Kontrapunkt und StimmführungExperte4 Min. Lesezeit

Modale fünfte Gattung: figurierter Kontrapunkt, Achtel und verzierte Auflösungen

Was sie ist

Die fünfte Gattung (figurierter Kontrapunkt) kombiniert die vier vorherigen Gattungen frei in einer einzigen Linie: halbe Noten, Viertel, Synkopen, einige Achtelpaare. Ziel ist eine Stimme, die komponiert wirkt und nicht wie eine Übung: rhythmische Vielfalt, melodische Richtung und Dissonanzen, die entsprechend dem Notenwert, in dem sie erscheinen, korrekt behandelt werden.

Regeln

  1. Jede Figur folgt den Regeln der entsprechenden Gattung: die halben Noten wie in der zweiten, die Viertel wie in der dritten, die gebundenen Noten wie in der vierten.
  2. Achtel: nur paarweise, auf dem zweiten oder vierten Viertel, schrittweise; sie dienen als Durchgang oder als Verzierung der Auflösung.
  3. Bindungen: Man bindet vorzugsweise eine halbe Note (oder ein Viertel auf der unbetonten Zählzeit) an die Note der folgenden betonten Zählzeit; Bindungen, die den Rhythmus hinkend wirken lassen, werden vermieden, etwa eine kurze Note, die in der Taktmitte an eine lange gebunden ist.
  4. Vielfalt: nicht mehr als zwei aufeinanderfolgende Takte mit demselben Rhythmus; Bewegung (Viertel) und Ruhe (halbe Noten, Synkopen) abwechseln.
  5. Rhythmus, der beschleunigt und verlangsamt: beginnt mit langen Werten, belebt sich im Mittelteil, kehrt in der Kadenz zu langen Werten zurück.
  6. Kadenz: gewöhnlich ein Vorhalt 7–6 (oben) oder 2–3 (unten), auch verziert.

Verzierte Auflösung des Vorhalts

Zwischen der Dissonanz und ihrer Auflösung dürfen Zierationen eingefügt werden, sofern die Auflösung an ihrem Platz eintrifft:

  • Auflösung mit unterer Wechselnote: D5 gebunden (Septime über E4) → C#5 Viertel (Auflösung an ihrem Platz) → H4 C#5 Achtel → D5 Schluss. Die Achtel, paarweise und schrittweise, verzieren die Auflösung, ohne sie zu verschieben.
  • Auflösung, der ein Durchgang vorausgeht: Die gebundene Note sinkt über ein Achtelpaar zur Auflösung, sofern die Auflösungskonsonanz auf das vorgesehene Viertel fällt.

Beispiel in D-Dorisch, Kontrapunkt oben

Gesang: D4 F4 E4 D4 G4 F4 A4 G4 F4 E4 D4

TaktGesangKontrapunkt
1D4Pause, A4 (gebundene halbe Note)
2F4A4 (Terz, konsonante Synkope), D5 (gebundene halbe Note)
3E4D5 (Septime) → C5 H4 Viertel (Auflösung auf der Sexte, dann Quinte)
4D4D5 Viertel, C5 H4 Achtel, A4 halbe Note
5G4H4 halbe Note, E5 halbe Note
6F4A4 halbe Note, D5 gebundene halbe Note
7A4D5 (Quarte) → C5 Viertel (4–3), E5 Viertel
8G4H4 C5 D5 E5 Viertel
9F4F5 halbe Note (Höhepunkt), D5 gebundene halbe Note
10E4D5 (Septime) → C#5 (7–6)
11D4D5
  • Takt 4: Die Achtel C5 H4 sind durchgehend, paarweise, auf dem zweiten Viertel.
  • Takt 8: C5 über G4 ist eine durchgehende Quarte wie in der dritten Gattung.
  • Die Synkopen der Takte 3, 7 und 10 werden durch Konsonanzen vorbereitet (Sexte über F4, Sexte über F4, Sexte über F4).

Schreibstrategien

  • Entwirf die rhythmische Form vor den Noten: Schreibe über jeden Takt ein Kürzel (M = halbe Noten, Q = Viertel, S = Synkope) und fülle dann auf.
  • Setze Synkopen an Zielpunkten ein: vor dem Höhepunkt und in der Kadenz.
  • Setze Viertel für die Durchgänge ein: um weit entfernte Register zu verbinden.
  • Singe: Der figurierte Kontrapunkt muss wie eine Vokallinie von Palestrina wirken, mit Atempausen.

Typische Fehler

  • Patchwork: Takte verschiedener Gattungen ohne Richtung aneinandergeklebt.
  • Vereinzelte Achtel oder Achtel auf der betonten Zählzeit.
  • Zu viele Synkopen hintereinander: Die Linie verliert Lebendigkeit; zu viele Viertel: Sie wird zur Instrumentalstudie.
  • Dissonanzen im falschen Notenwert: Eine Dissonanz in der halben Note auf der unbetonten Zählzeit muss durchgehend sein; im Viertel folgt sie den Regeln der dritten Gattung; gebunden muss sie auflösen.

Moderne Anwendung

  • Gegenstimmen im orchestralen Pop: Eine Violine oder Flöte, die unter der Hauptstimme lange Noten, kurze Tonleitern und Vorhalte abwechselt, ist angewandte fünfte Gattung.
  • Filmmusik: Die kontrapunktischen Linien der Holzbläser über einem Blechbläserchoral (Fantasy-Stil) folgen dieser Logik rhythmischer Vielfalt.
  • Chöre: Antwortstimmen, die die Pausen des Solisten mit variierten Rhythmen füllen, ohne je den Text zu überdecken, sind ein direktes Beispiel.

Verweise

Kontrapunkt der fünften Gattung, modale zweite bis vierte Gattung, Verzierungen, zweistimmige Invention, fünfte Gattung zu drei Stimmen.

Quellen

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