Die Idee
Für Hugo Riemann ist jeder Akkord einer Tonart eine Version von drei Funktionen: Tonika (T), Subdominante (S) und Dominante (D). Die übrigen Akkorde sind „Stellvertreter“ dieser drei, verbunden durch Terzverwandtschaften. Das System, vereinfacht und verbreitet von Wilhelm Maler und Diether de la Motte (Harmonielehre, 1976), ist im deutschen und skandinavischen Raum an den Konservatorien noch immer Standard; Berklee verwendet eine ähnliche Idee (Familien von Tonika, Subdominante, Mollsubdominante und Dominante).
Hauptsymbole (in C-Dur)
Großbuchstaben = Durakkord, Kleinbuchstaben = Mollakkord.
| Symbol | Name | Akkord | Stufe |
|---|---|---|---|
| T | Tonika | C | I |
| S | Subdominante | F | IV |
| D | Dominante | G | V |
| Tp | Tonikaparallele (Relativ) | Am | vi |
| Sp | Subdominantparallele | Dm | ii |
| Dp | Dominantparallele | Em | iii |
| Tg | Tonikagegenklang (Gegenklang/Leittonwechsel) | Em | iii |
| Sg | Subdominantgegenklang | Am | vi |
| D7 | Dominante mit Septime | G7 | V7 |
| D mit Strich (verkürzte Dominante) | Leittonseptakkord = D7 ohne Grundton | B° / B°7 | vii° |
| DD | Doppeldominante | D / D7 | V/V |
| (D) | Zwischendominante zum folgenden Akkord | A7 → Dm | V/ii |
| s | Mollsubdominante (in Dur) | Fm | iv |
| sN oder sn | Neapolitanischer Sextakkord | Db/F | bII6 |
Hinweis: Im Deutschen bedeutet „Parallele“ das Relativ (Am im Verhältnis zu C), während unser „Parallel“ (Cm) Variante heißt. Das ist die Quelle vieler Verwechslungen.
In Moll (a-Moll)
| Symbol | Akkord | Stufe |
|---|---|---|
| t | Am | i |
| s | Dm | iv |
| D | E (mit G#) | V |
| tP | C | III |
| sP | F | VI |
| dP | G | VII |
| tG | F | VI |
| sG | Bb | bII (neapolitanischer Bereich) |
Warum es nützlich ist
- Klare Mehrdeutigkeit: Em in C kann Dp sein (nah an der Dominante: ersetzt G) oder Tg (nah an der Tonika: ersetzt C). Der Kontext entscheidet: G → Em ist ein Trugschluss „zur Tonika“; Em → Am klingt wie eine Fortsetzung der Tonika.
- Familien durch Substitution: Alle T-Akkorde (C, Am, Em) lassen sich untereinander austauschen; alle S (F, Dm, Fm, Ab, Db) bereiten die Dominante vor.
- Schnelle Pop-Analyse: C Am F G = T Tp S D. Der Royal Road IVmaj7 – V7 – iii7 – vi = S – D – Dp/Tg – Tp: Die Dominante weicht der Tonika aus und „gleitet“ zu ihren Stellvertretern.
Vergleich mit Berklee
| Funktion | Riemann | Berklee (C-Dur) |
|---|---|---|
| Tonika | T, Tp, Tg | Imaj7, iii7, vi7 |
| Subdominante | S, Sp, Sg | IVmaj7, ii7 |
| Mollsubdominante | s, sP, sN | iv7, bVImaj7, bVII7, iiø7, bIImaj7 |
| Dominante | D, D7, verkürzte D | V7, viiø7 |
Beispiel für eine vollständige Analyse
Bach, Präludium in C BWV 846, die ersten 4 Takte: C – Dm7/C – G7/B – C = T – Sp7 – D7 – T über einem Bass, der auf C bleibt und nach H fällt. In den folgenden Takten berührt die Musik die Doppeldominante (D7/C → G/B) und die Subdominante: Die Funktion trägt den Bogen, auch wenn sich der Bass langsam bewegt.
Übung
Analysiere drei eigene Schleifen mit den Riemann-Symbolen. Ersetze dann jeden Akkord durch einen anderen der gleichen Funktion (C ↔ Am ↔ Em; F ↔ Dm ↔ Fm; G ↔ B°): So erhältst du Reharmonisierungen, die die Logik bewahren.
Querverweise
Diatonische Funktionen T–S–D, diatonische Substitution, neo-riemannsche Theorie, negative Harmonik (die D und s tauscht), neapolitanischer Sextakkord.