Form und AnalyseAnfänger3 Min. Lesezeit

Bernstein: „Was ist Melodie?“ (Young People’s Concerts, 1962)

Die Lektion

What Is Melody? ist das Young People’s Concert, das am 21. Dezember 1962 von CBS ausgestrahlt wurde, mit Leonard Bernstein am Pult der New York Philharmonic. Die Ausgangsfrage: Warum gilt manche Musik als „ohne Melodie“? Bernsteins Antwort: Melodie ist nicht nur das eingängige Liedchen, sondern existiert in vielen Formen, und was uns „unmelodisch“ erscheint, ist oft nur ungewohnt für unser Ohr.

Die Formen der Melodie nach Bernstein

FormWas er meintGenannte Beispiele
Tune (Weise, Lied)vollständige, sangliche, in sich geschlossene Melodie„Summertime“ von Gershwin, Schuberts Serenade, „Mack the Knife“
Theme (Thema)Melodie, die dazu gedacht ist, entwickelt zu werden, und der sinfonischen Arbeit „Raum“ lässtThemen der Sinfonien von Beethoven und Mozart
Motive (Motiv)kleiner Keim aus 2–4 Tönen, aus dem lange Linien wachsenBeethoven, Fünfte Sinfonie; Wagner, Vorspiel zu Tristan
Lange LinieMelodie, die sich ohne offensichtliche Wiederholungen entfaltetBach, Italienisches Konzert (II. Satz); Hindemith, Konzertmusik für Streicher und Blech
Bässe und MittelstimmenMelodien, die unter oder innerhalb der Textur liegenBachs Fugen

Schlüsselkonzepte

  • Wiederholung: macht eine Melodie einprägsam („man kann sich daran festhalten“). Je mehr sich eine Melodie wiederholt, desto leichter ist sie; lange, nicht wiederholende Melodien verlangen mehr Aufmerksamkeit.
  • Die „1-2-3“-Methode: eine Phrase, ihre variierte Wiederholung, dann ein „Take-off“, der darüber hinausgeht. Das ist das Schema des Satzes (Sentence; Präsentation und Fortspinnung), einem jungen Publikum erklärt; Bernstein zeigt es auch am Thema der Sinfonie von Franck.
  • Form der Melodie: Sie steigt und fällt wie Spannung und Entspannung.
  • Kontrapunkt ist nicht Abwesenheit von Melodie, sondern Überfluss an Melodie: In Bachs Fugen gibt es mehrere Melodien gleichzeitig.
  • Geschmack ist erlernt: Was heute ohne Melodie scheint, kann morgen vertraut werden (der Fall Wagner, der anfangs als „ohne Melodie“ beurteilt wurde).
  • Schlussbeispiel: das Finale der Vierten Sinfonie von Brahms, aufgebaut auf einem Thema aus acht Tönen mit 30 Variationen (eine Passacaglia): eine minimale Melodie, die einen ganzen Satz erzeugt.

Was ein Produzent lernt

  • Unterscheide Tune und Theme: Ein Pop-Hook ist ein Tune (vollständig, wiederholbar); ein Thema für einen Soundtrack oder ein langes Instrumentalstück muss ein Theme sein (unvollständig, entwickelbar).
  • Nutze die 1-2-3-Methode, um einen Hook zu bauen: Phrase (2 Takte), variierte Wiederholung (2 Takte), Take-off (4 Takte, die zum Höhepunkt aufsteigen und kadenzieren).
  • Behandle Bass und Mittelstimmen als Melodien: Dort wird ein Arrangement „reich“.
  • Wenn eine Melodie schwach wirkt, versuche zuerst die Wiederholung zu erhöhen, bevor du die Töne änderst.

Übung

  1. Schreibe ein Motiv aus 3 Tönen.
  2. Baue mit der 1-2-3-Methode eine Phrase von 8 Takten.
  3. Schreibe sie als „lange Linie“ ohne Wiederholungen um und vergleiche die Einprägsamkeit.
  4. Füge eine Basslinie hinzu, die zugleich eine Melodie ist (Gegenbewegung).

Verweise

Bernstein: Was ist Orchestrierung?, Bernstein: Was ist die Sonatenform?, Bernstein: Was ist ein Modus?, Bernstein: The Unanswered Question, Motiv und motivische Entwicklung, Der Satz (Sentence), Passacaglia und Chaconne, Motivanalyse.

Quellen

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