Was dieses Blatt ergänzt
Das allgemeine Blatt zur ersten Gattung stellt die Regeln in C-Dur vor. Hier arbeiten wir wie im Gradus: dorische Tonart, vorgegebener Gesang, Version oben und unten, mit der Überlegung Takt für Takt und den alternativen Entscheidungen.
Regeln der ersten Gattung (praktische Zusammenfassung)
- Eine Note gegen eine, nur Konsonanzen.
- Anfang: Einklang, Oktave oder Quinte (Quinte nur mit Kontrapunkt oben). Ende: Einklang oder Oktave.
- Einklang nur im ersten und im letzten Takt.
- Eine vollkommene Konsonanz wird in Gegenbewegung oder Seitenbewegung erreicht.
- Überwiegend unvollkommene Konsonanzen und Gegenbewegung; höchstens drei oder vier parallele Terzen oder Sexten hintereinander.
- Vorletzter Takt: große Sexte (Kontrapunkt oben) oder kleine Terz (Kontrapunkt unten), mit erhöhtem Leitton: C# in Dorisch.
- Sangliche Linie: erlaubte Sprünge, ein einziger Höhepunkt, wenige Tonwiederholungen.
Verfahren in sechs Schritten
- Schreibe die Eckpunkte: erster und letzter Takt, dann der vorletzte (Kadenz). Über dem Gesang D4 … E4 D4: A4 am Anfang, C#5 und D5 am Ende.
- Zeichne das Profil: Wo liegt der Höhepunkt? Ihn vorher zu wählen, vermeidet Linien ohne Richtung. Hier E5 im achten Takt.
- Fülle rückwärts von der Kadenz aus: Die vorletzte Note ist C#5 über E4; die drittletzte über F4 muss schrittweise oder mit einem kleinen Sprung nach C#5 führen: D5 (große Sexte) passt.
- Fülle vom Anfang aus und suche Gegenbewegung zum Gesang: Wenn der Gesang steigt, sinkt der Kontrapunkt.
- Prüfe die vollkommenen Intervalle: Jede innere Quinte und Oktave muss in Gegenbewegung erreicht werden.
- Singe die Linie allein: Hat sie keinen melodischen Sinn, schreibe sie neu.
Beispiel 1: Kontrapunkt oben
Gesang: D4 F4 E4 D4 G4 F4 A4 G4 F4 E4 D4
Kontrapunkt: A4 D5 C5 D5 H4 A4 C5 E5 D5 C#5 D5
Intervalle: 5, 6, 6, 8, 3, 3, 3, 6, 6, 6, 8.
- Takt 4: Die Oktave D5/D4 wird in Gegenbewegung erreicht (C5 steigt, E4 sinkt).
- Takte 5–7: drei parallele Terzen, dann Gegenbewegung zum E5 (Höhepunkt).
- Takte 8–10: drei parallele Sexten, die zur Kadenz absteigen.
- Letzter Takt: C#5 steigt nach D5, während der Gesang von E4 nach D4 sinkt.
Beispiel 2: Kontrapunkt unten
Gesang: D4 F4 E4 D4 G4 F4 A4 G4 F4 E4 D4
Kontrapunkt: D3 A3 G3 H3 E3 A3 F3 G3 D4 C#4 D4
Intervalle: 8, 6, 6, 3, 10, 6, 10, 8, 3, 3, Einklang.
- Beginn mit der Oktave (nicht mit der Quinte).
- Takt 8: Die Oktave G3/G4 wird in Gegenbewegung erreicht (F3 steigt, A4 sinkt).
- Die Basslinie verwendet Quart- und Quintsprünge, wie sie für eine tiefe Stimme typisch sind, und schließt dann schrittweise C#4–D4 im Einklang.
Varianten zum Ausprobieren
- Ersetze H4 in Takt 5 durch B4: Die Farbe wird dunkler; prüfe, dass kein Tritonus mit F entsteht.
- Verlege den Höhepunkt auf F5 (Takt 8 über G4 ist eine Septime: unmöglich; versuche es in Takt 7 über A4, kleine Sexte): Beobachte, wie sich der Abstieg zur Kadenz verändert.
- Schreibe Beispiel 1 eine Terz tiefer (F4 als erste Note): Das ist nicht möglich, weil die Terz keine vollkommene Eröffnungskonsonanz ist. Die Regeln lenken die Entscheidungen.
Typische Fehler
- Zu viele Oktaven und Quinten: Der Kontrapunkt klingt leer. Ziele auf höchstens eine vollkommene Konsonanz alle drei oder vier Takte.
- Innerer Einklang aus Bequemlichkeit.
- Übermäßige Parallelbewegung: Sechs Terzen hintereinander machen den Kontrapunkt zu einer Verdopplung.
- Überkreuzungen: Der Kontrapunkt unten darf den Gesang nicht überschreiten.
Moderne Anwendung
- Zweite Stimme im Pop: Mit der Melodie als Gesang und der zweiten Stimme in der ersten Gattung liefert die Regel der großen Sexte, die sich in die Oktave öffnet, den klassischen Schluss von Duetten.
- Bass im Songwriting: Den Bass Note gegen Note unter der Melodie zu schreiben, mit überwiegender Gegenbewegung, ergibt abwechslungsreichere Harmoniefolgen als reine Grundtöne.
- Chöre: Die erste Gattung ist die Grundlage des Fauxbourdon und der silbischen Harmonisierungen.
Verweise
Kontrapunkt der ersten Gattung, Cantus firmus, vier Regeln der Bewegung, Musica ficta, modale zweite Gattung.