Definition
Scream und Growl sind Techniken der Stimmverzerrung, die in Metal, Hardcore, Metalcore, Punk, Rock und in einigen Formen von Hip-Hop und Alternative-Pop verwendet werden. Richtig ausgeführt schaden sie der Stimme nicht: Die Verzerrung entsteht vor allem durch Strukturen oberhalb der Stimmlippen (falsche Stimmlippen bzw. Taschenfalten, aryepiglottische Falten), während die echten Stimmlippen relativ normal schwingen. Falsch ausgeführt (Druck, Kehlschrei) verursachen sie Heiserkeit und auf Dauer Schäden.
Referenzen: Melissa Cross, „The Zen of Screaming“ (Lehrvideo, 2005); die Complete Vocal Technique von Cathrine Sadolin, die Effekte wie Distortion, Creak, Rattle, Growl und Grunt beschreibt.
Hauptarten
- Fry Scream: geht vom Vocal Fry aus und fügt Luft und Lautstärke hinzu; hoher, kratzender Scream (Metalcore, Post-Hardcore).
- False Cord Scream: Schwingung der falschen Stimmlippen, voller, „brüllender“ Klang, mittel bis hoch.
- Growl / Low Growl: sehr tiefer, höhlenartiger Klang, typisch für Death Metal und Deathcore, mit viel Resonanz in der Brust und tiefem Kehlkopf.
- Pig Squeal, Gutturals, Tunnel Throat: extreme Varianten des Deathcore und Brutal Death.
- Raspy / Grit: leichte Verzerrung über einer gesungenen Stimme (Rock, Blues, Soul: Janis Joplin, Chris Cornell, Brian Johnson).
- Inhale Scream: Scream beim Einatmen; sehr umstritten und riskant, wird ohne erfahrene Anleitung nicht empfohlen.
Sicherheitsprinzipien
- Kein Schmerz: Wenn es wehtut oder kratzt, aufhören. Heiserkeit am nächsten Tag ist ein Zeichen falscher Technik.
- Atemstütze: konstanter, kontrollierter Luftstrom, aktiver Bauch; der Scream entsteht nicht aus der verengten Kehle.
- Vernünftige Lautstärke: Mit dem Mikrofon nah braucht man nicht extrem laut zu schreien; viele professionelle Screamer sind im Raum überraschend „leise“.
- Aufwärmen: 10–15 Minuten SOVT-Übungen (Lip Trill, Strohhalm), Sirenen, dann leichte Verzerrungen.
- Flüssigkeitszufuhr und Stimmruhe; sehr lange Sessions vermeiden (besser in Blöcken von 20–30 Minuten aufnehmen).
- Bei einer spezialisierten Lehrkraft lernen; bei anhaltenden Problemen einen Phoniater oder HNO-Arzt aufsuchen.
Stufenweise Übungen (Richtwerte)
- 1. Entspannter Vocal Fry auf einem Vokal („a“), bei niedriger Lautstärke.
- 2. Dem Fry Luft hinzufügen, immer ohne Druck.
- 3. „Lachen“ oder „stummer Hustenstoß“, um die falschen Stimmlippen zu spüren, ohne zu forcieren.
- 4. Kurze verzerrte Phrasen bei mittlerer Lautstärke, abwechselnd mit sauberen Phrasen.
- 5. Erst nach Wochen: längere und lautere Phrasen.
Für verzerrte Stimmen schreiben
- Rhythmus: Der Scream ist vor allem rhythmisch: Silben auf den Kick- und Snare-Schlägen, Verdopplungen auf den Schlüsselwörtern.
- Wechsel Clean/Scream: Scream-Strophe, sauberer Refrain (Metalcore: Killswitch Engage, Bring Me the Horizon, Architects) oder umgekehrt.
- Highs und Lows: zwei verzerrte Stimmen, eine hohe und eine tiefe, abwechselnd oder überlagert (typisch für Deathcore).
- Atem: kurze Phrasen mit Pausen, um nicht zu ermüden.
- Die Intonation zählt auch beim Scream: Es gibt immer eine Grundhöhe, die man am besten nahe am Grundton oder an der Quinte hält.
Aufnahme und Mix
- Dynamisches Mikrofon (z. B. Shure SM7B oder SM58) sehr nah, Vorverstärker mit Headroom (Spitzen bei −10/−6 dBFS).
- Kräftige Kompression: schneller FET (Ratio 4:1–8:1, Attack 1–5 ms, 6–10 dB Reduktion), eventuell gefolgt von paralleler Kompression.
- EQ: Hochpass bei 100–150 Hz, Präsenz bei 2–4 kHz, auf harsche Frequenzen zwischen 3 und 6 kHz achten.
- Parallel hinzugefügte Sättigung oder Verzerrung zur Vereinheitlichung; Doubles und Triples für die Refrain-Screams (L/R).
- „Gruppen“-Screams werden wie Gang Vocals gemacht (siehe den entsprechenden Artikel).
Beispiele
- Linkin Park — Given Up (2007): Chester Bennington wechselt zwischen sauberer Stimme und langen Screams.
- Slipknot / Stone Sour: Corey Taylor zwischen Growl, Scream und sauberer Stimme.
- Jinjer: Tatiana Shmayluk wechselt zwischen Growl und sauberem Gesang.
- Arch Enemy: Alissa White-Gluz, weiblicher Growl.
Praktische Übung
Nimm nach 10 Minuten Aufwärmen eine 2-taktige Phrase auf drei Arten auf: saubere Stimme, leichtes Raspy, Fry Scream bei mittlerer Lautstärke. Höre die Grundhöhe jeder Version mit einem Stimmgerät ab. Schreibe dann eine Metalcore-Strophe in d-Moll (Drop D) mit rhythmischen Screams und einem sauberen Refrain, die beide Register abwechselt.
Siehe auch
Vocal Fry und erweiterte Techniken, Stimmregister und Übergänge, Belting, Mixed Voice und Falsett, Doubles und Triples, Gang Vocals.