Definition
Der Cantus firmus (fester Gesang) ist eine vorgegebene Melodie in langen, gleichen Notenwerten, gegen die der Kontrapunkt geschrieben wird. Im Mittelalter und in der Renaissance war er oft ein gregorianischer Gesang oder eine weltliche Melodie; in der Methode von Fux ist er ein kurzer, einfacher Gesang, eigens für die Übung gebaut, der stets in ganzen Noten bleibt (eine Note pro Takt).
Die sechs Cantus firmi von Fux
Fux verwendet für jede der sechs Kirchentonarten einen Cantus firmus und nutzt ihn in allen Gattungen, zwei-, drei- und vierstimmig, wieder:
| Tonart | Cantus firmus |
|---|---|
| D-Dorisch | D F E D G F A G F E D |
| E-Phrygisch | E C D C A A G E F E (das zweite A in der höheren Oktave) |
| F-Lydisch | F G A F D E F C A F G F (C in der höheren Oktave) |
| G-Mixolydisch | G C H G C E D G E C D H A G |
| A-Äolisch | A C H D C E F E D C H A |
| C-Ionisch | C E F G E A G E F E D C |
Jeder Gesang beginnt und endet auf der Finalis, schließt mit absteigendem Schritt (2–1) und hat einen einzigen Höhepunkt.
So baust du einen Cantus firmus
- Länge: 8 bis 16 Noten.
- Anfang und Ende auf der Finalis; vorletzte Note die Supertonika (2–1). Soll der Gesang im Bass stehen, bleibt der Schluss 2–1 trotzdem am bequemsten.
- Bewegung: überwiegend Schritte, einige Sprünge von Terz, Quarte oder Quinte, keine übermäßigen oder verminderten Intervalle, keine Septime.
- Ein einziger Höhepunkt, vorzugsweise in der zweiten Hälfte.
- Ambitus innerhalb einer Dezime, besser innerhalb der Oktave.
- Keine Tonwiederholungen und keine offensichtlichen Sequenzen.
- Der Gesang muss die Tonart andeuten: den Rezitationston und die charakteristischen Sprünge berühren (in Dorisch D–A, in Phrygisch E–C).
Behandlung: Gesang unten und Gesang oben
Jede Übung wird zweimal geschrieben.
- Gesang im Bass, Kontrapunkt oben: Die erste Note des Kontrapunkts kann Einklang, Oktave oder Quinte über der Finalis sein. Die vorletzte bildet mit dem Gesang eine große Sexte (C#5 über E4 in Dorisch), die sich in die Oktave öffnet.
- Gesang oben, Kontrapunkt im Bass: Die erste Note muss Einklang oder Oktave sein; die Quinte darunter ist verboten, weil sie eine andere Tonart hören ließe (G unter D deutet G an). Die vorletzte bildet eine kleine Terz (C#4 unter E4), die sich im Einklang schließt, oder eine Dezime, die sich in der Oktave schließt.
- Der Gesang kann in die Oktave transponiert werden, um ihn der Lage der Stimmen (Sopran, Alt, Tenor, Bass) anzupassen, aber die relative Tonhöhe ändert sich nicht.
Beispiel in D-Dorisch, Gesang oben
Gesang D4 F4 E4 D4 G4 F4 A4 G4 F4 E4 D4; Kontrapunkt D3 A3 G3 H3 E3 A3 F3 G3 D4 C#4 D4. Intervalle: 8, 6, 6, 3, 10, 6, 10, 8, 3, 3, Einklang. Er beginnt mit der Oktave, schließt mit kleiner Terz → Einklang und enthält nur eine innere Oktave, die in Gegenbewegung erreicht wird.
Der Cantus firmus in der Geschichte
- Cantus-firmus-Messen: ein Gesang (gregorianisch oder weltlich, wie L'homme armé) im Tenor in langen Notenwerten.
- Lutherische Choräle: der Choral in langen Notenwerten im Sopran oder Bass, mit figuriertem Kontrapunkt in den anderen Stimmen (Choralvorspiele, Kantaten von Bach).
- Lehrübungen: von Fux bis zu modernen Lehrbüchern, mit neuen oder dem Gregorianischen entnommenen Gesängen.
Typische Fehler
- Einen zu interessanten, sprungreichen Gesang schreiben: Das macht einen guten Kontrapunkt unmöglich.
- Den Kontrapunkt im Bass auf der Quinte der Finalis beginnen.
- Vergessen, dass bei Gesang oben die Sexte der Kadenz zur Terz (oder Dezime) wird.
- Den Gesang in der falschen Tonart transponieren und Vorzeichen hinzufügen: Dorisch auf D wird nach G mit einem B transponiert (G A B C D E F G), nicht ohne.
Moderne Anwendung
- Pop: Eine einfache, wiederholte Basslinie ist ein Cantus firmus; schreibt man darüber eine zweite Stimme in der ersten Gattung, ergeben sich solide Vokalharmonien.
- Filmmusik: Ein langsames Thema in Hörnern oder Celli, mit figurierten Kontrapunkten in den Holzbläsern, ist die orchestrale Version des Chorals über Cantus firmus.
- Chöre: Den Choristen einen Gesang in langen Noten beizubringen und dann Stimmen in verschiedenen Gattungen hinzuzufügen, ist eine schnelle Methode, mit kurzen Proben ein mehrstimmiges Stück aufzubauen.
- DAW: Lege den Gesang in Noten von einem Takt auf eine Spur, den Kontrapunkt auf eine andere, und weise zwei verschiedene Klangfarben zu (z. B. Orgel und Flöte), um die Intervalle deutlich zu hören.
Verweise
Kirchentonarten, Melodie im strengen Kontrapunkt, modale erste Gattung, Bach-Choral, Messe und Motette.