Definition
In der tonalen Harmonik haben nicht alle Akkordfolgen dieselbe Wirkung. Entscheidend ist, um wie viel sich der Grundton von einem Akkord zum nächsten bewegt. Die Klassifizierung dieser Bewegungen hilft zu verstehen, warum manche Fortschreitungen „natürlich“ und zielgerichtet klingen, während andere zurückzugehen scheinen.
Die drei starken Bewegungen
| Grundtonbewegung | Beispiele in C | Wirkung |
|---|---|---|
| Quinte abwärts (= Quarte aufwärts) | V–I, ii–V, vi–ii, iii–vi, I–IV | die stärkste: Der Grundton des ersten Akkords wird zur Quinte des zweiten |
| Terz abwärts | I–vi, vi–IV, IV–ii | weich: zwei gemeinsame Töne, der neue Akkord „färbt“ den vorhergehenden |
| Sekunde aufwärts | IV–V, V–vi, ii–iii | dynamisch: kein gemeinsamer Ton, starkes Gefühl des Vorwärtsgehens |
Die schwachen Bewegungen (Retrogressionen)
- Quinte aufwärts (V–ii, I–V ausgenommen): Der Grundton des zweiten Akkords war bereits als Quinte im ersten enthalten, die Wirkung ist die einer Rückkehr.
- Terz aufwärts (I–iii, vi–I): klingt oft wie eine „Verstärkung“ desselben Akkords.
- Sekunde abwärts (V–IV, vi–V): typisch für Blues und Rock, im klassischen Stil selten.
Die Retrogressionen sind keine Fehler: Sie sind weniger zielgerichtet. In Pop und Rock (V–IV–I) gehören sie zur Sprache.
Die Tabelle der üblichen Akkordfolgen (klassischer Stil, Dur)
| Akkord | Geht gewöhnlich zu | Manchmal zu | Seltener zu |
|---|---|---|---|
| I | IV oder V | vi | ii, iii |
| ii | V | IV, vi | I, iii |
| iii | vi | IV | I, ii, V |
| IV | V | I, ii | iii, vi |
| V | I | IV, vi | ii, iii |
| vi | ii oder V | iii, IV | I |
| vii° | iii | I | — |
Das I ist ein Sonderfall: Es kann zu jedem Akkord gehen, weil es der Ausgangspunkt jeder Phrase ist. Das vii° wird in der Praxis fast immer als unvollständige Dominante verwendet (vii°6 → I).
Der funktionale Weg
Zusammengefasst: Tonika → Subdominante (ii, IV) → Dominante (V, vii°) → Tonika. Das vi und das iii dienen als Verbindungsakkorde: Das vi führt zu den Subdominanten, das iii zum vi oder zum IV.
Praktische Regeln
- Für eine Phrase mit klarer Richtung verwende zur Kadenz hin vor allem Quinten abwärts und Sekunden aufwärts.
- Verwende Terzen abwärts, um eine Funktion zu verlängern, ohne sie zu wechseln (I–vi, IV–ii).
- Die Folge V–IV ist im klassischen Stil zu vermeiden, passt aber hervorragend in ein Rock- oder Bluesstück.
- Eine lange Kette von Quinten abwärts (vi–ii–V–I und weiter) ist die Grundlage der Quintfallsequenzen.
Typische Fehler
- Zu glauben, jeder Akkord könne zu jedem anderen gehen, „weil es klingt“: Im klassischen tonalen Stil zählt die Richtung.
- Das iii als Subdominantakkord verwenden (iii–V): Es klingt schwach und mehrdeutig.
- Die Funktion umkehren: Dominante vor der Subdominante (V–ii–I), was die Kadenz schwächt.
Beispiele
- Gloria Gaynor, „I Will Survive“: Am–Dm–G–C–F–Bø–E, eine Kette diatonischer Quinten abwärts.
- Pachelbels Kanon: D–A–Hm–Fism–G–D–G–A wechselt Quarten abwärts (also Quinten aufwärts, eine schwache Bewegung) und Sekunden aufwärts, die den Vorwärtsdrang zurückgeben.
- Bach-Choräle: Fast jede Phrase endet mit der Folge ii6–V–I oder IV–V–I.
- Blues: Die Wendung V–IV–I ist eine bewusste Retrogression, die dem Genre seinen Geschmack gibt.
Anwendung beim Komponieren
- Wenn dir eine Progression „flach“ vorkommt, kontrolliere die Grundtonbewegungen: Oft ist ein Übermaß an Retrogressionen die Ursache.
- Für einen Refrain, der vorantreiben soll, verwende Grundtöne, die stufenweise steigen (IV–V–vi) oder um eine Quinte fallen (ii–V–I).
- Für eine schwebende, modale Atmosphäre verwende gezielt Terzen aufwärts und Sekunden abwärts.
Übung
- Schreibe drei Progressionen aus acht Akkorden in G-Dur, die nur Quinten abwärts und Sekunden aufwärts verwenden.
- Nimm eine Pop-Progression, die du kennst, und klassifiziere jede Grundtonbewegung.
- Schreibe eine Progression voller Retrogressionen so um, dass sie zielgerichteter wird, und ändere dabei nur zwei Akkorde.
Verweise
Diatonische Funktionen: Tonika, Subdominante, Dominante; Harmonische Sequenzen und Quintfallsequenz; Dreiklänge in Grundstellung verbinden; Kadenzen; Progressionen und Loops im Pop.