Geschichte und Charakter
Eurodance entsteht Ende der 1980er-Jahre in Mitteleuropa, vor allem in Deutschland, wo eine wachsende Rave-Szene Chicago House und belgischen New Beat aufnimmt (1989 gründen Westbam und Dr. Motte die Love Parade in Berlin). Im selben Jahr formieren sich in Frankfurt die Snap!, denen man die Geburt des Genres zuschreibt: Hip-Hop- und Soul-Stimmen über einer House-Elektronik-Produktion. „The Power“ (1990) erreicht Platz eins in den Niederlanden, in Spanien, in der Schweiz und im Vereinigten Königreich; mit „Rhythm Is a Dancer“ (1992) und „It's My Life“ von Dr. Alban (1992) entstehen Gruppen in ganz Europa, besonders in Belgien, den Niederlanden und Italien.
Die „Golden Era“ ist 1992–1995: 2 Unlimited („No Limit“, 1993), Haddaway („What Is Love“, 1993), Culture Beat, Technotronic, Jam & Spoon, Real McCoy („Another Night“, 1994), Rednex („Cotton Eye Joe“, 1994), Scatman John (1994), La Bouche („Be My Lover“, Platz 6 in den USA). Italien spielt eine zentrale Rolle: Gianfranco Bortolotti von Cappella gründet in Brescia die Media Records mit rund fünfzehn Studios für europäische Commercial Dance, später einen britischen Ableger (aus dem Nukleuz hervorgeht); aus Italien kommen Corona, Alexia, Double You, Whigfield, DJ Dado, Gala und die Italo-Dance-Strömung. Die Formel: Pop-Struktur aus Strophe und Refrain, oft mit männlichem Rapper in den Strophen und Sängerin im Refrain (Frontmänner häufig englischsprachig und afroamerikanischer oder britischer Herkunft, europäische Produzenten), melodische Synthesizer, einfache, synkopierte Bässe, Drumcomputer im Four-on-the-Floor zwischen 120 und 150 BPM, hedonistische Texte über Liebe und Party.
Ab 1996 geht das Genre zurück: Produzenten und Sänger wechseln zu Happy Hardcore und House, der klassische Sound geht in Progressive auf, und 1997 überholen House und Trance den Eurodance in den europäischen Charts. In den frühen 2000er-Jahren wechselt der Mainstream zu Electro House, Dance-Pop und R&B, während in Deutschland Hands Up entsteht und in Italien die Italo Dance weiterlebt. Revival: Die Parodie „Planet of the Bass“ von Kyle Gordon (2023) weckt neues Interesse; viele Dance-Pop-Songs der 2020er-Jahre zitieren den Eurodance.
Tonleitern und Tonarten
Eurodance steht zum allergrößten Teil in Moll, mit „epischen“ Refrains und einprägsamen Synth-Riffs. Beispiele in g-Moll und a-Moll (in a-Moll: Am = i, F = VI, G = VII, C = III).
Natürliches Moll (Äolisch)
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 b7. T S T T S T T.
- Auf G: G A Bb C D Eb F.
- Akkorde: i Gm, ii° A°, III Bb, iv Cm, v Dm, VI Eb, VII F. Septakkorde: Gm7, Am7b5, Bbmaj7, Cm7, Dm7, Ebmaj7, F7.
- Einsatz: i–VI–VII (Gm–Eb–F), i–VI–III–VII, i–iv–VII–III; Synth-Riffs auf den Akkordtönen, wobei die b6 zur 5 hinabsteigt.
- Hörbeispiel: die Moll-Stimmung, „melancholisch, aber tanzbar“, von „What Is Love“ (Haddaway) und den Hits von 1993–94.
- Häufige Fehler: „fröhliche“ Dur-Progressionen ohne Kontrast: klassischer Eurodance lebt von Moll + Energie.
Harmonisches Moll
- Formel: 1 2 b3 4 5 b6 7. T S T T S T½ S. Auf G: G A Bb C D Eb F#.
- Akkorde: i Gm, ii° A°, III+ Bb+, iv Cm, V D, VI Eb, vii° F#°.
- Einsatz: V-Dur (D) am Ende des Pre-Refrains; Riffs mit dem Leitton (F#) für eine „dramatische“ Farbe.
Dorisch
- Formel: 1 2 b3 4 5 6 b7. Auf A: A B C D E F# G. Akkorde: i Am, ii Bm, III C, IV D, v Em, #vi° F#°, VII G.
- Einsatz: i–IV in den Rap-Strophen; „funkigere“ Farbe (Snap!, Technotronic).
Dur („Happy“-Eurodance)
- Formel: 1 2 3 4 5 6 7. Auf C: C D E F G A B. Akkorde: I C, ii Dm, iii Em, IV F, V G, vi Am, vii° B°.
- Einsatz: leichtere Stücke (Whigfield, Scatman, die Novelty-Hits).
Moll-Pentatonik
- Formel: 1 b3 4 5 b7. Auf G: G Bb C D F.
- Einsatz: Rap-Strophen und einfache Vokal-Hooks.
Wie man wählt
- Klassisch 1992–95: Äolisch mit i–VI–VII und harmonischer V vor dem Refrain.
- Funky / Rap-Strophe: Dorisch.
- Novelty und Happy: Dur.
- Faustregel: Synth-Riff = Akkordtöne + ein Durchgangston (2 oder b6).
Harmonik
- Loop aus 3–4 Akkorden durch das ganze Stück, je ein Takt (bei 135 BPM = 1,8 s).
- Strophe und Refrain über derselben Progression, unterschieden durch Arrangement und Stimme (Rap vs. Gesang).
- Pre-Refrain mit iv–V oder VI–VII, um den Refrain anzuschieben.
- Voicing: Stabs und Pads im mittleren Register, Akkorde in enger Lage (Dreiklänge), Synth-Riff eine Oktave darüber; der Bass spielt die Grundtöne in Achteln.
- Modulationen: Anhebung um einen Ganzton im letzten Refrain, sehr häufig.
- Leihakkorde: harmonische V-Dur, dorische IV.
Typische Akkordfolgen
| Name | Tonart | Akkorde | Stufen | So setzt du es ein |
|---|---|---|---|---|
| Klassischer Eurodance | g-Moll | Gm Eb F Gm | i VI VII i | Der „Golden-Era“-Turnaround: ein Takt pro Akkord, Bass in Achteln auf dem Offbeat. |
| Epischer Zyklus | g-Moll | Gm Eb Bb F | i VI III VII | Refrains mit weiblicher Stimme. |
| Mit iv | g-Moll | Gm Cm F Bb | i iv VII III | „Melancholische“ Bewegung, typisch für die Stücke von 1993–94. |
| Harmonischer Anlauf | g-Moll | Cm D | iv V | Pre-Refrain: Das D-Dur (harmonisches Moll) bereitet den Refrain vor. |
| Dorische Rap-Strophe | A-Dorisch | Am D Am D | i IV i IV | Funkigere Rap-Strophen. |
| Happy-Dur | C-Dur | C G Am F | I V vi IV | „Novelty“-Eurodance und poppigere Italo Dance. |
| Andalusischer Abstieg | a-Moll | Am G F E | i VII VI V | Dramatische Farbe in den Breakdowns. |
Rhythmus und Groove
- Four on the floor bei 120–150, gerades Raster; Bass in Achteln auf dem Offbeat, der den „Galopp“ erzeugt.
- Rap-Strophen mit kargerem Schlagzeug; Refrains mit allem.
- Offbeat-Akzente durch Open Hat und Bass; Snare/Clap auf 2 und 4.
- Swing: 0.
Schlagzeug
Konvention: 16 Sechzehntel; Viertel auf 1, 5, 9, 13. Referenzrhythmus r-eurodance.
Bassdrum
- Sechzehntel 1, 5, 9, 13: kurze, volle Bassdrum aus dem Drumcomputer (909 oder Sampler der Zeit), Körper 60–80 Hz, klarer Klick; nicht lang wie im Big Room.
Snare, Clap und Tamburin
- Sechzehntel 5 und 13: Snare + Clap + Tamburin; brillante elektronische Snare mit Gated Reverb oder kurzem Plate.
Hi-Hat und Percussion
- Open Hat auf dem Offbeat (3, 7, 11, 15); geschlossene Hats in Sechzehnteln, wobei die zweite jedes Viertels weggelassen wird („x.xxx.xxx.xxx.xx“); Crash am Anfang jeder 8er-Phrase; leichte lateinamerikanische Percussion (Conga, Shaker) in den „housigeren“ Stücken.
Dynamik und Groove
- Gleichmäßige Velocity wie beim Drumcomputer; Akzente auf den Open Hats.
Zusammenspiel mit Bass und Stimme
- Bass in Achteln auf dem Offbeat (Sechzehntel 3, 7, 11, 15) oder in vollen Achteln mit wechselnden Oktaven: Die Bassdrum auf dem Downbeat, der Bass auf dem Offbeat. Die Rap-Strophen lassen die Open Hats weg und behalten Bassdrum, Snare und Bass.
Wie sich das je Abschnitt ändert
- Intro: Bassdrum + Synth-Riff; Strophe (Rap): reduziertes Schlagzeug; Pre: Wirbel; Refrain: volles Schlagzeug + Crash; Breakdown: ohne Bassdrum, nur Synth und Stimme, dann Wirbel und letzter Refrain.
Fills und Übergänge
- Snare-Wirbel in Sechzehnteln im letzten Takt vor dem Refrain; ein Takt Stopp mit nur der Stimme; Crash + Reverse Crash.
Klangauswahl
- Drumcomputer der 90er (909, Samples von Korg M1 und Roland), brillante Claps, Tamburin.
Typische Fehler
- Zu lange moderne Bassdrum (klingt nach Big Room); keine Open Hats (der Eurodance-Groove verschwindet); Bass nicht auf dem Offbeat.
Bass
- Offbeat-Bass in Achteln oder in Achteln mit wechselnden Oktaven; Sägezahn oder Rechteck mit halb geschlossenem Filter, etwas Resonanz.
- Töne: Grundtöne der Progression; Oktaven.
- Rhythmus: „simple, syncopated“ (Wikipedia); die Synkope ist der Offbeat.
- Register: 50–200 Hz; kein separater tiefer Sub wie im modernen EDM.
- Sidechain: im Original nicht vorhanden oder leicht; in modernen Produktionen im Eurodance-Stil leichter Sidechain.
Harmonieinstrumente
- Melodische Synthesizer: Lead-Riffs (Sägezahn, Rechteck, „Hoover“), Akkord-Stabs, Pads; House-Piano (das Piano des Korg M1) in den „housigeren“ Stücken; synthetische Streicher.
- Mittleres bis hohes Register; Dreiklänge in enger Lage.
Melodie und Gesang
- Weibliche Stimme im Refrain: kraftvoll, mittleres bis hohes Register (C4–C5), einfache, repetitive Melodie.
- Männlicher Rap in den Strophen: auf Englisch, oft einfach und rhythmisch.
- Synth-Riff: oft der eigentliche Hook (instrumental zwischen den Refrains).
- Backing Vocals: Doppelungen im Refrain, Harmonien in Terzen.
- Effekte: mittlerer Plate-/Hall-Reverb, Delay auf 1/8, komprimierte, brillante Stimme.
Instrumente
- Drumcomputer (909, M1), Synthesizer (Korg M1, Roland JD-800, Juno, Sampler), Synthbass, House-Piano, synthetische Streicher, weibliche Stimme, männlicher Rap.
Drum-Patterns
Synthesizer und Sounds
- Jun-6 V — Riff und Stabs: Sägezahn + Rechteck mit Chorus, Filter mit mittlerer Hüllkurve: typische Eurodance-Synth-Riffs und -Stabs.
- Jup-8 V — Lead und Pad: Breite Leads mit zwei verstimmten Sägezähnen; Pads mit mittlerem Release.
- Mini V — Offbeat-Bass: Sägezahn mit halb geschlossenem Filter, kurzer Decay: Bass auf dem Offbeat.
- Piano V — House-Piano: Repetierte Akkorde im „M1-Piano“-Stil (nimm ein brillantes Piano mit EQ +3 dB bei 2–3 kHz und Kompression).
- Solina V — Synthetische Streicher: Streicher-Pad für die Breakdowns.
- Prophet-VS V — Digitale Pads der 90er: Digitale Wellenformen für Pads „à la M1/Wavestation“.
Songaufbau
| Abschnitt | Takte | Was passiert |
|---|---|---|
| Intro | 8–16 | Bassdrum + Synth-Riff |
| Strophe (Rap) | 16 | Reduziertes Schlagzeug, Bass, männlicher Rap |
| Pre-Refrain | 4–8 | Wirbel, iv–V |
| Refrain | 16 | Weibliche Stimme, voller Mix |
| Instrumental-Riff | 8 | Synth-Hook |
| Strophe 2 (Rap) | 16 | Wie die erste |
| Refrain | 16 | |
| Breakdown | 8 | Ohne Bassdrum, nur Stimme und Synth |
| Letzter Refrain | 16 | Oft einen Ganzton höher |
| Outro | 8 | Riff |
- Radiolänge 3:30–4:00; Extended Mix 5–6 Minuten mit Intro und Outro für den DJ.
Mixing und Mastering
Klangziel
- Brillant, sauber, „radiotauglich“: klare Bassdrum und Snare, deutlicher Offbeat-Bass, Synth und Stimme im Vordergrund; weniger Sub und weniger Lautheit als im modernen EDM.
- Referenzen: Snap!, 2 Unlimited, Haddaway, Corona.
Bassdrum
- EQ: Hochpass 30 Hz, +2 dB bei 60–80 Hz, −2 dB bei 300 Hz, +2 dB bei 3 kHz; leichte Kompression; mono.
Snare, Clap, Tamburin
- EQ: Hochpass 150 Hz, +2 dB bei 200 Hz, +3 dB bei 5 kHz; Kompression 4:1; Plate-Reverb 1 s oder Gated Reverb der 80er/90er.
Hi-Hat und Percussion
- Open Hat Hochpass 400 Hz, +2 dB bei 10 kHz; geschlossene Hats 20 % rechts; Tamburin 30 % links.
Bass
- Hochpass 35 Hz, +2 dB bei 100 Hz, mono, leichte Kompression; für einen modernen Touch leichter Sidechain (2–3 dB).
Synth, Piano, Pad
- Riff: Hochpass 150 Hz, Präsenz 2–3 kHz, Plate-Reverb und Delay 1/8; Breite 120 %.
- Piano: Hochpass 100 Hz, +3 dB bei 2 kHz, Kompression für das „Repetierte“.
Weibliche Stimme
- EQ: Hochpass 100 Hz, −2 dB bei 300 Hz, +3 dB bei 3–5 kHz, Air +2 dB bei 12 kHz; FET-Kompression 4:1 (5 dB) + Opto; De-Esser; Plate 1,5 s; Delay 1/8.
Männlicher Rap
- EQ: Hochpass 80 Hz, −2 dB bei 250 Hz, +2 dB bei 3 kHz; starke Kompression; kurzer Reverb; Doppelung am Phrasenende.
Backing Vocals
- −6 dB, breites Panning, mehr Reverb.
FX
- Sweeps, Reverse Crashes, Vocal-Samples.
Busse und Gruppen
- Drum-Bus mit Glue; Vocal-Bus; Synth-Bus.
Sidechain
- Leicht oder gar nicht (Originalstil); moderat in Revival-Produktionen.
Master
- Kette: EQ → Glue → Limiter.
- Richtwerte: Original-Produktionen deutlich weniger komprimiert; modernes Revival −8/−6; True Peak −1 dBTP.
Häufige Fehler
- „Moderne“ Bassdrum und Sub, die den Sound verfälschen; Stimme zu weit hinten; zu dunkle Synth-Riffs.
Referenzstücke für den Mix
- Snap! — Rhythm Is a Dancer (1992); Haddaway — What Is Love (1993); 2 Unlimited — No Limit (1993); Corona — The Rhythm of the Night.
Referenz-Hörbeispiele
- Snap! — The Power (1990)
- Snap! — Rhythm Is a Dancer (1992)
- Dr. Alban — It's My Life (1992)
- 2 Unlimited — No Limit (1993)
- Haddaway — What Is Love (1993)
- Real McCoy — Another Night (1994)
- Rednex — Cotton Eye Joe (1994)
- Scatman John — Scatman (Ski-Ba-Bop-Ba-Dop-Bop) (1994)