HarmonielehreExperte3 Min. Lesezeit

Erweiterte Funktionstheorie (Riemann): T, S, D, Parallelen und Gegenklänge

Die Idee

Für Hugo Riemann ist jeder Akkord einer Tonart eine Version von drei Funktionen: Tonika (T), Subdominante (S) und Dominante (D). Die übrigen Akkorde sind „Stellvertreter“ dieser drei, verbunden durch Terzverwandtschaften. Das System, vereinfacht und verbreitet von Wilhelm Maler und Diether de la Motte (Harmonielehre, 1976), ist im deutschen und skandinavischen Raum an den Konservatorien noch immer Standard; Berklee verwendet eine ähnliche Idee (Familien von Tonika, Subdominante, Mollsubdominante und Dominante).

Hauptsymbole (in C-Dur)

Großbuchstaben = Durakkord, Kleinbuchstaben = Mollakkord.

SymbolNameAkkordStufe
TTonikaCI
SSubdominanteFIV
DDominanteGV
TpTonikaparallele (Relativ)Amvi
SpSubdominantparalleleDmii
DpDominantparalleleEmiii
TgTonikagegenklang (Gegenklang/Leittonwechsel)Emiii
SgSubdominantgegenklangAmvi
D7Dominante mit SeptimeG7V7
D mit Strich (verkürzte Dominante)Leittonseptakkord = D7 ohne GrundtonB° / B°7vii°
DDDoppeldominanteD / D7V/V
(D)Zwischendominante zum folgenden AkkordA7 → DmV/ii
sMollsubdominante (in Dur)Fmiv
sN oder snNeapolitanischer SextakkordDb/FbII6

Hinweis: Im Deutschen bedeutet „Parallele“ das Relativ (Am im Verhältnis zu C), während unser „Parallel“ (Cm) Variante heißt. Das ist die Quelle vieler Verwechslungen.

In Moll (a-Moll)

SymbolAkkordStufe
tAmi
sDmiv
DE (mit G#)V
tPCIII
sPFVI
dPGVII
tGFVI
sGBbbII (neapolitanischer Bereich)

Warum es nützlich ist

  • Klare Mehrdeutigkeit: Em in C kann Dp sein (nah an der Dominante: ersetzt G) oder Tg (nah an der Tonika: ersetzt C). Der Kontext entscheidet: G → Em ist ein Trugschluss „zur Tonika“; Em → Am klingt wie eine Fortsetzung der Tonika.
  • Familien durch Substitution: Alle T-Akkorde (C, Am, Em) lassen sich untereinander austauschen; alle S (F, Dm, Fm, Ab, Db) bereiten die Dominante vor.
  • Schnelle Pop-Analyse: C Am F G = T Tp S D. Der Royal Road IVmaj7 – V7 – iii7 – vi = S – D – Dp/Tg – Tp: Die Dominante weicht der Tonika aus und „gleitet“ zu ihren Stellvertretern.

Vergleich mit Berklee

FunktionRiemannBerklee (C-Dur)
TonikaT, Tp, TgImaj7, iii7, vi7
SubdominanteS, Sp, SgIVmaj7, ii7
Mollsubdominantes, sP, sNiv7, bVImaj7, bVII7, iiø7, bIImaj7
DominanteD, D7, verkürzte DV7, viiø7

Beispiel für eine vollständige Analyse

Bach, Präludium in C BWV 846, die ersten 4 Takte: C – Dm7/C – G7/B – C = T – Sp7 – D7 – T über einem Bass, der auf C bleibt und nach H fällt. In den folgenden Takten berührt die Musik die Doppeldominante (D7/C → G/B) und die Subdominante: Die Funktion trägt den Bogen, auch wenn sich der Bass langsam bewegt.

Übung

Analysiere drei eigene Schleifen mit den Riemann-Symbolen. Ersetze dann jeden Akkord durch einen anderen der gleichen Funktion (C ↔ Am ↔ Em; F ↔ Dm ↔ Fm; G ↔ B°): So erhältst du Reharmonisierungen, die die Logik bewahren.

Querverweise

Diatonische Funktionen T–S–D, diatonische Substitution, neo-riemannsche Theorie, negative Harmonik (die D und s tauscht), neapolitanischer Sextakkord.

Quellen

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