HarmonielehreFortgeschritten3 Min. Lesezeit

Plagalkadenz und Moll-Plagal (IV–I, iv–I und Varianten)

Definition

Die Plagalkadenz ist die Bewegung IV → I (in C: F → C). Sie wird auch „Amen-Kadenz“ genannt, weil in Chorälen und Hymnen das Schlusswort „Amen“ oft so harmonisiert wird. Gegenüber der authentischen Kadenz (V → I) hat sie keinen Leitton: Sie ist weicher, feierlicher, „aus Schwerkraft“ abschließend.

Stimmführung

F (F A C) → C (C E G):

  • C bleibt liegen (gemeinsamer Ton)
  • A fällt nach G
  • F fällt nach E

Zwei Stimmen fallen stufenweise: eine Auflösung „nach unten“, das Gegenteil des steigenden Leittons.

Die Moll-Plagal (iv → I)

Durch Entlehnung des Moll-iv aus dem parallelen Tongeschlecht: Fm → C.

  • Ab → G (b6 → 5): sehr starker fallender Halbton
  • F → E, C bleibt

Die Farbe ist nostalgisch, filmisch, „Gospel“. In der negativen Harmonik ist das iv das Spiegelbild des V: Das erklärt, warum iv–I „so überzeugend auflöst“ wie V–I.

Varianten

VarianteAkkorde in CWirkung
IV – IF – Cklassisch, „Amen“
IV – iv – IF – Fm – Cchromatischer Abstieg A – Ab – G
iv6 – IFm6 – C (F Ab C D)enthält D, das nach E steigt: fast ein V
ivm7 – IFm7 – CJazz-/Soul-Farbe
ii7 – I (ii als IV mit Sexte)Dm7 – C„sanfte“ Plagalkadenz
bVI – IAb – C„heroisch“, Film und Rock
bVII – IBb – Cmixolydische Plagalkadenz, Rock
bVII – IV – I (doppelte Plagalkadenz)Bb – F – Czwei Plagalschritte in fallenden Quinten
IV/I – IF/C – CPlagalkadenz über Tonikaorgelpunkt (Gospel, Pop)

Die doppelte Plagalkadenz (bVII – IV – I) ist der Schluss von Hey Jude von den Beatles (Coda in F: F – Eb – Bb – F).

Echte Beispiele

  • The Beatles, In My Life (1965, A-Dur): In der Strophe D → Dm → A, also IV – iv – I.
  • Radiohead, Creep (1992, G): G – B – C – Cm: Das C → Cm → G ist IV – iv – I.
  • The Beatles, Let It Be: Der Refrain schließt mit F – C (IV – I) in C.
  • In der geistlichen Musik (Händel, lutherische Choräle) folgt die Plagalkadenz oft auf eine authentische Kadenz als „bestätigende Coda“.

Plagalkadenz und Gospel

Im Gospel ist die Plagalkadenz die „heimische“ Kadenz: I – IV/I – I, wobei das IV oft angereichert wird (F/C, Fmaj9/C, Fm6/C). Jacob Collier verwendet die Mollsubdominante häufig als Alternative zur Dominante und stützt sich genau auf diese Logik.

Übung für Produzenten

  1. Schreibe einen Refrain, der mit G7 → C schließt.
  2. Wiederhole mit F → C, dann F → Fm → C, dann Fm6 → C.
  3. Weise den Schluss einem Chor zu (Vokal-Pad oder gesampelter Choir) mit Hall-Reverb 2,5–3 s: Höre, wie die Plagalkadenz sich „öffnet“.
  4. Wähle die zur Emotion des Textes passendste Version; nutze die Moll-Plagal im letzten Refrain für einen nostalgischen Touch.

Querverweise

Kadenzen (Grundkarte), modaler Austausch, negative Harmonik, Gospel-Harmonik, Mixolydisch im Rock.

Quellen

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