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Pikardische Terz (Durschluss in einer Molltonart)

Definition

Die pikardische Terz (tierce de Picardie) ist das Enden eines Stücks oder eines Abschnitts in einer Molltonart auf einem Dur-Tonikaakkord: In a-Moll ist der letzte Akkord A (A C# E) statt Am (A C E). Der Begriff ist erstmals bei Jean-Jacques Rousseau im Dictionnaire de musique (1768) belegt, die Praxis ist aber viel älter (Renaissance und Barock).

Warum man es tat

  • Akustik: Die große Terz ist der 5. Oberton des Grundtons; in der Obertonreihe von A erscheint Cis, nicht C. Ein abschließender Durakkord „klingt“ stabiler, besonders in sehr halligen Kirchen, wo die Schwebungen der kleinen Terz stärker zu hören sind.
  • Rhetorik: Auf Dur zu schließen = Trost, Licht nach der Dunkelheit.
  • Im 16.–17. Jahrhundert galt die kleine Terz am Schluss als wenig abschließend; oft schloss man auch ohne Terz (leere Quinte).

In Noten

Kadenz in a-Moll: Dm – E7 – A (iv – V7 – I).

  • G# (Leitton) steigt nach A
  • D fällt nach C# (nicht nach C)
  • B fällt nach A; E bleibt

Die Terz C# kommt in fallender Bewegung von D: eine sehr natürliche Auflösung.

Echte Beispiele

  • J. S. Bach: Die meisten Choräle in Moll und viele Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers schließen in Dur; das Präludium in c-Moll BWV 847 (Buch I) endet auf einem C-Dur-Akkord.
  • Greensleeves (englisches Volkslied): Viele Harmonisierungen schließen auf dem Dur-Akkord der Tonika.
  • Pop und Rock: Der Durschluss eines Moll-Stücks ist selten, aber wirkungsvoll; er wird in Balladen und Soundtracks oft als finale „Offenbarung“ eingesetzt.

Interne Verwendungen (nicht nur am Schluss)

  • Dur-Tonika als V/iv: In a-Moll folgt auf A (mit C#) Dm: Die pikardische Terz wird zu einer Zwischendominante zum iv. Das ist der Fall bei Am – A7 – Dm, sehr gebräuchlich in Tango, Klezmer, italienischem melodischem Pop.
  • Wechsel Dur/Moll auf derselben Tonika (Am – A): typisch für Blues, anglo-irische Folkmusik und Filmmusik.

Moderne Varianten

  • Pikardische Terz mit großer Septime: Amaj7 am Ende eines Stücks in a-Moll: heller, verträumter Schluss (Neo-Soul, J-Pop).
  • Pikardische Terz mit 9 oder add9: Aadd9 (A B C# E).
  • Verzögerte pikardische Terz: Asus4 → A, oder Am → A im selben Takt (die Terz steigt C → C#).

Übung für Produzenten

  1. Nimm einen Moll-Loop (Am – F – C – G).
  2. Beende das Stück mit E7 → A (statt Am).
  3. Lass in den letzten zwei Schlägen eine Pad-Stimme von C nach C# steigen, mit Filterautomation, die sich öffnet: Der Lichtwechsel wird „sichtbar“.

Querverweise

Harmonik in Molltonarten, die Obertonreihe und das Timbre, modaler Austausch, Harmonik für Filmmusik, Kadenzen.

Quellen

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