HarmonielehreFortgeschritten3 Min. Lesezeit

Line Cliché: chromatische Innenlinien über einem Akkord

Definition

Das Line Cliché ist eine chromatische (oder diatonische) Linie einer Innenstimme, die sich bewegt, während der Rest des Akkords liegen bleibt. Die „Grund“-Harmonie ist ein einziger Akkord (oder zwei), aber die Farbe ändert sich bei jedem Schritt. Es heißt „Cliché“, weil es ein Standardmodell des amerikanischen Songwritings und des Jazz ist.

Fallendes Moll-Line-Cliché

Über Am: Der Grundton fällt A – G# – G – F#.

AkkordTöneBewegliche Stimme
AmA C EA
Am(maj7)A C E G#G#
Am7A C E GG
Am6A C E F#F#

Oft geht es weiter auf F (Fmaj7) oder auf D9 (das F# wird zur Terz von D).

Steigendes Moll-Line-Cliché (auf der Quinte)

Über Em: B – C – C# – C (5 – b6 – 6 – b6).

  • Em – Em(b6) (= C/E) – Em6 – Em(b6)

Das ist das Herz der berühmten Figur des James Bond Theme (Monty Norman, Arrangement von John Barry): die Linie B – C – C# – C über e-Moll.

Dur-Line-Cliché

  • Fallend auf dem Grundton: C – Cmaj7 – C7 – C6 (C – B – Bb – A) nach F. Something von den Beatles (George Harrison, 1969) verwendet es: C – Cmaj7 – C7 und dann F.
  • Steigend auf der Quinte: C – C+ – C6 – C7 (G – G# – A – Bb), oder C – C+ – C6 – C+ (hin und zurück). Typisch für Intros der 50er–60er Jahre und für Swing.

Echte Beispiele

  • My Funny Valentine (Rodgers & Hart, 1937, c-Moll): Cm – Cm(maj7) – Cm7 – Cm6: das berühmteste Moll-Line-Cliché des Repertoires.
  • Stairway to Heaven (Led Zeppelin, 1971): Das Intro in a-Moll lässt den Bass A – G# – G – F# – F unter arpeggierten Akkorden fallen (Am, E+/G#, C/G, D/F#, Fmaj7).
  • Something (Beatles): Dur-Line-Cliché in der Strophe und Moll-Line-Cliché im Bridge (Am – Am(maj7) – Am7 – D9).
  • James Bond Theme: 5 – b6 – 6 – b6 über Em.

Wie man es schreibt

  • Die bewegliche Stimme muss hörbar sein: Setze sie in ein freies Register oder übergib sie einem anderen Instrument (Streicher, Gitarre, Synth mit weichem Attack).
  • Die anderen Stimmen bleiben liegen: keine Parallelbewegungen, die die Linie überdecken.
  • Typische Dauer: ein Akkord pro Takt oder zwei pro Takt.
  • In Moll klingt die Linie „Noir“; in Dur klingt sie „romantisch“ oder „Vintage“.

Verwendung in der modernen Produktion

  • Im Lo-Fi Hip Hop und im Neo-Soul: Ein 2-Takt-Loop mit Am9 – Am(maj9) – Am9 – Am6/9 erzeugt Bewegung, ohne den Akkord zu wechseln.
  • Im Pop: Der Bridge, der ein Moll-Line-Cliché wiederholt, bringt Spannung vor dem Refrain.
  • Im Kino: langsame Line Clichés in den Streichern (8–16 Takte) für Suspense-Szenen.

Übung für Produzenten

  1. Pad auf Dm für 4 Takte.
  2. Füge eine zweite Spur (Streicher) mit der Linie D – C# – C – B hinzu, ein Ton pro Takt.
  3. Benenne die Akkorde: Dm, Dm(maj7), Dm7, Dm6. Dann geht es weiter mit G7 → C.
  4. Wiederhole in Dur auf F: F – Fmaj7 – F7 – F6 → Bb.

Querverweise

Chromatische Stimmführung, übermäßige Akkorde, Orgelpunkt und Ostinato, Harmonik für Filmmusik, Slash-Akkorde und Umkehrungen im Pop.

Quellen

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