Der Blues als Form
Der Blues ist zugleich ein Genre, eine melodische Sprache (Blue Notes, Bending) und eine Form: Die verbreitetste ist der 12-taktige Blues, es gibt aber auch Formen mit 8, 16 und 24 Takten. Dieser Beitrag betrachtet Form und Arrangement; zur detaillierten Harmonik und zu den Jazz-Substitutionen siehe „Der Blues: 12-taktige Form und Harmonik“, „Der Jazzblues“, „Der Moll-Blues“ und „Bird Blues“.
Der 12-taktige Blues und der AAB-Text
Das harmonische Grundschema in A (A7 = I7, D7 = IV7, E7 = V7):
| Takte | 1–4 | 5–8 | 9–12 |
|---|---|---|---|
| Akkorde | I7 I7 I7 I7 | IV7 IV7 I7 I7 | V7 IV7 I7 V7 (Turnaround) |
| Text | A: Verszeile | A: dieselbe Zeile wiederholt (manchmal variiert) | B: Antwortzeile, die mit einem Reim schließt |
Jede viertaktige Zeile hat eine Frage-Antwort-Struktur: Der Sänger singt etwa 2 Takte lang, dann antwortet das Instrument (Fill) in den übrigen 2. Das ist das Call and Response, das aus den Worksongs und der afroamerikanischen Musik stammt.
Varianten der 12-taktigen Form:
- Quick Change (Quick Four): IV7 in Takt 2 (I7 – IV7 – I7 – I7 …).
- Turnaround in den Takten 11–12: I7 – V7, oder I7 – VI7 – ii7 – V7, oder der chromatische Abgang, der für den Chicago Blues typisch ist (A7 – A7/G – D/F♯ – Dm/F – A/E – E7).
- Der Moll-Blues (Im7, IVm7, ♭VI7–V7).
Der 8-taktige Blues
- Gängiges Schema: I – V – IV – IV | I – V – I – V, oder I – I7 – IV – IVm | I – V7 – I – V7.
- Beispiele: „Key to the Highway“ (aufgenommen 1940–41 von Jazz Gillum und von Big Bill Broonzy; später Eric Clapton), „Trouble in Mind“, „Heartbreak Hotel“ (Elvis Presley, 1956).
- Der Text ist in der Regel AB (zwei Zeilen).
Der 16-taktige Blues
- Er entsteht oft durch Verlängerung des ersten Teils (8 Takte I7 statt 4) oder durch Wiederholung der Takte 9–10.
- Beispiel: Herbie Hancock, „Watermelon Man“ (1962), 16-taktiger Blues mit einem Schlussabschnitt, der die Kadenz wiederholt.
Intros, Stop-Time und Schlüsse
- Intro „vom V“: Man steigt mit den letzten 4 Takten der Form ein (V7 – IV7 – I7 – V7), sodass der erste Chorus auf der Tonika beginnt.
- Intro mit Riff: 2 oder 4 Takte des Hauptriffs über I7.
- Stop-Time: In den ersten 4 Takten des Chorus spielt die Band nur den ersten Schlag jedes Takts (oder 2 Schläge) und lässt Gesang oder Solisten frei stehen: ein Klassiker für die mittleren Chorusse.
- Schlüsse: chromatischer Abgang über dem V (E7 – F7 – E7 oder ♭II7–I7: B♭7 – A7), Triller des Gitarristen, gehaltener I9- oder I7♯9-Akkord; im Rock ’n’ Roll der „wiederholende“ Schluss auf den letzten beiden Takten.
Die Form eines Bluesstücks (Arrangement)
- Intro (4 Takte: V–IV–I–V oder Riff).
- Gesungener Chorus 1 (12).
- Gesungener Chorus 2 (12).
- Gitarren- oder Mundharmonikasolo (1–3 Chorusse).
- Gesungener Chorus mit Stop-Time oder geringer Dynamik.
- Schluss-Chorus (oft ein „Shout“ in voller Lautstärke).
- Schluss mit Turnaround und Abschlussakkord.
Im Jazz folgt der Blues der Logik Head–Soli–Head (siehe den entsprechenden Beitrag), wobei die 12-taktigen Themen zweimal gespielt werden.
Typische Grooves
- Shuffle (Triolen mit erster und dritter Note, Swing bei etwa 66 %): Chicago Blues, Texas Blues.
- Slow Blues im 12/8-Takt: „Red House“ von Jimi Hendrix, B. B. King.
- Gerade Achtel / Rock: „Johnny B. Goode“ (Chuck Berry, 1958), aufgebaut auf der 12-taktigen Form.
- Boogie-Woogie: Ostinatobass in Achteln (Grundton, Terz, Quinte, Sexte, Septime).
Übung für Produzenten
Erstelle in FL Studio eine vollständige Bluesform in A bei 95 BPM mit Swing von 60–66 %: Intro vom V, zwei Chorusse mit einer Stimme oder einem Lead, der jeder Zeile 2 Takte Raum lässt (Call and Response mit einer Gitarre), ein Solo-Chorus, ein Chorus in Stop-Time (nur Schlag 1 jedes Takts für Schlagzeug und Bass), Schluss-Chorus und Schluss mit B♭7 – A7. Versuche mit derselben Struktur, einen 8-taktigen Blues-Rock-Song zu schreiben.
Verweise
Der Blues: 12-taktige Form und Harmonik, Der Jazzblues, Der Moll-Blues, Bird Blues, Head–Soli–Head im Jazz, Call and Response (Frage und Antwort), Bluesskalen, Shuffle und Swing: Prozentwerte und Programmierung.