Definition
Ein Cluster (Tontraube) ist ein Akkord aus benachbarten Tönen im Abstand einer Sekunde (große oder kleine). Anders als Terzakkorde hat er keinen klaren Grundton: Er ist ein Klangblock, dessen Wahrnehmung von Register, Klangfarbe und Dynamik abhängt.
Arten
| Art | Beispiel | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Diatonisch (weiße Tasten) | C D E F G | modale Farbe, „pandiatonisch“ |
| Pentatonisch (schwarze Tasten) | C# D# F# G# A# | weich, kein Halbton |
| Chromatisch | C C# D D# E | maximale Dichte, Spannung |
| „Offener“ Cluster (Voicing in verteilten Sekunden) | C D … G A in verschiedenen Registern | Jazz und moderner Pop |
Geschichte
- Henry Cowell (1897–1965) prägte den Begriff Tone Cluster und spielte ihn mit Unterarmen und Handflächen auf dem Klavier: The Tides of Manaunaun (um 1917).
- Charles Ives: schreibt in der Concord Sonata ein Holzbrett vor, mit dem ein Cluster gedrückt wird.
- Béla Bartók: Cluster in der Klaviersonate und im Mikrokosmos.
- Krzysztof Penderecki: Threnos – Den Opfern von Hiroshima (1960) für 52 Streicher, mit Vierteltoncluster, die sich weiten und verengen.
- György Ligeti: Atmosphères (1961), Mikropolyphonie: Dutzende Linien in einem sich langsam bewegenden Cluster (von Kubrick in 2001: Odyssee im Weltraum verwendet).
Akustik: Warum das Register zählt
Zwei Töne im Halbtonabstand erzeugen Schwebungen in Höhe der Frequenzdifferenz:
- C3 (130,8 Hz) und C#3 (138,6 Hz): etwa 7,8 Schwebungen pro Sekunde, rauer und matschiger Klang.
- C5 (523,3 Hz) und C#5 (554,4 Hz): etwa 31 Schwebungen pro Sekunde, eher als „Flimmern“ denn als Rauheit wahrgenommen.
Deshalb werden enge Cluster in mittlerer bis hoher Lage geschrieben; unterhalb von C3 werden sie zu Rauschen. Es ist dieselbe Logik wie bei den „Low Interval Limits“ der Arrangeure.
Cluster in Jazz und Pop
- Voicings mit Sekunden: Cmaj9, gespielt als B – C – D – E – G (innere Sekunden), ergibt eine moderne Farbe (Bill Evans, Keith Jarrett).
- Sus2 und add9 im Pop: C – D – G (sus2) und die „Sekunde“ zwischen 9 und 3 (D – E) in Cadd9 sind „gezähmte“ Cluster.
- Ambient-Pads: langsame diatonische Cluster (5–7 Töne) mit 1–3 s Attack und langem Hall.
Cluster in Film und Sounddesign
- Streicher: ein chromatischer Cluster, der von pp auf fff anwächst = Schrecken (Horror, Thriller).
- Tiefes Blech: Cluster aus großen Sekunden im Fortissimo = Bedrohung.
- Chöre: Vokalcluster (aleatorisch oder notiert) für übernatürliche Szenen.
Wie man ihn schreibt (Produktionstipps)
- Verteile die Töne auf mehrere Instrumente oder Spuren (jedes mit seinem Ton): Das klingt reicher und ist besser kontrollierbar.
- Automatisiere die Lautstärke der einzelnen Töne, damit der Cluster „atmet“.
- Verwende einen EQ, um Anhäufungen bei 200–500 Hz zu vermeiden; bei tiefen Clustern setze einen HPF ein.
- Ein Chorus oder leichtes Detune erhöht die wahrgenommene Dichte.
Übung für Produzenten
- Erstelle 5 Streicherspuren (oder 5 Instanzen eines Pads) mit den Tönen C4 – D4 – E4 – F4 – G4.
- Lass die Töne bei 70 BPM einen pro Takt einsetzen (Dichte-Crescendo).
- Löse im fünften Takt auf einen offenen C-Dur-Akkord (C3 G3 E4) auf: Der Effekt ist der eines „sich lichtenden Nebels“.
Verwandte Themen
Quartenharmonik, Pandiatonik, die Obertonreihe, Harmonik für Film, Voicing.