen in den Themen, volle Harmonie in Hörnern und mittleren Streichern, keine enge Terz unter C3, freier „Raum“ im Frequenzbereich der Stimme, wenn es einen Dialog gibt.
Melodie und Gesang
- Hauptthema: starker Beginn (Quint- oder Oktavsprung, punktierter Rhythmus oder Triole), Phrase von 4+4 Takten mit Höhepunkt im letzten Teil, klare Kadenz. Das Thema muss auch auf 3–4 Noten reduziert funktionieren (um es in einem Underscore zu zitieren).
- Leitmotiv: ein Thema für jede Figur oder Idee, verwandelt in Modus, Tempo, Orchestrierung (z. B. das Thema des Rings und das des Auenlands bei Shore; die Themen von Luke, Leia und des Imperiums bei Williams).
- Entwicklung: Fragmentierung (nur der Anfang), Augmentation (lange, feierliche Noten), Diminution (schnell, actionreich), Reharmonisierung (das Heldenthema in Moll im Moment der Niederlage).
- Register: Thema in den Violinen in Oktaven (D5–A6), oder Hörner im Unisono (C4–F5) oder Violoncelli (D3–A4).
- Stimmen: Chor mit Vokalisen oder lateinischen Texten; Solostimme (Frau) für die Trauer (z. B. Shore mit Enya, Annie Lennox, Renée Fleming im Herrn der Ringe); Knabenstimme für Unschuld.
- Soloinstrumente: Oboe (Gabriel's Oboe von Morricone), Horn, Violine, Violoncello, Trompete (Saving Private Ryan von Williams), Flöte.
Instrumente
- Vollständiges Sinfonieorchester: 16 Violinen I, 14 Violinen II, 12 Bratschen, 10 Violoncelli, 8 Kontrabässe (oder reduzierte Besetzungen); Holzbläser dreifach (Piccolo, Flöten, Oboen, Englischhorn, Klarinetten, Bassklarinette, Fagotte, Kontrafagott); 6–8 Hörner, 3–4 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba; Pauken und 3–4 Schlagzeuger; Harfe (1–2), Klavier, Celesta, Orgel.
- Gemischter Chor (40–100 Stimmen), Knabenchor, Solisten.
- Farbinstrumente: Gitarre, Mandoline, Cimbalom, Akkordeon, ethnische Instrumente für bestimmte Orte (Duduk, Erhu, Sitar, Uilleann Pipes).
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Augmented Strings — Streicher-Verstärkung und Layering: Weiche Schicht unter den gesampelten Streichern, um das Sustain aufzufüllen; halte den synthetischen Anteil niedrig (Mix 10–25 %), um den Realismus nicht zu verlieren.
- Augmented Voices — Füll-Chor: Ferner Chor-Pad (Vokale „oo“/„ah“) unter einem gesampelten Chor oder für die Klangebenen im Pianissimo.
- Mellotron V — Chöre und Flöten vergangener Zeiten: Für nostalgische oder Retro-Nuancen (Fantasy der 1970er); nutze die Bänder „Choir“ und „Flute“ mit wenig Vibrato und Saalhall.
- CS-80 V — Brass und elektronische Pads: Für orchestrale Soundtracks mit elektronischer Ader im Vangelis-Stil: Brass mit langsamem Attack, Vibrato über Aftertouch, leichter Chorus.
- Piano V — Orchesterklavier: Steinway oder Yamaha mit Raummikrofonen, damit es im selben Saal wie das Orchester sitzt; verwende einzelne Töne und offene Akkorde im mittleren Register.
Songaufbau
Main Title (typische sinfonische Form)
| Abschnitt | Takte | Was passiert |
|---|---|---|
| Einleitung / Fanfare | 4–8 | Blech + Pauken, Akkorde über Orgelpunkt |
| Thema A | 16 (8+8) | Hauptthema in den Hörnern oder Violinen, Streicher und Holzbläser darunter |
| Überleitung | 4–8 | Modulation, Crescendo, Paukenwirbel |
| Thema B (lyrisch) | 16 | Violinen/Violoncelli, intimerer Ton, Dynamik p–mf |
| Durchführung | 16–32 | Fragmente der Themen, Sequenzen, Kontrapunkt |
| Reprise A (Tutti) | 16 | das ganze Orchester, oft einen Ganzton höher |
| Coda | 4–12 | heroische Kadenz (bVI–bVII–I) und Schlussakkord mit Becken |
Szenen-Cues
- Dialog: Streicher-Pad, dezenter Solist, keine Percussion; allmähliches Ein- und Ausblenden.
- Action: Ostinati, Fragmente der Themen, Taktwechsel für die Hit Points.
- Emotionaler Moment: das ganze lyrische Thema, Crescendo bis zum ersten Close-up.
Konzertsuite und Album
Die Themen werden zu Stücken von 3–8 Minuten in dreiteiliger Form (A–B–A') oder als Rondo neu geordnet. Viele Suiten von Williams sind so entstanden und ins Repertoire der Orchester eingegangen.
Arrangement: Dichte
Piano → Mezzo → Tutti: Füge Oktavverdopplungen und Instrumentenfamilien eine nach der anderen hinzu; der Höhepunkt ist der einzige Moment mit dem gesamten Blech und der gesamten Percussion; nach dem Höhepunkt kehre zu einer einzelnen Farbe zurück (Oboe, Violine, Celesta).
Mixing und Mastering
Klangziel
Eine Aufnahme „aus dem Saal“: natürliche Tiefe (Streicher vorn, Holzbläser in der Mitte, Blech und Percussion hinten), breites und stabiles Stereobild, intakte Dynamik. Die Referenz ist der Klang von Abbey Road / AIR Lyndhurst oder der Sony Scoring Stage. Für den Film werden Stems geliefert; für das Album wird wie bei einer Sinfonie-Platte gemischt.
Mikrofonierung (reale Aufnahme)
- Decca Tree: drei Kugelmikrofone (traditionell Neumann M 50) in etwa 3–3,6 m Höhe über dem Dirigenten; das seitliche Paar etwa 1,5–2 m auseinander, das mittlere Mikrofon etwa 0,75 m weiter vorn. Das ist der Ausgangspunkt des Mixes.
- Outrigger: zwei Kugeln seitlich vom Orchester, auf der Linie des Trees, für die Breite (etwa 6 m zwischen ihnen).
- Ambient / Room: ein Paar Kugeln zur Saalrückseite hin für den Nachhall.
- Spot: Stützmikrofone pro Gruppe (Streicher, Holzbläser, Blech, Harfe, Celesta, Percussion), nur sehr wenig beizumischen, mit auf den Tree ausgerichteter Verzögerung (ca. 1 ms pro 34 cm).
Mixing mit Libraries (Spitfire BBC Symphony Orchestra, VSL Synchron, EastWest Hollywood Orchestra, Cinematic Studio Strings)
- Beginne mit dem Mikrofonmix „Tree“ (oder mit dem Standardmix der Library), füge Outrigger/Ambient für den Raum und eine Prise Close für die Definition hinzu (−10/−15 dB gegenüber dem Tree). Verwende für alle Gruppen derselben Library dieselbe Mikrofonwahl.
- Verschiedene Libraries mischen: Schalte die Fernmikrofone der „trockeneren“ Library aus und schicke sie an einen Hall, der den Saal der anderen nachbildet (Altiverb, Cinematic Rooms, VSL MIR Pro, das die Instrumente in einem virtuellen Saal positioniert).
- Dynamik: CC1 (Modwheel) für das Dynamik-Crossfade, CC11 für die Expression; zeichne die Kurven, lass sie nicht flach.
- Ansprechzeiten: Die Legato-Patches der Libraries haben Latenzen von 50–300 ms; ziehe die Noten vor oder nutze eine negative Spurverzögerung (prüfe die Werte im Handbuch der Library).
Streicher
- EQ: Hochpass Violinen 80–100 Hz, Bratschen 60 Hz, Violoncelli 35 Hz, Kontrabässe 25 Hz; −2 dB bei 250–350 Hz (Q 1) auf den Spots; −1,5/−2,5 dB bei 3 kHz (Q 2), wenn die Library schroff ist; Shelf +1,5 dB bei 10–12 kHz für Luft.
- Kompression: keine auf den Spots; auf dem Streicherbus höchstens 1–2 dB (Ratio 1,5:1, Attack 30–50 ms, Release auto).
- Raum: gemeinsamer Hall 2,2–2,8 s, Pre-Delay 20–30 ms.
- Panning (amerikanische Sitzordnung): Violinen I L 70, Violinen II L 30, Bratschen R 20, Violoncelli R 45, Kontrabässe R 60 (mit Tiefpass, der das untere Ende nah an der Mitte hält).
Holzbläser
- EQ: Hochpass 100–150 Hz; Flöten +1 dB bei 5–8 kHz, wenn „Luft“ nötig ist; Oboe −2 dB bei 1–1,4 kHz, wenn nasal; Fagott Hochpass bei 50 Hz.
- Raum: Pre-Delay 10–20 ms, Hallsend etwas höher als bei den Streichern.
- Panning: Flöten L 15, Oboen R 10, Klarinetten L 10, Fagotte R 15.
Blech
- EQ: Hörner Körper 250–500 Hz, −2 dB bei 600–800 Hz, wenn „kastig“; Trompeten −1,5/−3 dB bei 2–3 kHz Q 2, wenn sie schrill sind, leichter Shelf bei 8 kHz; Posaunen und Tuba Hochpass 30–35 Hz.
- Kompression: keine oder 1–2 dB auf dem Blechbus (Ratio 2:1, Attack 20–30 ms).
- Raum: weiter entfernt: Pre-Delay 5–10 ms und höherer Send.
- Panning: Hörner L 30–50, Trompeten R 15–30, Posaunen R 30–50, Tuba R 45.
Percussion
- Pauken: Hochpass 30 Hz, −2 dB bei 300–400 Hz, wenn sie dröhnen; Panning leicht L oder R, hinten; reichlich Hall.
- Große Trommel, Becken, Tamtam: Hochpass 25–30 Hz (große Trommel), 200 Hz (Becken); keine Kompression; kontrolliere die Ausklänge.
- Stabspiele: Glockenspiel und Celesta sind oft zu präsent: −3/−6 dB und −2 dB bei 3–5 kHz.
Chor und Solisten
- Chor: Hochpass 80–100 Hz, −2 dB bei 250–300 Hz, leichter De-Esser, derselbe Hall wie das Orchester; Panning Soprane L, Alte L-C, Tenöre R-C, Bässe R (oder blockweise Anordnung).
- Solist: Spot in 1–2 m Entfernung, Opto-Kompression 2:1 (2–3 dB), Plate-Hall oder kürzerer Hall (1,8 s, Pre-Delay 50–80 ms), um ihn abzuheben.
Busse und Gruppen
Bus pro Gruppe = Stem: Streicher, Holzbläser, Blech, Percussion, Harfe/Tasten, Chor, Solisten. Jeder Stem mit seinem eigenen, gedruckten Hallreturn. Ein „Orchestra“-Bus mit Balance-EQ (−1 dB bei 300 Hz, +0,5/+1 dB bei 10 kHz) und, falls nötig, einem Hauch Bandsättigung.
Sidechain
Wird in klassischer Orchestermusik nicht verwendet. Die Balance zum Dialog wird im finalen Mix mit Automation hergestellt.
Master
- Stems für den Film: kein Limiter, Spitzen unter −2 dBTP.
- Album: minimale EQ, eventuell sehr langsame Kompression (1,2:1, 0,5–1 dB), transparenter Limiter nur zur Kontrolle der Spitzen. Richtziel −18/−16 LUFS integriert (bis −14 für „modernere“ Alben), Short-Term in den Höhepunkten −10/−8, True Peak −1 dBTP, LRA 12–20 LU. Normalisiere nicht um jeden Preis auf −14: Die Dynamik ist Teil des Werks.
Häufige Fehler
- Unterschiedliche Hallräume auf jeder Gruppe (inkohärenter Raum).
- Zu hohe Close-Mikrofone (Orchester „im Gesicht“, schrille Streicher).
- Dynamik nur über die Lautstärke gezeichnet und nicht über CC1 (im Piano gespielte ff-Samples klingen unecht).
- Zu breiter Bass, Pauken, die die Kontrabässe überdecken, Glockenspiel und Becken, die die Höhen dominieren.
- Limiter auf dem Master, der die Crescendi plattdrückt.
Referenzstücke für den Mix
- John Williams – Main Title (Star Wars, 1977, London Symphony Orchestra).
- John Williams – Flying Theme (E.T., 1982).
- Howard Shore – The Bridge of Khazad-dûm (The Fellowship of the Ring, 2001).
- James Horner – For the Love of a Princess (Braveheart, 1995).
- John Powell – Test Drive (How to Train Your Dragon, 2010).
Referenz-Hörbeispiele
- Erich Wolfgang Korngold — The Adventures of Robin Hood: Main Title (1938)
- John Williams — Main Title (Star Wars, 1977)
- John Williams — Raiders March (Raiders of the Lost Ark, 1981)
- John Williams — Flying Theme (E.T., 1982)
- Ennio Morricone — Gabriel's Oboe (Mission, 1986)
- James Horner — For the Love of a Princess (Braveheart, 1995)
- John Williams — Hedwig's Theme (Harry Potter and the Philosopher's Stone, 2001)
- Howard Shore — Concerning Hobbits (The Fellowship of the Ring, 2001)
- John Powell — Test Drive (How to Train Your Dragon, 2010)
- Alan Silvestri — The Avengers (2012)
- Michael Giacchino — Married Life (Up, 2009)