Geschichte und Charakter
Big Room House ist das EDM-Subgenre, das für die größten Bühnen entworfen wurde: Festivals und Arenen. Die kulturellen Wurzeln liegen in Europa (Schweden, Norwegen, Niederlande) Ende der 2000er Jahre, in der Kreuzung aus Electro House, Progressive House, Dutch House, Tech House, Trance, Techno, Hardstyle und Hard House. Der Begriff „Big Room“ taucht bereits um 2007 in Artikeln auf, aber die heutige Form definiert sich zwischen 2010 und 2012, als das Wachstum der EDM die Produzenten dazu drängt, für riesige Räume zu schreiben. „Epic“ von Sandro Silva & Quintino (2011) und „Cannonball“ von Showtek & Justin Prime tragen dazu bei, die Formel festzulegen; 2013 ist „Animals“ von Martin Garrix der erste Track, mit dem die Presse ausdrücklich das Etikett „Big Room“ verbindet.
Die goldenen Jahre sind 2012–2016: Hardwell (Revealed Recordings, „Spaceman“, 2012), Martin Garrix, Dimitri Vegas & Like Mike („Tremor“ mit Garrix, 2014), KSHMR, W&W, Blasterjaxx, R3HAB, Quintino, Nicky Romero, Showtek, Bassjackers, Timmy Trumpet; die maßgeblichen Labels sind Spinnin' Records und Revealed. Schon 2014 veröffentlicht EDM.com „Why Big Room House Is Already Dead“, und die Kritik an der Formel (lauter gleiche Drops) ist konstant; Beatport führt 2016 dennoch die Kategorie „Big Room“ ein. 2016 veröffentlichen David Guetta und Showtek nicht zufällig „The Death of EDM“.
Merkmale: sehr lange Builds, die zu einem Drop im Electro-Stil führen, riesige Four-on-the-Floor-Kick, einfache und minimale Melodien, oft mit einem „Techno“-Supersaw, minimaler Bass und minimales Schlagzeug, Hall wie in einem großen Saal („large-hall reverb“), Struktur mit zwei Builds, zwei Drops und einem oder zwei Breakdowns, für Radio Edits angepasst. Der typische Drop besteht fast nur aus Kick + perkussivem Lead + Tribal-Toms.
Tonleitern und Tonarten
Der Big Room verwendet im Drop sehr wenige Töne und äolische Progressionen in den Breakdowns. Beispiele in f-Moll und a-Moll (in a-Moll: Am = i, F = VI, G = VII, C = III).
Natürliches Moll (Äolisch)
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7. T S T T S T T. In F: F G Ab Bb C Db Eb.
- Akkorde: i Fm, ii° G°, III Ab, iv Bbm, v Cm, VI Db, VII Eb.
- Einsatz: Breakdown mit Klavier und Supersaw über i–VI–III–VII; im Drop der Grundton und 1–2 Töne (b3, b7, 5).
- Hörbeispiel: die melodischen Breakdowns von Hardwell und Martin Garrix vor den perkussiven Drops.
Moll-Pentatonik
- Formel: 1 b3 4 5 b7. Halbtonschritte 3-2-2-3-2. In F: F Ab Bb C Eb.
- Einsatz: der Lead des Drops: Riff aus 2–4 Tönen, Oktaven, Sprünge zur Quinte und b7.
- Häufige Fehler: zu melodischer Lead im Drop: Im Big Room ist der Drop ein Rhythmus, keine Melodie.
Phrygisch („dunkle“ Leads)
- Formel: 1 b2 b3 4 5 b6 b7. In F: F Gb Ab Bb C Db Eb. Akkorde: i Fm, bII Gb, III Ab, iv Bbm, v° C°, VI Db, vii Ebm.
- Einsatz: „dunkle“ Drops mit dem Halbton F–Gb.
Harmonisches Moll und Phrygisch dominant
- Harmonisches Moll in F: F G Ab Bb C Db E (V-Dur C). Phrygisch dominant in C: C Db E F G Ab Bb.
- Einsatz: „orientalische“ Leads und Trompeten (Timmy Trumpet, KSHMR), Builds mit V-Dur.
Dur (Anthem)
- Formel: 1 2 3 4 5 6 7. In C: C D E F G A H. Einsatz: Vocal-Anthems und „euphorische“ Breakdowns.
Wie man wählt
- Drop: Moll-Pentatonik (2–4 Töne) oder Phrygisch für den dunklen Charakter.
- Breakdown: Äolisch mit vollständiger Progression.
- Exotische Farbe: harmonisches Moll / Phrygisch dominant.
Harmonik
- Drop fast ohne Harmonik: perkussiver Lead auf dem Grundton, Kick und Toms; die Harmonik ist implizit.
- Volle Breakdowns: äolische Progression aus 4 Akkorden mit Klavier, Supersaw und Stimme.
- Build: Progression, die auf der V oder der VII stehen bleibt; Snare-Roll und Riser; letztes Viertel leer.
- Harmonischer Rhythmus: Breakdown 1 Akkord pro Takt; Drop Orgelpunkt.
- Voicings: Supersaw über 3 Oktaven; im Drop Lead in Oktaven.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Äolischer Breakdown | f-Moll | Fm Db Ab Eb | i VI III VII | Klavier und Supersaw im Breakdown; ein Takt pro Akkord. |
| Schwebender Build | f-Moll | Db Eb Eb Eb | VI VII VII VII | Der Build „bleibt“ vor dem Drop auf der VII stehen. |
| Build mit Dominante | f-Moll | Db Eb C C | VI VII V V | Das C-Dur des harmonischen Moll steigert die Spannung. |
| Drop über Orgelpunkt | f-Moll | Fm Fm Fm Fm | i i i i | Der Drop: fester Grundton, Lead aus 2–4 Tönen. |
| Anthem in Dur | C-Dur | F G Am C | IV V vi I | „Euphorischer“ Festival-Breakdown. |
| Andalusischer Abstieg | a-Moll | Am G F E | i VII VI V | Exotischer und dramatischer Lead in den Breakdowns. |
Rhythmus und Groove
- Four on the Floor bei 128, starres Raster, kein Swing.
- Drop: Viertel-Kick, Clap auf 2 und 4, Open Hat im Offbeat, Tribal-Toms in Sechzehnteln als Füllung.
- Lange Builds: Snare-Roll, der beschleunigt (Viertel → Achtel → Sechzehntel → Zweiunddreißigstel) über 8–16 Takte; Pitch-Riser; „Kick-Roll“ in den letzten Vierteln.
- Rhythmischer Lead des Drops: oft in synkopierten Sechzehnteln oder in Achteln mit Offbeat-Akzenten.
Schlagzeug
Konvention: 16 Sechzehntel; Viertel auf 1, 5, 9, 13.
Kick
- Sechzehntel 1, 5, 9, 13 (wie r-bigroom): riesige, lange Kick (300–450 ms), Körper 45–60 Hz, „Punch“ 100–200 Hz, Klick 3–6 kHz; oft auf den Grundton gestimmt; Layer aus mehreren Kicks.
- Im Drop ist die Kick oft das lauteste Element des Mixes.
Snare und Clap
- Sechzehntel 5 und 13: geschichtete, breite Claps und Snares mit Hall wie in einem großen Saal. In manchen Drops liegt der Clap nur auf der 2.
Hi-Hat und Percussion
- Open Hat im Offbeat (3, 7, 11, 15); Crash auf der 1 der Phrase; Tribal-Toms (Spur toml von r-bigroom: Sechzehntel 15–16 und Varianten in Sechzehnteln) als Signatur des Drops; Shaker.
Dynamik und Groove
- Gleichmäßige Velocitys; die Dynamik liegt zwischen den Abschnitten, nicht zwischen den Schlägen.
Zusammenspiel mit Bass und Lead
- Minimaler oder fehlender Bass im Drop (der Sub der Kick fungiert als Bass); perkussiver Lead in den Lücken zwischen den Kicks; starker Sidechain auf allem.
Wie es sich je nach Abschnitt ändert
- Intro: Kick + Percussion über 16–32 Takte.
- Breakdown: keine Kick; Klavier, Pad, Stimme.
- Build: Snare-Roll, Riser, Kick, die in Vierteln wiederkehrt, dann in Achteln, dann in den letzten 2 Vierteln in Sechzehnteln; Vocal-„Drop“; Stille.
- Drop: Kick + Clap + Open Hat + Toms + Lead.
Fills und Übergänge
- Kick-Roll, Snare-Roll mit steigendem Pitch, White-Noise-Sweep, Reverse-Crash, Impact auf dem ersten Schlag.
Klangauswahl
- Lange, kraftvolle „Big Room“-Kicks, breite Claps, tiefe Toms, lange Crashes.
Typische Fehler
- Kurze Kick (es fehlt das Festival-„Boom“); Build ohne finale Stille; zu viele Elemente im Drop; Toms, die die Kick überdecken.
Bass
- Sub der Kick: Der Ausklang der Kick fungiert im Drop als Bass.
- Offbeat-Bass in den Progressive-Abschnitten (Offbeats 3, 7, 11, 15), gefilterter Sägezahn.
- Töne: Grundton und Grundtöne; wenige Töne.
- Sidechain: sehr stark von der Kick.
- Lage: 40–120 Hz.
Harmonieinstrumente
- Supersaw und Pads in den Breakdowns; Klavier; Streicher; „Techno“-Stabs (kurze Supersaws) im Drop.
- Im Drop sehr wenig Harmonik.
Melodie und Gesang
- Lead des Drops: perkussive Riffs aus 1–4 Tönen, oft mit Pitch Bend, „Screech“- oder „Techno-Lead“-Sounds (kurzer Supersaw) oder Trompeten (Timmy Trumpet).
- Stimmen: „Hype“-Vocal-Samples („put your hands up“, „jump“), Pop-Topline in den Breakdowns der Vocal-Tracks.
- Effekte: Hall wie in einem großen Saal, 1/4-Delay auf dem Lead, Hochpassfilter im Build.
Instrumente
- Big-Room-Kick, Clap, Open Hat, Tribal-Toms, Crash; perkussive Leads, Supersaw, Pads, Klavier, Streicher, Stimme und Vocal-Samples, FX (Riser, Impacts, Sweeps).
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- OP-Xa V — „Techno“-Lead und Supersaw: Großes Unison, offenes Filter, kurzer Decay für die perkussiven Leads; lange Release für die Breakdowns.
- Korg MS-20 V — Screech-Lead: Rechteck mit Drive und resonantem Filter: aggressive und „quietschende“ Leads des Dutch/Big Room.
- Jup-8 V — Pad und Breakdown-Supersaw: Verstimmte Sägezähne mit Chorus.
- Piano V — Breakdown: Klavier mit Hall-Raum.
- Augmented Strings — Streicher: Epische Breakdowns.
Songaufbau
Von Wikipedia angegebene Struktur: zwei Builds, zwei Drops, ein oder zwei Breakdowns, für Radio Edits angepasst.
| Abschnitt | Takte | Was passiert |
|---|---|---|
| Intro | 16–32 | Kick, Percussion, Crash |
| Breakdown 1 | 16 | Klavier, Pad, Stimme |
| Build 1 | 8–16 | Snare-Roll, Riser, Kick-Roll, Stille |
| Drop 1 | 16–32 | Kick + perkussiver Lead + Toms |
| Breakdown 2 | 16 | Vollständige Melodie mit Supersaw |
| Build 2 | 8–16 | Größere Spannung |
| Drop 2 | 16–32 | Variierter Drop |
| Outro | 16 | Kick und Percussion |
Mixing und Mastering
Klangziel
- Gigantische Kick, ein Lead, der „schneidet“, Arena-Hall; extrem hohe Lautheit; Drop spürbar lauter als der Breakdown.
- Referenzen: Hardwell, Martin Garrix, Dimitri Vegas & Like Mike.
Kick
- EQ: Hochpass 25 Hz, +3 dB bei 50 Hz, +1 dB bei 120 Hz, −4 dB bei 300–500 Hz, +2 dB bei 4 kHz.
- Clipper 2–4 dB; Sättigung für Obertöne; mono.
Snare und Clap
- EQ: Hochpass 200 Hz, +2 dB bei 250 Hz, +3 dB bei 3 kHz; Kompression + Clipper; Hall-Raum 1,5–2,5 s, Breite 130 %.
Hi-Hat, Toms und Percussion
- Open Hat Hochpass 600 Hz; Toms: Hochpass 60 Hz, +2 dB bei 100–200 Hz, Hall-Raum; Panning der Toms 20–40 %.
Bass
- Sub/Offbeat mono, Sidechain 8–12 dB von der Kick.
Lead, Supersaw, Pad
- Lead: Hochpass 200 Hz, Präsenz bei 2–4 kHz, Sättigung, kurzer Hall-Raum (1–1,5 s) + 1/4-Delay; Breite 130 %; Sidechain 4–6 dB.
- Breakdown-Supersaw: Hochpass 150 Hz, langer Hall.
Stimme und Samples
- Hochpass 120 Hz, starke Kompression, Präsenz bei 3 kHz; Hall und Delay in den Breakdowns.
Chöre
- Breite Doppelungen in den Breakdowns.
FX
- Lange Riser und Sweeps; Impacts mit kontrolliertem Sub.
Busse und Gruppen
- Drum-Bus mit Clipper; Music-Bus mit Sidechain; FX-Bus.
Sidechain
- Kick → alles (Bass, Lead, Pad, Hallräume).
Master
- Kette: EQ → Glue → Clipper → Limiter.
- Richtwerte: −5/−4 LUFS integriert fürs Festival; True Peak −0,3 dBTP für Club-Dateien, −1 fürs Streaming.
Häufige Fehler
- Hörbares Clipping auf der Kick; schriller Lead bei 3–5 kHz; Hallräume ohne Sidechain, die den Drop verschmieren.
Referenztitel für den Mix
- Martin Garrix — Animals (2013); Hardwell — Spaceman (2012); Dimitri Vegas & Like Mike vs. Martin Garrix — Tremor (2014).
Referenz-Hörbeispiele
- Sandro Silva & Quintino — Epic (2011)
- Showtek & Justin Prime — Cannonball
- Hardwell — Spaceman (2012)
- Martin Garrix — Animals (2013)
- Dimitri Vegas & Like Mike vs. Martin Garrix — Tremor (2014)