Definition
Zwei Akkorde stehen im Verhältnis der chromatischen Mediante, wenn ihre Grundtöne eine große oder kleine Terz auseinanderliegen, sie die gleiche Qualität haben (beide Dur oder beide Moll) und nur einen gemeinsamen Ton teilen. Sie sind „chromatisch“, weil mindestens ein Ton gegenüber der Ausgangsskala alteriert wird.
Konservative Definition (Forte u. a.): In C-Dur sind die chromatischen Medianten von C E, Ab, A, Eb. Weitere Definition (Benward–Saker): Hinzu kommen die Akkorde entgegengesetzter Qualität ohne gemeinsame Töne, Ebm und Abm (die „doppelt chromatischen“).
Tabelle in C-Dur
| Akkord | Beziehung | Gemeinsamer Ton | Bewegung der übrigen Stimmen |
|---|---|---|---|
| E (E G# B) | obere Mediante (III) | E | C → B, G → G# |
| Eb (Eb G Bb) | obere Mediante (bIII) | G | C → Bb, E → Eb |
| A (A C# E) | Submediante (VI) | E | C → C#, G → A |
| Ab (Ab C Eb) | Submediante (bVI) | C | E → Eb, G → Ab |
| Ebm (Eb Gb Bb) | doppelt chromatisch | keiner | C → Bb, E → Eb, G → Gb |
| Abm (Ab Cb Eb) | doppelt chromatisch (hexatonischer Pol) | keiner | C → Cb, E → Eb, G → Ab |
In allen Fällen bewegen sich die Stimmen um einen Halbton oder Ganzton: Das ist eine sehr sparsame Stimmführung, doch das harmonische Ergebnis ist weit entfernt. Dieser Kontrast (nahe Stimmen, ferne Tonarten) ist das Geheimnis der „magischen“ Wirkung.
Warum sie so klingen
- Es gibt kein Dominantverhältnis: Das Ohr hört nicht „Spannung und Auflösung“, sondern einen Lichtwechsel, wie einen Schnitt in der Montage.
- Der gemeinsame Ton hält den Faden; der alterierte Ton (G#, Bb, C#, Eb) liefert die Farbe.
- Aufwärts in Dur (C → E) klingt es hell und episch; abwärts mit B-Tönen (C → Ab, C → Eb) klingt es dunkler und romantischer.
Historische Verwendung
- Schubert und Beethoven: Terzmodulationen. In Beethovens Sonate Waldstein op. 53 steht das zweite Thema der Exposition in E-Dur statt in der Dominante G: eine chromatische Mediante von C.
- Liszt, Wagner, Bruckner: Terzketten, die die Tonalität schwächen.
- Im Jazz: Linus and Lucy von Vince Guaraldi hebt das bIII hervor; die Coltrane Changes sind ein Zyklus von Großterz-Medianten.
Verwendung in Pop, Rock und Film
- I – bVI – bVII – I (C Ab Bb C): das „heroische Finale“ der Videospiele (die sogenannte Mario cadence) und des Stadionrocks.
- I – III (G → B) in Creep von Radiohead: H-Dur (B) ist eine chromatische Mediante von G.
- In der Filmmusik sind die chromatischen Medianten die Sprache des „Wunderbaren“: Frank Lehman (Hollywood Harmony, 2018) dokumentiert sie ausführlich in Hollywood-Soundtracks.
Der hexatonische Pol
C ↔ Abm ist die extremste Beziehung: Alle drei Stimmen bewegen sich um einen Halbton, es gibt keinen gemeinsamen Ton. Richard Cohn nannte sie hexatonischen Pol und zeigte, dass sie im 19. Jahrhundert mit „unheimlichen“ Bedeutungen (Tod, Übernatürliches) verbunden ist. Im Horror- oder Fantasyfilm funktioniert sie hervorragend.
Wie man sie gut schreibt
- Behalte den gemeinsamen Ton in derselben Stimme (gleiches Register): Er ist der Kitt.
- Bewege die übrigen Stimmen stufenweise: keine Sprünge.
- Bereite die Mediante mit einem klaren tonalen Akkord vor, damit der Wechsel wahrgenommen wird.
- Du kannst sie hinterher funktional „rechtfertigen“: E → Am (E als V/vi), Ab → G (bVI → V), Eb → Dm7 G7 (Rückkehr mit ii–V).
Übung für Produzenten
- Pad auf C (C E G) für 2 Takte.
- Wechsle zu Ab (C Eb Ab): Halte C, bewege E → Eb und G → Ab.
- Dann nach E (B E G#) und zurück zu C. Zyklus C – Ab – E – C: Du hast die drei Tonarten eines übermäßigen Dreiecks durchlaufen (C, Ab, E), also eine kleine Version der Coltrane Changes.
- Füge Streicher in Oktaven auf dem gemeinsamen Ton hinzu, um den Faden zu betonen.
Querverweise
Neo-riemannsche Theorie (P, L, R), Tonnetz, Coltrane Changes, Harmonik für Filmmusik, chromatische und direkte Modulation.