Geschichte und Charakter
Dieser Eintrag fasst zwei parallele Strömungen der europäischen Commercial Dance zwischen Ende der 1990er- und den 2000er-Jahren zusammen: den deutschen Hands Up und die italienische Dance (Italo Dance), beides Erben des Eurodance.
Hands Up (auch HandzUp! oder „Dancecore“) entsteht in den frühen 2000er-Jahren in Deutschland aus Eurodance, Dance und Techno, als einige Produzenten versuchen, Trance für ein breites Publikum zugänglicher und tanzbarer zu machen. Die Merkmale: schwere Offbeat-Bässe, harte Bassdrums, Supersaw-Leads und kurze, abgehackte Synth-Riffs (oft mit Hardware wie dem Roland JP-8080), eine Pop-Struktur aus Strophe und Refrain statt der langen Builds des Techno, sentimentale weibliche oder männliche Stimmen, nach oben gepitcht, Texte über Party und Liebe, sehr viele Covers und Remixe alter Pop- und Rockhits. Pioniere wie Starsplash und Mark 'Oh bilden die Brücke zwischen Happy Hardcore und kommerziellem Trance; die großen europäischen Erfolge stammen aus der Mitte der 2000er-Jahre: Cascada („Everytime We Touch“, 2005), Scooter („Nessaja“, 2002), Groove Coverage („Moonlight Shadow“, Cover, 2002). Später nimmt Hands Up Elemente von Jumpstyle (verzerrte Kicks) und Hardstyle auf; Anfang der 2010er-Jahre geht er zugunsten von Electro und Big Room zurück, mit der Schließung der spezialisierten deutschen Clubs und dem Rückgang der Compilations.
Die Italo Dance entsteht Mitte der 1990er-Jahre in Italien als regionale Weiterentwicklung des Eurodance, mit Wurzeln im Italo Disco der 80er und im Italo House; der Höhepunkt reicht von Ende der 1990er bis Mitte der 2000er-Jahre, in Italien und San Marino sowie mit Erfolgen in Europa und Amerika. 1994 startet WEA Italia das Label IDM (Italian Dance Machine). Die Stationen: „Blue (Da Ba Dee)“ von Eiffel 65 (Ende 1998, weltweiter Erfolg 1999, Platz 6 in den USA), „Bla Bla Bla“ von Gigi D'Agostino (1999) und danach „L'amour toujours“ (2000), „Tell Me Why“ von Prezioso & Marvin und „All I Really Want“ von Kim Lukas (1999), „Geordie“ von Gabry Ponte (2002), Eiffel 65 in Sanremo 2003 mit „Quelli che non hanno età“, „Figli di Pitagora“ von Gabry Ponte mit Little Tony (2004), „Vieni con me“ von Paps'n'Skar (2005). Der Sound: positiv und euphorisch, Synthesizer- und Piano-Melodien, einfache Refrains, „metallische“ Bässe und Bassdrum im Vierertakt, Stimmen mit Vocoder und Tonhöhenkorrektur, Texte auf Englisch oder Italienisch. 2022 löst „Dove si balla“ von Dargen D'Amico ein Revival aus; die deutsche Gruppe ItaloBrothers hat den Stil fortgeführt.
Tonleitern und Tonarten
„Euphorisches“ Moll und „partytaugliches“ Dur; viele Melodien sind auf Akkordarpeggien aufgebaut. Beispiele in a-Moll (Am = i, F = VI, G = VII, C = III), fis-Moll und C-Dur.
Natürliches Moll (Äolisch)
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7. T S T T S T T.
- Auf A: A B C D E F G.
- Akkorde: i Am, ii° B°, III C, iv Dm, v Em, VI F, VII G.
- Einsatz: i–VI–III–VII und VI–VII–i: der Motor von Hands Up und Italo Dance; Supersaw-Lead, der die Dreiklänge arpeggiert.
- Hörbeispiel: die euphorische Moll-Stimmung des Hands Up (Cascada, Groove Coverage) und vieler Italo-Dance-Stücke.
- Häufige Fehler: zu „trancige“ Melodien mit langen Phrasen: Hands Up verlangt kurze, abgehackte Riffs.
Dur (Ionisch)
- Formel: 1 2 3 4 5 6 7. Auf C: C D E F G A B.
- Akkorde: I C, ii Dm, iii Em, IV F, V G, vi Am, vii° B°.
- Einsatz: sonnige Italo Dance und Pop-Covers; I–V–vi–IV, IV–V–I.
Harmonisches Moll
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 7. Auf Fis: F# G# A B C# D E#. Akkorde: i F#m, ii° G#°, III+ A+, iv Bm, V C#, VI D, vii° E#°.
- Einsatz: V-Dur vor dem Refrain; „dramatische“ Arpeggien.
Dorisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7. Auf A: A B C D E F# G. Akkorde: i Am, ii Bm, III C, IV D, v Em, #vi° F#°, VII G.
- Einsatz: i–IV in einigen „housigeren“ Stücken.
Dur- und Moll-Pentatonik
- Dur: 1 2 3 5 6 (auf C: C D E G A); Moll: 1 b3 4 5 b7 (auf A: A C D E G).
- Einsatz: Vokal-Hooks und Piano-Riffs der Italo Dance.
Wie man wählt
- Hands Up: Äolisch mit abgehackten Riffs und Supersaw.
- Sonnige Italo Dance: Dur, Piano, Vocoder.
- Pre-Refrain: harmonische V.
- Faustregel: Ein Riff muss auch mit einem Finger auf dem Klavier gespielt funktionieren: einfach, repetitiv, mit einem wiedererkennbaren Sprung.
Harmonik
- Loop aus 4 Akkorden (je ein Takt) durch das ganze Stück, mit Arrangement-Unterschieden zwischen Strophe und Refrain.
- Harmonische Riffs: Der Lead arpeggiert die Akkorde in abgehackten Achteln oder Sechzehnteln; der Offbeat-Bass spielt die Grundtöne.
- Voicing: Dreiklänge in enger Lage für die Riffs, Supersaw in Oktaven, Piano mit vollen Akkorden (Italo).
- Modulationen: Anhebung um einen Ganzton im letzten Refrain.
- Leihakkorde: harmonische V-Dur, dorische IV-Dur, bVII in Dur.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Klassischer Hands Up | a-Moll | Am F C G | i VI III VII | Abgehacktes Supersaw-Riff und Offbeat-Bass; ein Takt pro Akkord. |
| Euphorische Rotation | a-Moll | F G Am Am | VI VII i i | Hands-Up-Refrain mit weiblicher Stimme. |
| Moll mit iv | fis-Moll | F#m Bm E A | i iv VII III | Melancholische Bewegung, in der Italo Dance sehr häufig. |
| Italo-Dur | C-Dur | C G Am F | I V vi IV | Sonnige Refrains und Pop-Covers. |
| Harmonischer Anlauf | fis-Moll | D E C# C# | VI VII V V | Pre-Refrain mit der Dominante. |
| Italo-Piano | C-Dur | Am F C G | vi IV I V | Repetierter Pianoturnaround „à la L'amour toujours“ (Stil, keine Transkription). |
Rhythmus und Groove
- Hands Up: Four on the floor bei 138–155 mit schwerem Offbeat-Bass; harte Bassdrum; kein Swing.
- Italo Dance: langsamerer Four on the floor (etwa 128–140, Erfahrungswert), „metallischer“ Bass in Achteln oder auf dem Offbeat.
- Pop-Struktur: Strophe–Refrain; kurze Breakdowns; Builds kürzer als im Trance.
- Jumpstyle (Ende der 2000er): verzerrte Kicks und „Jump“-Patterns in einigen Hands-Up-Stücken.
Schlagzeug
Konvention: 16 Sechzehntel; Viertel auf 1, 5, 9, 13. Referenzrhythmus r-eurodance (bei höherem Tempo für Hands Up).
Bassdrum
- Sechzehntel 1, 5, 9, 13: harte, kurze Bassdrum (Hands Up) mit markantem Klick, Körper 55–70 Hz; in der Italo Dance weicher und „metallischer“.
Snare und Clap
- Sechzehntel 5 und 13: brillanter Clap, oft das einzige Backbeat-Element; mittlerer Plate-Reverb.
Hi-Hat und Percussion
- Open Hat auf dem Offbeat (3, 7, 11, 15), der sich mit dem Offbeat-Bass „verheiratet“; geschlossene Hats in Sechzehnteln; Crash alle 8 Takte; sehr wenig Percussion.
Dynamik und Groove
- Gleichmäßige Velocity; der Groove ist Bassdrum (Downbeat) + Bass und Open Hat (Offbeat).
Zusammenspiel mit Bass und Stimme
- Offbeat-Bass: eine Note auf jedem Offbeat (3, 7, 11, 15), die zusammen mit der Bassdrum auf dem Downbeat das klassische „Tum-pa tum-pa“ ergibt. Die Strophen können den Open Hat weglassen.
Wie sich das je Abschnitt ändert
- Intro: Bassdrum + Bass + gefiltertes Riff; Strophe: Stimme, reduziertes Schlagzeug; Refrain: alles + Crash; Breakdown: ohne Bassdrum, Riff am Klavier oder Pad; letzter Refrain angehoben.
Fills und Übergänge
- Snare-Roll in Sechzehnteln in den letzten 2 Takten vor dem Refrain; Reverse Crash; ein Takt Stopp mit der Stimme.
Klangauswahl
- „Harte“ Bassdrums (Hands Up), Claps der 2000er, brillante Open Hats; für die Italo leichtere Kits.
Typische Fehler
- Bass nicht exakt auf dem Offbeat (der Groove bricht zusammen); zu lange Bassdrum, die mit dem Bass kollidiert; zu viele Elemente.
Bass
- Offbeat-Bass: Sägezahn oder Rechteck mit halb geschlossenem Filter und kurzem Decay (100–150 ms), eine Note auf jedem Offbeat; in der Italo Dance „metallischer“ Bass (brillanter Sägezahn mit Resonanz oder FM-Klang).
- Töne: Grundtöne der Progression, manchmal wechselnde Oktave.
- Register: 50–250 Hz.
- Sidechain: leicht oder gar nicht; der Offbeat vermeidet die Kollision mit der Bassdrum bereits.
Harmonieinstrumente
- Supersaw (Roland JP-8080 und Virtual Analog der Zeit): Lead und Akkorde.
- Piano: repetierte Riffs und Akkorde (Italo Dance).
- Pad und Streicher: Breakdown.
- „Metallische“ Synthesizer: Plucks, Glöckchen, Vocoder.
- Mittleres bis hohes Register; Dreiklänge in enger Lage.
Melodie und Gesang
- Stimmen: sentimentale weibliche (Cascada) oder nach oben gepitchte männliche (Hands Up); Italo Dance mit männlichen oder weiblichen Stimmen, mit Vocoder und deutlicher Tonhöhenkorrektur behandelt (Eiffel 65, Gigi D'Agostino), Texte auf Englisch oder Italienisch.
- Hook: einfacher, repetitiver Refrain; Synth-Riff als Post-Refrain.
- Backing Vocals: Doppelungen in den Refrains.
- Effekte: Vocoder, „robotische“ Pitch Correction, Delay 1/8, Plate-Reverb.
Instrumente
- Drumcomputer/Samples (harte Bassdrum, Clap, Open Hat, Crash), Offbeat-Bass, Supersaw (JP-8080), Piano, Pad, Vocoder, weibliche oder gepitchte männliche Stimme.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Jup-8 V — Supersaw und abgehackte Riffs: Zwei verstimmte Sägezähne mit Unison, Attack 0, Decay 200 ms, niedriger Sustain für die abgehackten Riffs; langer Release für die Akkorde.
- OP-Xa V — Breite Supersaws: Weites Unison und Detune: „Hands-Up“-Lead.
- Mini V — Offbeat-Bass: Sägezahn mit halb geschlossenem Filter und kurzem Decay.
- Vocoder V — Robotische Italo-Stimme: Vocoder mit Sägezahn-/Supersaw-Träger: der Stimmklang von „Blue (Da Ba Dee)“ und der Italo-Stücke (Stil).
- Piano V — Italo-Piano: Brillantes, komprimiertes Klavier für die repetierten Riffs.
- DX7 V — Metallischer Bass und Plucks: „Metallische“ FM-Bässe und Glöckchen, typisch für die italienische Dance.
Songaufbau
| Abschnitt | Takte | Was passiert |
|---|---|---|
| Intro | 8–16 | Bassdrum, Bass, gefiltertes Riff |
| Strophe | 16 | Stimme, reduziertes Schlagzeug |
| Pre-Refrain | 8 | Snare-Roll, V-Dur |
| Refrain | 16 | Stimme, Supersaw, voller Mix |
| Instrumental-Riff | 8–16 | Supersaw- oder Piano-Hook |
| Strophe 2 | 16 | |
| Refrain | 16 | |
| Breakdown | 8–16 | Ohne Bassdrum, Piano oder Pad |
| Letzter Refrain | 16 | Oft angehoben |
| Outro | 8–16 | Bassdrum und Riff |
- Radio Edit 3:15–3:45; Extended 5–6 Minuten.
Mixing und Mastering
Klangziel
- Brillant und kraftvoll, klare Bassdrum und Offbeat-Bass, breite Supersaws, Stimme im Vordergrund; für die 2000er-Standards hohe Lautheit.
- Referenzen: Cascada, Scooter, Eiffel 65, Gigi D'Agostino.
Bassdrum
- EQ: Hochpass 30 Hz, +2 dB bei 60 Hz, −3 dB bei 300 Hz, +3 dB bei 3–4 kHz; leichter Clipper; mono.
Snare und Clap
- EQ: Hochpass 200 Hz, +2 dB bei 250 Hz, +3 dB bei 5 kHz; Kompression 4:1; Plate-Reverb 1 s.
Hi-Hat und Percussion
- Open Hat Hochpass 500 Hz, +2 dB bei 10 kHz; geschlossene Hats bei ±20 %.
Offbeat-Bass
- Hochpass 35 Hz, +2 dB bei 80–100 Hz, mono, leichte Kompression.
Supersaw, Piano, Pad
- Supersaw: Hochpass 200 Hz, −2 dB bei 2–3 kHz für die Stimme, De-Esser 8 kHz, Breite 140 %; Hall-Reverb 2 s.
- Piano: Hochpass 100 Hz, +3 dB bei 2 kHz, Kompression, Plate-Reverb.
Hauptstimme
- EQ: Hochpass 100 Hz, −2 dB bei 300 Hz, +3 dB bei 3–5 kHz, Air +2 dB bei 12 kHz; starke Kompression (FET 6 dB + Opto 2 dB); De-Esser; Plate 1,5 s; Delay 1/8.
- Typische Effekte: Pitch Correction mit maximaler Korrekturgeschwindigkeit (robotischer Effekt, Italo), Vocoder; männliche Stimme um +3/+5 Halbtöne gepitcht (Hands Up).
Backing Vocals
- Doppelungen bei ±80 %, −6 dB.
FX
- Sweeps, Reverse Crashes.
Busse und Gruppen
- Drum-Bus; Synth-Bus mit Glue; Vocal-Bus.
Sidechain
- Leicht (2–4 dB) von der Bassdrum auf Supersaw und Pad.
Master
- Kette: EQ → Glue → Limiter.
- Richtwerte: Original-Produktionen etwa −8/−7 LUFS integriert; Revival −7/−6; True Peak −1 dBTP.
Häufige Fehler
- Supersaws zu schrill bei 3–5 kHz; Stimme verdeckt; Bass, der dem Offbeat nicht exakt folgt.
Referenzstücke für den Mix
- Eiffel 65 — Blue (Da Ba Dee) (1998); Gigi D'Agostino — L'amour toujours (2000); Cascada — Everytime We Touch (2005).
Referenz-Hörbeispiele
- Eiffel 65 — Blue (Da Ba Dee) (1998)
- Gigi D'Agostino — Bla Bla Bla (1999)
- Prezioso & Marvin — Tell Me Why (1999)
- Gigi D'Agostino — L'amour toujours (2000)
- Gabry Ponte — Geordie (2002)
- Scooter — Nessaja (2002)
- Groove Coverage — Moonlight Shadow (2002)
- Cascada — Everytime We Touch (2005)