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Ausdrucks- und Charakterbezeichnungen: dolce, cantabile, con brio und ihre Modifikatoren

Definition

Neben Tempo und Dynamik gibt der Komponist den Charakter an, mit dem ein Stück oder eine Passage auszuführen ist. Diese Ausdrucksbezeichnungen sind fast immer italienisch, die internationale Sprache der Musik seit dem 17. Jahrhundert; seit dem 19. Jahrhundert finden sich auch Angaben auf Deutsch, Französisch und Englisch. Sie werden kursiv unter das Notensystem (für Instrumente) oder darüber (für Stimmen und in modernen Partituren) geschrieben.

Die gebräuchlichsten Bezeichnungen

BezeichnungPraktische Bedeutung
dolceweicher Klang, ohne Härten
cantabilegebundene, gesangliche Phrasierung, die Melodie „singt“
espressivomit Intensität, mit Freiheit in Dynamik und Agogik
con briomit Schwung und Energie
con fuocomit Leidenschaft und Ungestüm
maestosofeierlich, breit, ohne Eile
graziosoleicht und elegant
scherzando / giocosospielerisch, brillant, oft staccato
agitatounruhig, bewegt
appassionatomit intensiver Leidenschaft
sostenutovoller, gehaltener Klang (manchmal auch leicht zurückgehaltenes Tempo)
leggero (leggiero)leichter, artikulierter Klang
marcatojede Note akzentuiert und deutlich abgesetzt
pesanteschwer, mit Gewicht auf jeder Note
misteriosogedämpft, rätselhaft
mesto / lamentosotraurig, wie eine Klage
tranquilloruhig
sotto vocemit halber Stimme, innig
morendo / smorzando / perdendosiverlöschend, im Klang und oft im Tempo

Die Modifikatoren

  • molto, assai: sehr (Allegro assai = sehr schnell).
  • poco, un poco: ein wenig; poco a poco: allmählich.
  • più / meno: mehr / weniger (più mosso, meno mosso).
  • non troppo, ma non troppo: ohne zu übertreiben (Allegro ma non troppo).
  • sempre: immer, für die ganze Passage; subito: plötzlich.
  • quasi: fast, als ob; simile: auf dieselbe Weise fortfahren.
  • con / senza: mit / ohne (con sordina, senza pedale).

Bezeichnungen in anderen Sprachen

  • Deutsch: langsam, lebhaft, mit Ausdruck, innig, zart. Schumann, Mahler und Brahms verwenden sie oft.
  • Französisch: très modéré, cédez (langsamer werden), retenu (zurückgehalten), en dehors (hervorgehoben), expressif. Debussy und Ravel setzen sie raffiniert ein.
  • Englisch: in modernen Partituren und in der Filmmusik (driving, with intensity, laid back).

Praktische Regeln

  • Die Charakterbezeichnung ist kein „Vorschlag“: Sie verändert die Wahl von Artikulation, Dynamik und sogar Tempo.
  • Schreibe die Angabe dort, wo der Charakter beginnt, und wiederhole sie in den Stimmen aller beteiligten Instrumente.
  • Häufe keine widersprüchlichen Bezeichnungen an: dolce e marcato muss begründet sein (zum Beispiel eine weiche, aber deutlich gegliederte Melodie).
  • Sempre erspart es, eine Angabe in jedem Takt wiederholen zu müssen.

Typische Fehler

  • Sostenuto immer als „langsamer“ übersetzen: In vielen Zusammenhängen bedeutet es vor allem Klangfülle.
  • Espressivo überall verwenden: Es verliert seine Bedeutung. Reserviere es für die Momente, in denen die Linie hervortreten soll.
  • Meno mosso (langsamer) und più mosso (schneller) verwechseln.

Beispiele

  • Beethoven, Fünfte Sinfonie und Sinfonie „Eroica“, erster Satz: Allegro con brio.
  • Beethoven, Sonate op. 27 Nr. 2, erster Satz: Adagio sostenuto, mit der Anweisung, das ganze Stück äußerst zart und ohne Dämpfer (also mit Pedal) zu spielen.
  • Chopin, Etüde op. 10 Nr. 3: Lento ma non troppo.
  • Brahms, Zweite Sinfonie, erster Satz: Allegro non troppo.
  • Debussy, Clair de lune: Andante très expressif.
  • Satie, Gnossiennes: poetische und ironische Angaben auf Französisch anstelle der traditionellen Bezeichnungen.

Anwendung beim Komponieren

  • Wähle zuerst den Charakter, dann das Tempo: Allegro grazioso und Allegro con fuoco können dieselbe Metronomzahl haben und doch gegensätzlich klingen.
  • Wenn du für Musiker im Studio schreibst, vermittelt eine klare Bezeichnung (cantabile, marcato, leggero) mehr als zehn Artikulationszeichen.
  • Übersetze die Bezeichnung in Stimmen für virtuelles Orchester in der DAW in konkrete Entscheidungen: gesampelte Artikulation, Velocity-Kurve, Vibratomenge.

Übung

  1. Spiele dieselbe Melodie dolce, marcato und agitato, ohne das Tempo zu ändern: Notiere, was sich ändert.
  2. Schreibe die Charakterangaben für die drei Abschnitte eines eigenen Stücks (Strophe, Refrain, Bridge).
  3. Übersetze fünf in einer Partitur gefundene deutsche oder französische Angaben ins Italienische.

Verweise

Agogik und Tempobezeichnungen; Dynamik; Artikulationen; Ausführungsanweisungen in der Partitur; Lesen der Orchesterpartitur.

Quellen

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