Skalen und ModiExperte3 Min. Lesezeit

Enigmatische Skala (Crescentini, Verdi)

Formel

  • Stufen: 1 b2 3 #4 #5 #6 7.
  • Schritte: H 1½ G G G H H (1 3 2 2 2 1 1 Halbtöne).
  • Auf C: C Des E Fis Gis Ais H C.

Sie enthält ein langes Ganztonsegment (E Fis Gis Ais), eine anfängliche übermäßige Sekunde (Des – E) und zwei abschließende Halbtöne (Ais – H – C), die zur Tonika „drängen“.

Herkunft

Die Skala wurde von Adolfo Crescentini, Dozent am Konservatorium von Bologna, vorgeschlagen. Am 5. August 1888 veröffentlichte sie die Gazzetta musicale di Milano (Verlag Ricordi) als „scala-rebus“ (Rätselskala) und forderte die Leser heraus, sie zu harmonisieren. Giuseppe Verdi antwortete mit dem Ave Maria „sulla scala enigmatica“ (1889, 1898 überarbeitet), das später in die Quattro pezzi sacri (1898) aufgenommen wurde. Im Ave Maria erscheint die Skala in langen Notenwerten als Cantus firmus, der von einer Stimme zur anderen wandert, und Verdi harmonisiert sie mit immer neuen Akkorden. Nach vielen Beschreibungen des Stücks wird in der absteigenden Form das Fis zum F natürlich (C H Ais Gis F E Des C), eine Lösung, die die Harmonisierung erleichtert.

Charakteristischer Ton und Klangfarbe

Die Kombination der b2 mit 3, #4, #5, #6, 7: Die Tonika hat zwei Halbtöne neben sich (H und Des), der mittlere Teil aber ist ganztönig. Das Ergebnis ist eine mehrdeutige, irreale, „schwerpunktlose“ Klangfarbe: Die Skala enthält weder die reine Quarte noch die reine Quinte noch die reine Sexte. Sie ergibt keinen normalen Tonika-Dreiklang: Über C ist der einzige durch Terzschichtung konstruierbare Dreiklang C E Gis (übermäßig).

Ableitbare Akkorde

Die „diatonische“ Harmonik der Skala ist arm an traditionellen Akkorden; man denkt besser in frei gewählten Akkorden:

  • C+ (C E Gis) und Cmaj7#5 (C E Gis H): die natürliche „Tonika“.
  • E (E Gis H): Der E-Dur-Dreiklang liegt innerhalb der Skala; E/C = Cmaj7#5.
  • F#7b5 (Fis Ais C E): Die Ganztonkombinationen (E, Fis, Gis, Ais, C) ergeben Dominantakkorde mit alterierter Quinte.
  • Db E G# B: ein Akkord mit „vermindert-übermäßigem“ Beigeschmack, nützlich als Klangfarbe.

Verdi harmonisiert sie dagegen tonal, mit Akkorden, die nicht zur Skala gehören: Die Skala ist die Melodie, die Harmonik ist frei. Das ist der musikalischste Ansatz.

Moderner Einsatz

  • Joe Satriani, „The Enigmatic“ (Not of This Earth, 1986).
  • Yellowjackets, „Enigma“ (The Spin, 1989).
  • Film- und Videospielmusik: traumartige oder außerirdische Klangfarben (Cmaj7#5-Pad mit Melodie auf der Skala).

Wie man sie in einem Stück verwendet

  1. Als melodische Linie: ein langsames Thema auf der Skala, mit tonalen Harmonien, die bei jedem Ton wechseln (Verdi-Methode). Perfekt für ein Orchesterintro oder einen Chor.
  2. Als modale Klangfarbe: C-Orgelpunkt, Cmaj7#5- oder E/C-Pad, Melodie, die die Ganztontöne nutzt und H → C auflöst.
  3. Als Arpeggio: die Dreiklänge E und C+ innerhalb der Skala im Wechsel, für einen „Science-Fiction“-Effekt.

Häufige Fehler

  • Eine stabile Tonika zu verlangen: Die Skala ist per Definition ein Rätsel.
  • Sie als „Shred“-Skala in hohem Tempo zu verwenden: Die Klangfarbe geht verloren; sie funktioniert besser langsam und harmonisiert.
  • Die Töne willkürlich zu notieren: Behalte C Des E Fis Gis Ais H bei, um die Stufen zu wahren.

Übung

  1. Schreibe die Skala in ganzen Noten im Bass (Cantus firmus) und harmonisiere sie vierstimmig, wobei du bei jedem Ton den Akkord wechselst, wie Verdi (du kannst Dur-, Moll-Akkorde und Septakkorde verwenden).
  2. Pad E/C mit einer langsamen Melodie auf der C-enigmatischen Skala: 16 Takte für eine Traumszene.
  3. Berechne die Primärform und den Intervallvektor der Skala (siehe Mengenlehre) und zähle die reinen Quinten.

Verwandte Themen

Ganztonskala; Lydisch übermäßig; Mengenlehre (2); Kontrapunkt der ersten Gattung (Cantus firmus); Tonleitern für Filmmusik.

Quellen

Verwandte Lektionen