Ziel
Einen Standard zu analysieren bedeutet zu verstehen, wo die tonalen Zentren liegen, welche Funktion jeder Akkord hat und wie sie zusammenhängen. Das ist die Grundlage zum Improvisieren, Begleiten, Arrangieren und Reharmonisieren. Die folgende Methode folgt der Berklee-Praxis und der von Mark Levine (The Jazz Theory Book).
Die Symbole
- Römische Ziffern mit Qualität: Imaj7, IIm7, IIIm7, IVmaj7, V7, VIm7, VIIø7 (in vielen Jazzschulen schreibt man alle groß mit Qualitätssuffix).
- V7/x: Zwischendominante (A7 = V7/II in C).
- subV7/x: Tritonus-Substitut (Db7 = subV7 von I).
- Eckige Klammer unter ii–V: funktionales Paar.
- Durchgezogener Pfeil von einem V7 zu seinem Ziel: Quintauflösung.
- Gestrichelter Pfeil: Halbtonauflösung eines subV.
- SDm (Mollsubdominante): iv, bVI, bVII7, iiø7, bII, aus der Variante entlehnt.
- Notation des tonalen Zentrums über dem System, wenn es wechselt („Ab:“, „C:“, „Eb:“).
Die Methode in 6 Schritten
- Tonart und Schluss: Vorzeichnung, erster und letzter Akkord.
- Finde alle Dominantseptakkorde und schau, wohin sie gehen: in Quinten (V7), im Halbton (subV7), nirgendwohin (unaufgelöste Dominante, Blues).
- Fasse die ii–V mit Klammern zusammen.
- Beschrifte die übrigen Akkorde bezogen auf das lokale Zentrum: diatonisch, modale Entlehnungen (SDm), verminderte Durchgangsakkorde.
- Markiere die tonalen Zonen (Tonikalisierungen und Modulationen) und die Pivots.
- Wähle die Skalen und schreibe die Leittöne (3 und 7) auf, um die Innenlinien zu sehen.
Beispiel 1: Autumn Leaves (in g-Moll, die ersten 8 Takte)
| Akkord | Cm7 | F7 | Bbmaj7 | Ebmaj7 | Aø7 | D7 | Gm6 | Gm6 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| In B | IIm7 | V7 | Imaj7 | IVmaj7 | ||||
| In g-Moll | IVm7 | bVII7 | bIIImaj7 | bVImaj7 | IIø7 | V7 | Im6 |
Lesart: ein ii–V–I im Parallel-Dur, dann dient Ebmaj7 als Pivot (IV von B = VI von g-Moll) zu einem iiø–V–i in g-Moll. Das ganze Lied wechselt zwischen diesen beiden Zentren.
Beispiel 2: All the Things You Are (As, die ersten 8 Takte)
| Takt | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7–8 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Akkord | Fm7 | Bbm7 | Eb7 | Abmaj7 | Dbmaj7 | G7 (oder Dm7 G7) | Cmaj7 |
| Analyse | VIm7 | IIm7 | V7 | Imaj7 | IVmaj7 | V7 von C | Imaj7 in C |
Das Dbmaj7 ist IV in As und, bezogen auf C, ein bIImaj7 (neapolitanischer Bereich): Es dient als Brücke zur neuen Tonart im Großterzabstand (Ab → C). Die Leittöne bewegen sich fast alle im Halbton oder bleiben gemeinsam.
Häufige Fehler
- Jeden Akkord auf die Grundtonart zu beziehen statt auf das lokale Zentrum.
- Ein IV7 des Blues (löst nicht in Quinten auf) mit einem V7/bVII zu verwechseln.
- Ein isoliertes ii–V (das nicht auflöst) nicht zu erkennen: Es wird trotzdem beklammert.
- Die Melodie zu ignorieren: Oft klärt die Melodie, ob ein Akkord Dur, Dominante oder alteriert ist.
Übung
Wähle drei Standards (zum Beispiel Autumn Leaves, Satin Doll, All the Things You Are), drucke das Lead Sheet aus, analysiere sie mit der Methode und vergleiche mit einer veröffentlichten Analyse. Spiele dann über den ganzen Chorus nur die Leittöne zweistimmig.
Querverweise
Das ii–V–I im Jazz, verwandte ii–V, erweiterte Tritonus-Substitution, Chord-Scale-Theorie, Jazzstandards und harmonische Formen.