Die Progression
I – III – IV – iv: in G-Dur G – B – C – Cm. Es ist der komplette Ablauf von Creep von Radiohead (Single 1992, Album Pablo Honey, 1993), der fast durch das ganze Stück wiederholt wird. Dieselbe Folge (mit ähnlicher Melodie) findet sich in The Air That I Breathe (Albert Hammond und Mike Hazlewood, Hit der Hollies 1974): Nach einem Rechtsstreit wurden Hammond und Hazlewood als Co-Autoren von Creep geführt.
In C: C – E – F – Fm.
Analyse Akkord für Akkord (G)
| Akkord | G | B | C | Cm |
|---|---|---|---|---|
| Stufe | I | III | IV | iv |
| Töne | G H D | H Dis Fis | C E G | C Es G |
| Funktion | Tonika | Zwischendominante (V/vi), „abgelenkt“ verwendet | Subdominante | Mollsubdominante (Entlehnung) |
- G → B: chromatische obere Mediante (gemeinsamer Ton H). H-Dur ist das V von Em (vi), geht aber nicht nach Em, sondern nach C: eine Art Trugschluss der Zwischendominante (V/vi → IV).
- C → Cm: Moll-Plagal (modale Entlehnung aus g-Moll). Cm → G schließt den Kreis als iv → I.
Die chromatische Innenstimme
Das Geheimnis dieser Folge ist eine Innenstimme, die sich in Halbtönen bewegt:
D (5 von G) – Dis (3 von H) – E (3 von C) – Es (b3 von Cm) – D
Sie steigt um zwei Halbtöne und fällt dann wieder: 5 → #5 → 6 → b6 → 5 bezogen auf G. Diese Linie – gespielt oder impliziert – lässt eine auf dem Papier seltsame Folge „unausweichlich“ klingen.
Neo-Riemannsche Lesart
- G → B = LP (G → Hm → H): zwei minimale Transformationen.
- B → C: Sprung (keine einzelne Transformation), und das ist die „seltsame“ Stelle.
- C → Cm = P.
- Cm → G = die Beziehung der Moll-Plagalkadenz (Cm ist die „N“, Nebenverwandt, von G).
Emotion
Das Dur-III bringt plötzliches Licht (Überraschung); das Moll-iv nimmt das Licht weg (Melancholie). Die Folge wechselt zwischen Euphorie und Enttäuschung: perfekt für den selbstkritischen Text des Stücks.
Weitere Verwendungen derselben Idee
- I – III – IV: im Rock häufig (B wird oft als „unaufgelöste“ Zwischendominante verwendet).
- IV – iv – I: Die zweite Hälfte allein ist die klassische Moll-Plagalkadenz (Beatles, In My Life).
- I – III – vi (G – B – Em): die „korrigierte“ Version, die die Zwischendominante auflöst; weniger überraschend.
Mix und Arrangement in Creep
Das Stück wechselt zwischen cleanen Strophen (arpeggierte Gitarre) und Refrains mit der verzerrten Gitarre von Jonny Greenwood, die mit den berühmten „Schlägen“ vor dem Refrain einsetzt: Die Harmonik bleibt identisch, nur die klangliche und dynamische Behandlung ändert sich. Ein hervorragendes Beispiel dafür, wie das Arrangement die Form auf einem Loop aufbauen kann.
Übung für Produzenten
- Loop in C bei 92 BPM im langsamen 12/8 oder 4/4: C – E – F – Fm (je ein Takt).
- Streicher oder Synth mit der Linie G – Gis – A – As – G im Vordergrund.
- Strophe mit cleaner arpeggierter Gitarre (oder Wurli V mit Tremolo), Refrain mit verzerrter Gitarre und vollem Schlagzeug: dieselbe Folge, zwei Welten.
Verweise
Chromatische Medianten, Plagalkadenz und Moll-Plagal, neo-Riemannsche Theorie, chromatische Stimmführung, modaler Austausch.