Definition
Der vierstimmige Kontrapunkt ist die „volle“ Textur der Vokalpolyphonie (Sopran, Alt, Tenor, Bass) und des tonalen Satzes. Während der SATB-Satz (bereits behandelt) von den Akkorden ausgeht und die Stimmen verbindet, geht der vierstimmige Kontrapunkt von den Linien aus: Jede Stimme ist eine Melodie mit eigenem Profil, eigenem Rhythmus und eigener Logik, und die Harmonie entsteht aus ihrer Summe. Das ist die Sprache Palestrinas (Missa Papae Marcelli), der Renaissance-Motetten, der vierstimmigen Fugen Bachs und der klassischen Streicherpartien.
Die Prioritäten, der Reihe nach
- Zuerst die Außenstimmen: Sopran und Bass sind das „Gerüst“. Schreibe sie so oft wie möglich in Gegen- oder Seitenbewegung.
- Vollständige Akkorde auf betonten Zeiten: Mit vier Stimmen kannst du Grundton, Terz und Quinte plus eine Verdopplung haben (meist den Grundton).
- Rhythmische Unabhängigkeit: Lass nicht alle Stimmen sich gemeinsam bewegen. In der Renaissance-Polyphonie setzt jede Stimme zu anderen Zeitpunkten ein (Imitationspunkte); in der Fuge kontrapunktieren die freien Stimmen das Thema mit komplementären Rhythmen.
- Lage: Zwischen Sopran–Alt und Alt–Tenor höchstens eine Oktave; zwischen Tenor und Bass auch eine Duodezime oder mehr.
- Pausen: In einem echten vierstimmigen Kontrapunkt ruhen die Stimmen. Eine Stimme, die einige Takte schweigt und dann wieder einsetzt (oft mit dem Thema oder einem Themenkopf), macht den Wiedereinsatz hörbar.
Bewegungsregeln
- Keine Quint- und Oktavparallelen zwischen irgendeinem der sechs Stimmenpaare (S–A, S–T, S–B, A–T, A–B, T–B).
- Verdeckte Oktaven/Quinten zwischen den Außenstimmen nur, wenn sich der Sopran in Stufen bewegt.
- Vermeide, dass alle vier Stimmen in dieselbe Richtung springen.
- Die Dissonanzen (Durchgang, Wechselnote, Vorhalt, Antizipation, Cambiata) verhalten sich wie in den Gattungen: vorbereitet, stufenweise aufgelöst, auf der unbetonten Zeit, außer den Vorhalten.
Renaissance-Stil vs. tonaler Stil
| Aspekt | Renaissance (Palestrina) | Tonal (Bach) |
|---|---|---|
| Grundlage | Modi, Konsonanzen, Vorhalte | Funktionen T–S–D, Kadenzen |
| Dissonanz | streng geregelt | freier, Dominantseptimen, verminderte Akkorde |
| Rhythmus | fließend, ohne starke metrische Akzente | regelmäßiges Metrum, definierter harmonischer Rhythmus |
| Textur | fortlaufende Imitation, Imitationspunkte | Fuge, figurierter Choral, Kontrapunkt über Bass |
Beispiel (Beginn eines Imitationspunkts in C-Ionisch)
- Der Sopran setzt in T. 1 mit C–D–E–C (Halbe) ein und geht dann frei weiter.
- Der Alt setzt in T. 2 eine Quarte tiefer ein (G–A–H–G).
- Der Tenor in T. 3 eine Oktave unter dem Sopran (C–D–E–C).
- Der Bass in T. 4 wie der Alt, eine Oktave tiefer (G–A–H–G).
Jeder neue Einsatz findet die anderen Stimmen im freien Kontrapunkt; in T. 5 gelangt man zu einer Kadenz auf C, wobei der Tenor D–C absteigt und der Sopran H–C (Sopran- und Tenorklausel, wie in den Renaissance-Kadenzen).
Echte Beispiele
- Palestrina, Missa Papae Marcelli (veröffentlicht 1567): Wechsel von Imitation und homorhythmischen Passagen, um den Text verständlich zu machen.
- Josquin des Prez, Ave Maria… virgo serena: Imitation in Stimmenpaaren.
- Bach, Fuge in C-Dur BWV 846 (Wohltemperiertes Klavier I): eine vierstimmige Fuge, die fast ganz auf Engführungen aufgebaut ist.
- Barber, Adagio für Streicher: vier- bis fünfstimmiger Kontrapunkt in den Streichern, lange, sich überlagernde Linien.
Übung für Produzenten
- Schreibe ein Ostinato von 4 Takten im Bass (Kanal „Cello“), dann einen Sopran in Gegenbewegung.
- Füge Tenor und Alt als Linien hinzu, nicht als Füllstimmen: Gib ihnen einen anderen Rhythmus und mindestens einen gehaltenen Ton, der zum Vorhalt wird (7–6 oder 4–3).
- Lass eine Stimme für 2 Takte schweigen und mit dem Kopf der Sopranmelodie wieder einsetzen: Du hörst, wie der Wiedereinsatz zum Ereignis wird.
- Prüfe mit einem Analysewerkzeug (zum Beispiel der „Ghost Notes“-Ansicht des Piano Rolls) die Stimmenpaare auf Parallelen.
Verweise
Vierstimmiger SATB-Satz, Dreistimmiger Kontrapunkt, Regeln der Stimmführung, Fuge, Bach-Choral, Sakrale Formen: Messe und Motette.