Definition
Der klassische Stil (etwa 1750–1820: Haydn, Mozart, der junge Beethoven) beruht auf regelmäßigen Phrasen (Vielfache von 2 und 4 Takten), klarer funktionaler Harmonik (I, IV, V, ii6, Kadenzen), begleiteter Melodie und auf Formen, die auf thematischem und tonalem Kontrast aufgebaut sind. Die theoretischen Strukturen (Periode, Satz, Sonatenform) stehen in den Einträgen zu Form und Analyse; hier wird beschrieben, wie man in diesem Stil schreibt, nach dem Ansatz von Schönberg („Fundamentals of Musical Composition“), William Caplin („Classical Form“, 1998) und Robert Gjerdingen („Music in the Galant Style“, 2007).
1. Der Satz (Sentence): Grundidee, Wiederholung, Fortspinnung
Acht Takte in C-Dur:
- Takte 1–2, Grundidee: Motiv auf I (C E G mit einem charakteristischen Rhythmus).
- Takte 3–4, Wiederholung: dasselbe Motiv auf V (G7) oder transponiert.
- Takte 5–6, Fortspinnung: Fragmentierung (Motive von 1 Takt), schnellerer harmonischer Rhythmus.
- Takte 7–8, Kadenz: ii6–V7–I (Dm/F – G7 – C) für eine authentische Kadenz oder Schluss auf V für einen Halbschluss.
Berühmtes Beispiel: Beethoven, Sonate op. 2 Nr. 1 in f-Moll, Takte 1–8.
2. Die Periode: Vordersatz und Nachsatz
- Vordersatz (4 Takte): Grundidee (2) + kontrastierende Idee (2), schließt auf V (Halbschluss).
- Nachsatz (4 Takte): dieselbe Grundidee, schließt auf I (vollkommene authentische Kadenz).
Beispiel: Mozart, Sonate in A-Dur KV 331, Variationsthema.
3. Das Begleitschema
- Alberti-Bass: gebrochener Akkord tief–hoch–mittel–hoch in Achteln oder Sechzehnteln (C G E G). Mozart, Sonate in C-Dur KV 545, 1. Satz.
- Repetierte Akkorde in Achteln für die Streicher.
- Bass und Akkorde (Oom-Pah) für Menuette und Tänze.
4. Die galanten Schemata (Gjerdingen)
Bass- und Melodieformeln, die die Komponisten des 18. Jahrhunderts auswendig lernten:
- Romanesca: absteigender Bass 1–7–6–3 (C–H–A–E) mit den Harmonien I–V6–vi–iii6, Melodie in Terzen oder in Gegenbewegung.
- Prinner: Melodie 6–5–4–3 (A–G–F–E) über einem Bass 4–3–2–1 (F–E–D–C): die typische „Antwort“ auf eine Eröffnung.
- Monte: aufsteigende Sequenz V7/IV–IV, V7/V–V (C7–F, D7–G).
- Fonte: absteigende Sequenz V7/ii–ii, V7–I (A7–Dm, G7–C).
- Do-Re-Mi: Melodie 1–2–3 über I–V6–I (Eröffnung).
Sie zu kombinieren ist der schnellste Weg zu einer „mozartschen“ Arie.
5. Die Durchführung
Im Durchführungsteil der Sonatenform:
- Fragmentierung des ersten Themas (nur der Anfang);
- Sequenzen (Monte, Fonte oder im absteigenden Quintfall: Am–Dm–G–C);
- Modulationen zu den Paralleltonarten und weiter entfernten Tonarten (vi, ii, iii; in Moll die Durparallele und die Subdominante);
- imitierender Kontrapunkt zwischen den Stimmen;
- Rückleitung: langer Dominantpedalton (G), der die Reprise in C vorbereitet.
6. Kadenzen und harmonischer Rhythmus
- Langsamer harmonischer Rhythmus am Phrasenanfang (1 Akkord pro Takt), schneller zur Kadenz hin (2 pro Takt).
- Kadenz mit Kadenzquartsextakkord (C/G–G7–C) vor wichtigen Schlüssen.
- Halbschluss mit Dominante, der ein übermäßiger Sextakkord (As–Fis) vorausgeht, in den Überleitungen.
7. Klassisches Orchester
Streicher als Basis, 2 Oboen oder Flöten, 2 Fagotte, 2 Hörner, eventuell 2 Trompeten und Pauken. Erste Violinen mit der Melodie, zweite Violinen und Bratschen mit der Begleitung, Violoncello und Kontrabass in der Oktave auf dem Bass. Die Bläser verdoppeln in den Tutti und halten die Harmonien.
Praktische Übung
Schreibe in C-Dur: einen Satz von 8 Takten mit Alberti-Bass, danach eine Periode von 8 Takten, die mit Do-Re-Mi beginnt und mit einem Prinner und einer Kadenz ii6–6/4–V7–I schließt. Entwickle dann die Grundidee in 12 Takten mit einer Fonte, einer Modulation nach a-Moll und einem Dominantpedalton.
Verweise
Die Periode, Der Satz (Sentence), Die Sonatenform, Motiv und motivische Entwicklung, Kadenzen, Begleitmuster am Klavier, Harmonische Sequenzen.